20 Minuten online, Klaus Zaugg

Das hochriskante tschechische Experiment

Nach Juraj Kolnik kommt auch noch Josef Straka: Endlich zeichnet sich das Profil von Absteiger Langnau ab. Die Emmentaler wagen ein hochriskantes Experiment.

Presse •


Die SCL Tigers müssen nach dem Abstieg in die NLB einen Neuanfang wagen.

Die Langnauer Hockeykultur ist traditionell nordamerikanisch geprägt. Hin und wieder hat sich ein skandinavischer oder ein osteuropäischer Spieler ins Emmental verirrt. Aber grundsätzlich haben die Langnauer auf Kanadier vertraut und sie hatten bis heute, abgesehen von Episoden mit einem Finnen, einem Deutschen und einem Russen, auch nur Trainer aus Kanada, Schweden und der Schweiz.

 

Und nun die grösste Revolution im emmentalischen Hockey seit Anbeginn der Tage (seit 1946): Keine Kanadier, keine Skandinavier, auf den entscheidenden Positionen (Trainer, Ausländer) nur noch Tschechen und Slowaken. Der tschechische Trainer Tomas Tamfal hat den tschechischen Goalie-Coach Dusan Sidor verpflichtet und als Ausländer kommen der Slowake Juraj Kolnik und der Tscheche Josef Straka.

 

Ein Duo, das die NLB dominieren kann

Bis heute hat im Schweizer Eishockey nur Arno Del Curto mit tschechischen Ausländern Erfolg gehabt. Die Verpflichtung von Kolnik (schon bestätigt) und Straka (wird in den nächsten Tagen bestätigt) verurteilt die Langnauer zu einer spektakulären Flucht nach vorne. Kolnik hat noch in der Saison 2009/10 für Servette in 60 Spielen 32 Tore erzielt. Letzte Saison waren es immerhin 21 Punkte in 33 Qualifikations-Partien für die Lakers und dann, als es um die Existenz ging, 10 Punkte in 10 Playout-Spielen. Ohne Frage: Er ist ein Knipser, der NLB-Topskorer werden kann. Mit Josef Straka bekommt er einen schlauen, spielstarken und kräftigen Center, der in der KHL (250 Spiele/151 Punkte) Karriere machte und zuletzt in Finnland (Lukko) in 11 Playoffpartien 5 Punkte buchte.

 

Das Duo Straka/Kolnik wird die NLB dominieren. Zumal die Offensive so gut besetzt ist (Claudio und Sandro Moggi, Lukas Haas, Tobias Bucher, Anton Gustafsson), dass sich die Gegner nicht alleine auf die Neutralisierung des Langnauer Ausländerduos konzentrieren können. Die offensive Ausrichtung ist ein Gebot der Stunde. Denn auf der Torhüterposition sind die Langnauer mit Ambris Nummer 3 Lorenzo Croce und dem Talent Remo Giovannini selbst für NLB-Verhältnisse bloss mittelmässig besetzt.

 

Schwieriges Krisenmanagement

Aber wie rumpel- und krisenfest ist diese tschechoslowakische Herrlichkeit? Bei schönem spielerischem Wetter wird es ein herrliches offensives Sausen und Brausen sein. Wer aber hält den Schirm auf, wenn es spielerisches Regenwetter gibt? Sind dann einfach die Schweizer schuld? Das Risiko der Machtkonzentration auf Trainer und die Ausländer aus dem gleichen Kulturkreis ist hoch: Wenn es nicht läuft, wird das Krisenmanagement extrem schwierig und eine Veränderung der Leistungskultur ist dann nur mit einer Radikallösung, mit einen Wechsel des Trainers und der Ausländer möglich. Und es gibt dann keinen Sportchef, dem man zum Sündenbock machen kann. Sportliches Scheitern wird auch die Position von Manager Wolfgang Schickli in den Grundfesten erschüttern.

 

Dass eine zu enge Bindung zwischen Manager, Trainer und Ausländer riskant ist, haben die Langnauer ja erfahren: Die Verfilzung zwischen Trainer John Fust, der Diva Pascal Pelletier und dem Versager Kurtis McLean war ebenso ein wichtiger Grund für den Abstieg wie die viel zu grosse Machtfülle von John Fust und Manager Ruedi Zesiger nach dem Playoffmärchen von 2011.

 

Spektakel auf oder neben dem Eis

Eines haben die Emmentaler immerhin gelernt: Das Team braucht mehr Wasserverdrängung und ein besseres Sommertraining. Mit einer durchschnittlichen Grösse von 183 Zentimeter und einem Gewicht von 85 Kilo sind die Langnauer zusammen mit Ajoie das physisch stärkste und rumpelfesteste NLB-Team. Nach der liederlichen Sommer-Vorbereitung der letzten Jahre mit grossen Freiheiten ist das Sommertraining endlich wieder unter Aufsicht gestellt worden. Der neue Trockentrainer Nick Hess hat die Schraube angezogen.

 

Im wirtschaftlichen Bereich geht es den SCL Tigers so gut wie nie seit dem Wiederaufstieg von 1998. Durch den Abstieg gibt es praktisch keine Verluste im Bereich Sponsoring/Marketing. Es gilt: So, jetzt erst recht! Das führt dazu, dass die Transfer-Kriegskasse gut gefüllt ist. Nach der Absage von Luca Camperchioli sucht Manager und Sportchef Wolfgang Schickli noch einen Schweizer Verteidiger. Im Laufe der Saison soll dann mit Spielern «nachgerüstet» werden, die aus diesem oder jenem Grund irgendwo nicht mehr glücklich sind oder nicht mehr zum Zuge kommen.

 

So oder so: In Langnau ist für ein grossartiges Spektakel und erstklassige Unterhaltung angerichtet. Entweder auf oder sonst dann halt neben dem Eis.

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