80 Minuten lang kläglich versagt

von Werner Haller, Wochen-Zeitung - Aus Gewinnern sind bereits wieder Verlierer geworden. Nach drei Siegen in den ersten drei Spielen nach dem Trainerwechsel von John Fust zu Alex Reinhard erlitten die Emmentaler nun vier Niederlagen in Serie.

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Der Preis für Selbstüberschätzung
Die 0:4-Niederlage gegen die Leventiner war der Preis, den sich die Langnauer in Biel mit der Überschätzung der eigenen Leistung und der 3:1-Führung selbst eingehandelt hatten. Sie waren wieder verunsichert, plan- und emotionslos wie während der Serie von acht Niederlagen von Mitte November bis zur Entlassung von Headcoach John Fust am 9. Dezember. Nach den erfolgreichen ersten 40 Minuten in Biel verloren sie die Kontrolle über Spiel und Gegner völlig und waren seither unfähig, sie zurückzuerlangen. Die McLean-Linie, die in Biel mit zwei Toren in den ersten 15 Minuten noch vielversprechend begonnen hatte, stand in den verhängnisvollen 80 Minuten bei nicht weniger als vier der acht Gegentore im Einsatz und wurde damit ihrer Leaderrolle nicht gerecht. Verteidiger Martin Stettler wird es nicht leicht haben, wenn er vom NLB-Klub La Chaux-de-Fonds zurückkehrt und ab Samstag wieder für seinen Stammklub spielt.


Schon 13 Spiele mit zwei Ausländern
In den letzten 13 Spielen traten die SCL Tigers nur mit zwei Ausländern, Kurtis McLean und Pascal Pelletier, an. Die Teamführung hofft, dass sich der kanadische Verteidiger Mark Popovic noch rechtzeitig von den Folgen seiner Hirnerschütterung erholt. So oder so, im Hinblick auf das Playout halten sie Ausschau nach einem vierten Ausländer. Der Transfermarkt in Nordamerika hat sich durch die Beendigung des Lockouts verändert. Die Trainingscamps der NHL-Klubs werden auf ein Minimum von Tagen reduziert und gelten mit den Vertragsspielern ausschliesslich der Meisterschaftsvorbereitung. Ein Konkurrenzkampf um die letzten Kaderplätze wird kaum stattfinden und damit wird auch die Anzahl von frei werdenden Spielern geringer als in früheren Jahren sein. Dafür beginnt in den europäischen Ligen bei den Klubs mit stark reduzierten Playoffchancen allmählich der «Ausverkauf» der teuersten Spieler.

 
Ennis und Spurgeon unter den Allerersten
whz. Zu den allerersten Spielern, die nach Beendigung des NHL-Lockouts den vorerst noch nicht organisierten Trainingsbetrieb aufnahmen, gehörten Jared Spurgeon in Minnesota und Tyler Ennis in Buffalo. Die beiden Kanadier verliessen die SCL Tigers Anfang Dezember und kehrten zur Behandlung ihrer Verletzungen nach Nordamerika zurück. «Ich habe die Langnauer wirklich nicht gerne im Stich gelassen, aber es war rückblickend betrachtet doch die einzig richtige Entscheidung», sagte Tyler Ennis nach seinem Comeback auf NHL-Eis mit acht anderen Buffalo-Spielern. «Ich bin wieder hundertprozentig fit und kann den NHL-Meisterschaftsstart kaum erwarten.» In Minnesota erhielt Jared Spurgeon gleich einen ganz speziellen Auftrag. Er musste den von Nashville übernommenen Starverteidiger Ryan Suter (7,5 Millionen Dollar pro Saison) ins Minnesota-System einführen.



Einblick in eine neue Eishockeywelt
Die Elitejunioren der SCL Young Tigers erhielten während einer zehntägigen Russlandreise einen unvergesslichen Einblick in eine neue Eishockeywelt. Dank den Beziehungen von Headcoach Konstantin Kuraschew kam eine Tournee mit Spielen gegen die Nachwuchsteams von Kurgan (3:2 n.P.), Tyumen (2:3), Jekaterinburg (3:2), Tscheljabinsk (1:4) und Magnitogorsk (1:5) zustande. Jeder Spieler musste 600 Franken für den Flug bezahlen, Unterkunft, Verpflegung und Transporte übernahmen die Gastgeber. Nicht dabei waren die Junioren-Internationalen Yannick Rathgeb und Patrick Bandiera (U18), Fabian Haberstich (U16) und Simon Sterchi (NLA-Team). Tom Gerber, der in dieser Saison zum erweiterten Kader der ersten Mannschaft gehört, machte die Reise mit, konnte nach seinem Handbruch aber noch nicht eingesetzt werden. Anders Valentin Lüthi, der nach seiner im November am U20-Turnier in Kanada erlittenen Hirnerschütterung erstmals wieder spielen konnte. Der 19-jährige Verteidiger hat als Junioren-Internationaler bereits alle grossen Eishockeynationen bereist, in Russland war er aber bisher noch nie. Die Stadien, besonders diejenigen der KHL-Klubs Magnitogorsk, Tscheljabinsk und Jekaterinburg, würden einen Vergleich mit den NHL-Arenen standhalten, erzählt Valentin Lüthi. Auch von den Nachwuchsorganisationen ist der Schreinerlehrling beeindruckt: «Es ist eine ganz andere Eishockeywelt. Bereits im Juniorenbereich wird sehr professionell und mit grossem Aufwand gearbeitet. Die hoffnungsvollsten Talente sind Profis, die monatlich 2000 Euros verdienen. Sie leben in Klub-WG’s, Verpflegung, Ausrüstung und anderes werden vom Verein finanziert. Sie können sich voll auf die Entwicklung ihrer Karriere konzentrieren.» Ein ganz entscheidender Unterschied zu unserer Juniorenbewegung ist der viel grössere Konkurrenzkampf. «Unsere zwei letzten Gegner Tscheljabinsk und Magnitogorsk wiesen NLB-Niveau auf,» sagt Valentin Lüthi. «Ihre Kader sind dermassen gross, dass sie ohne weiteres noch je eine gleich starke zweite Mannschaft hätten bilden können. Bis zur höchsten Juniorenstufe muss jeder einzelne Spieler mehr als ein halbes Dutzend Selektionen überstehen. So bleiben schliesslich nur die Besten der Allerbesten übrig.»

 Die ersten vier Spiele des neuen Jahres deckten eines der grössten Probleme der SCL Tigers schonungslos auf: Die fehlende Leistungskonstanz. Zuerst ein 0:5 in Genf gegen den starken Tabellendritten Servette. Danach die positive Reaktion mit einer knappen 2:3-Heimniederlage nach Penaltyschiessen gegen den Ranglistenvierten Zug und eine 3:1-Führung nach zwei Dritteln in Biel. Aber dann folgten 80 Minuten, in deren Verlauf die SCL Tigers in praktisch allen Belangen kläglich versagten. Sie verschenkten das Schlussdrittel gegen die Seeländer mit 1:4 und das Derby mit 4:5 und waren im Heimspiel gegen Ambri chancenlos.