Berner Zeitung, Philipp Rindlisbacher

Der abgedriftete Goldjunge

Mit dem kanadischen U-20-Nationalteam wurde Chris DiDomenico Weltmeister. Statt in der NHL spielt der Stürmer aber für die SCL Tigers in der NLB. Morgen (17.30 Uhr) gastiert der Leader im Spitzenkampf in Olten.

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Was haben John Tavares, P.K. Subban und Jordan Eberle gemeinsam? Nun, sie besitzen die kanadische Staatsbürgerschaft, sind Leistungsträger in der NHL, verdienen in der weltbesten Eishockeyliga so manche Dollarmillion. Und: Alle waren einst Teamkollege von Chris DiDomenico. Richtig, vom Angreifer, der seit Februar für die SCL Tigers in der NLB spielt. 2009 gewannen die vier Profis an der U-20-Weltmeisterschaft in der Heimat überlegen Gold, DiDomenico steuerte zwei Treffer zum Triumph bei. Über 20'000 Zuschauer hätten den Final in Ottawa verfolgt, erzählt der 25-Jährige, «wir wurden wie Helden gefeiert».

 

Wenige Monate nach dem Coup folgte der herbe Rückschlag. DiDomenico, dessen Rechte sich die Toronto Maple Leafs gesichert hatten, brach sich Oberschenkelknochen und Kniescheibe, fiel beinahe eine Saison aus. Er wurde in die Organisation der Chicago Blackhawks transferiert, die Verantwortlichen aber hielten wenig von ihm. Selbst in den Farmteams vermochte er sich nicht durchzusetzen. «Die Verletzung kam mir in die Quere», sagt der Mittelstürmer, «aber eine Garantie für eine grosse Karriere hatte ich ohnehin nicht.»

 

Meister in Italien

Im Frühling 2012 stand Chris DiDomenico am Scheideweg. «In Nordamerika erhielt ich damals kein einziges vernünftiges Angebot.» Als letzter Ausweg blieb nur die Flucht nach Europa. Es verschlug ihn nach Venezien zu Asiago, in die Hockeyprovinz schlechthin. Die lokalen Medien mochten den Sohn eines ausgewanderten Italieners, dessen Name klingt wie so manche Trattoria. Der Klub aus dem 6'000-Seelen-Dorf gewann den Meistertitel – nicht zuletzt dank DiDomenico, welcher in 52 Partien 102 Skorerpunkte buchte.

Seine formidablen Statistiken blieben in Langnau nicht unbemerkt; die Emmentaler meldeten sich bei den Venezianern, aber weitgehend ohne Hoffnung auf Erfolg. Die sich in finanziellen Nöten befindenden Italiener jedoch konnten etwas Geld gut gebrauchen, sie gaben den Spieler trotz weiterlaufendem Vertrag gegen eine fünfstellige Ablösesumme frei. Ein Vorgang, welcher im Eishockey nicht gang und gäbe ist.

 

In Langnau gilt «DiDo» längst als Publikumsliebling, in den ersten 17 Partien der laufenden Qualifikation hat er 10 Tore erzielt, 18 Vorlagen geliefert. «Solche Werte erwarte ich von mir», sagt der Kanadier, welcher auf dem Eis zuweilen als etwas eigensinnig gilt.

 

Vertrag mit Ausstiegsklausel

Chris DiDomenico ist der Lenker und Denker im Langnauer Angriff. Er wird von den Gegenspielern oft hart angegangen, scheut aber nicht davor, entgegenzuhalten. «Ich mag es, zu provozieren, ich mag harte Spiele», gesteht der Linksschütze. Morgen (17.30 Uhr) in Olten erwartet er einen intensiven Spitzenkampf, die Tigers wollen ihre Tabellenführung weiter ausbauen.

 

Neben dem Eis indes ist DiDomenico ein ruhiger, eher zurückhaltender Typ. Er schätzt das Landleben, fühlt sich in Langnau wohl. Stellt sich die Frage, wie lange er im Emmental bleiben
wird. Steigen die Tigers nicht auf, kann er den Klub nach der Saison verlassen. Die NLA reizt ihn sehr, Angebote hat er bis anhin offenbar aber keine vorliegen. Die Klubführung möchte die Ausstiegsklausel gerne aus dem Vertrag entfernen.

 

Insgeheim jedoch träumt DiDomenico noch heute von einem lukrativen Engagement in Nordamerika. Dann zum Beispiel, wenn er zu Hause die Goldmedaille aus der Schublade nimmt, oder wenn er nachts aufsteht, um seine «alten Freunde» Tavares, Subban und Eberle im  TV in Aktion zu sehen. 

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