Watson, Klaus Zaugg

Brasilien, Kanada, SCL Tigers – die Kulturgeschichte undenkbarer Niederlagen

Bittere Pleite im Playout-Final. Die SCL Tigers vergeigen NLB-Meisterschaft und Wiederaufstieg durch eine 1:5-Pleite im 7. Finalspiel. Nur ein Blick in die Geschichtsbücher kann ein wenig Trost spenden.

Presse •

 

Die Aussage stammt von Karl Marx, dem Erfinder des Kommunismus: Die Geschichte wiederhole sich nicht. Und wenn, dann als Farce.

 

Bei den Langnauern hat sich die Geschichte wiederholt. Nicht als Farce. Aber als sportliches Drama. Zum zweiten Mal in ihrer bewegten Geschichte haben die Emmentaler im letzten Saisonspiel einen sicher geglaubten Titel verspielt.

 

Der Blick zurück: Im Frühjahr 1978 gibt es noch keine Playoffs. Die kommen erst 1986. Meister in der aus acht Teams bestehenden NLA ist das Team, das nach 28 Runden am meisten Punkte hat.

 

Eine Runde vor Schluss stehen die Langnauer mit einem Punkt Vorsprung vor dem EHC Biel auf Platz eins. Die letzte Meisterschaftspartie wird an der Ilfis gespielt. Gegner ist der SC Bern. Im Titelrennen bereits chancenlos. Mit einem Sieg sind die Emmentaler zum zweiten Mal nach 1976 Meister.

 

Natürlich weiss jeder, dass es in diesem letzten Spiel eine Niederlage absetzen kann. So wie 2014 auch jeder weiss, dass es möglich ist, gegen Visp zu Hause zu verlieren. Aber niemand kann sich vorstellen, dass das Spiel tatsächlich verloren gehen könnte. Die Langnauer haben in der Saison 1977/78 die vorangehenden drei Partien gegen den SCB gewonnen: 2:0, 8:2 und 7:4. Da wird man doch den SCB auch in diesem allerletzten Spiel bodigen! Alle Segel des Selbstvertrauens sind gesetzt und blähen sich in einer sanften Brise der Zuversicht.

 

Die Emmentaler sind der Belastung nicht gewachsen. So wie 2014. Die Langnauer haben die vorangegangenen Heimspiele gegen Visp in dieser Finalserie gewonnen. Da wird man doch Visp auch in diesem vierten Final-Heimspiel bodigen! Alle Segel des Selbstvertrauens sind gesetzt und blähen sich in einer sanften Brise der Zuversicht.

 

Beim Saisonfinale 1978 gegen den SCB führen die Langnauer bis zur 22. Minuten 1:0. Aber am Ende verlieren sie trotz drückender Überlegenheit 3:6. Torhüter Jürg Jäggi spielt die beste Partie der Saison. Biel gewinnt zu Hause 4:1, überholt die Langnauer und wird zum ersten Mal Meister. Es gibt einen Augenblick, den alle, die im Stadion sind, nie mehr vergessen werden: Sechs Minuten vor Schluss, Langnau ist besiegt, Biels Sieg gegen Kloten steht fest, erhebt sich der schwergewichtige Liga-Präsident, Nationalrat und Weinbauer André Perey auf der Tribune und verlässt, für alle sichtbar, mit dem Pokal die Arena. Er rast mit dem Auto nach Biel um den „Chübel“ dort den Bielern zu übergeben.

 

So dramatisch war es am Dienstag in Langnau nicht. Der Sieger der 7. NLB-Finalpartie ist Meister und der Pokal kann so oder so im Iflisstadion übergeben werden. Visp bekommt den Meisterpokal.

 

Kann sich Langnau von dem Schock erholen? Schauen wir noch einmal zurück. Der kanadische Spielertrainer Normand Beaudin, der die Langnauer 1977 und 1978 auf den zweiten Platz geführt hat, wird aus einem weiterlaufenden Vertrag gefeuert und durch den schwedischen Hockeyprofessor Arne Strömberg ersetzt. Aber Langnau hat seither nie mehr den Meistertitel geholt und ist einer Meisterschaft nie mehr so nahe gekommen wie im Frühjahr 1978. 2014 hat die Pleite keine Folgen für den Trainer: Der Schwede Bengt-Ake Gustafsson bleibt.

 

Es gibt noch eine Parallele zwischen 1978 und 2014. 1978 profitiert Biel von Langnaus Niederlage und wird Meister. 2014 profitiert Biel von Langnaus Niederlage erneut: Die Seeländer dürfen nun in der Liga-Qualifikation gegen Visp antreten. Und müssen nicht gegen „Angstgegner“ Langnau um den Klassenerhalt zittern. Jetzt sollte der Abstieg kein Thema mehr sein. Oder?

 

Warum hat Langnau verloren? Es ist eine dieser Niederlagen, die eigentlich unvorstellbar sind und doch passieren. Die Sportgeschichte kennt weitere solche Spiele. Beispielsweise das Schlussspiel der WM 1950 in Brasilien. Im ausverkauften Maracana-Stadion braucht Brasilien gegen Uruguay ein Unentschieden zum WM-Titel. Eine Niederlage ist unvorstellbar. Der Staatspräsident hat die Spieler schon am Vorabend der Partie empfangen und geehrt.

 

Brasilien verliert 1:2. 200 000 Menschen erstarren in Schweigen. Brasilien hat für diese WM das grösste Stadion der Welt gebaut – und erlebt dort seine schlimmste Niederlage. Sie wird zum nationalen Trauma.

 

Es gibt noch eine Niederlage, die für die eigenen Zuschauer ähnlich unfassbar war wie das 1:5 der Langnauer gegen Visp und das 1:2 der Brasilianer gegen Uruguay. Kanada gewinnt beim Kanada Cup am 9. September 1981 das Vorrundenspiel gegen die UdSSR 7:2. Und verliert das Finale am 13. September sage und schreibe 1:8.

 

Diese Niederlagen der Langnauer, Brasilianer und Kanadier mögen auf den ersten Blick völlig verschieden sein. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit. Die Torhüter – Brasiliens Moacyr Barbosa, Langnaus Edgar Grubauer und Kanadas Mike Liut – bringen den Schwefelgeruch dieser Niederlage nie mehr richtig aus den Kleidern. Sie setzen ihre Karriere fort. Aber Helden werden sie nie mehr. Was wird nun aus Lorenco Croce, Langnaus Torhüter beim dienstäglichen 1:5-Drama gegen Visp?

 

Aber nach wie vor haben wir keine Antwort auf die Frage nach dem „warum?“ der dienstäglichen Pleite der SCL Tigers. Der Sportchronist ist überfordert. Die richtigen Worte hat ein Politiker gefunden. Der höchste Berner, Grossratspräsident Bernhard Antener – er ist auch Gemeindepräsident von Langnau – hat es am Dienstagabend auf in einem Satz erklärt: „Visp war müde in den Beinen, aber im Kopf frischer als die Langnauer. Das machte die Differenz.“

 

So einfach ist es.

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