Berner Zeitung

Der Retter im Nebenamt

von Philipp Rindlisbacher, Berner Zeitung - Konstantin Kuraschew ist bei den SCL Tigers als Ausbildungschef und Juniorentrainer angestellt. Seit drei Monaten ist der gebürtige Russe auch Assistenztrainer des Profiteams – er soll helfen, die Langnauer in der NLA zu halten.

Presse • • von Philipp Rindlisbacher

 

Im Teambus der SCL Tigers war es am späten Donnerstagabend sehr ruhig. Die meisten Langnauer dösten vor sich hin oder hörten Musik. Konstantin Kuraschew, fast nie um einen Spruch verlegen, analysierte auf dem Laptop mit grimmiger Miene die Gegentore der 1:4-Niederlage in Kloten. Als Assistent von Chefcoach Alex Reinhard ist er bei den Tigers für die Verteidiger verantwortlich. «Ich trage also Mitschuld an dieser Niederlage.»

 

1:2 steht es aus Langnauer Sicht vor dem Heimspiel am Samstag (19.45 Uhr) in der Best-of-7-Serie gegen die Flyers; «die Situation ist nicht dramatisch», sagt Kuraschew. Nach einer kurzen Nacht traf er wie Reinhard gestern bereits um sieben Uhr in der Ilfishalle ein. Das Zusammenspiel funktioniere, meint der russisch-schweizerische Doppelbürger;«Alex macht keine Alleingänge, gibt mir Freiheiten.» Der impulsive Kuraschew bildet den Gegenpol zum ruhigen und bedachten Reinhard. «Im Training werde ich oft laut, die Zuschauer sind manchmal schockiert wegen meiner Wortwahl. Aber ich kann auch anders, meine Liebste hat sich jedenfalls noch nie beschwert.»

 

Del Curto und der SCB

In diesen Wochen sieht ihn seine Frau nicht all zu oft. Nach der Entlassung John Fusts im Dezember gab Kuraschew der Bitte des Vereins nach, sich um die Profiequipe zu kümmern und zu helfen, diese vor dem Abstieg zu bewahren. Die Dreifachbelastung – der 50-Jährige ist als Ausbildungschef und Elitetrainer angestellt – kennt er aus der Saison 2009/2010, als er für den freigestellten Christian Weber einsprang und die Tigers in den Playouts «rettete». Die Tage seien intensiv, und mehr Lohn erhalte er nicht, sagt Kuraschew schmunzelnd. «Aber Eishockey ist nicht nur mein Beruf, es ist mein Leben.»

 

Mit seinem russisch angehauchten Deutsch und seinem Schalk erfreut sich Konstantin Kuraschew in Langnau grosser Beliebtheit. Auch beim SCB mochten sie ihn, die Postfinance-Arena war zwischen 2004 und 2009 sein Arbeitsort. Nach dem Viertelfinalausscheiden gegen Zug wurde der damalige Chefcoach John Van Boxmeer in die Wüste geschickt, der Kontrakt mit Assistent Kuraschew nicht verlängert. SCB-Fans gründeten daraufhin eine Facebook-Gruppe mit dem Titel «Konsti muss bleiben». Bei den Bernern habe er viel gelernt, sagt Kuraschew. «Alpo Suhonen hat auch abseits des Eises meinen Horizont erweitert; am Beispiel von Alan Haworth habe ich realisiert, dass man Grundsätzliches falsch machen kann.»

 

Profitiert hat Kuraschew zweifelsfrei von Arno Del Curto. Auch den charismatischen Davoser Übungsleiter hatte er assistiert, es war seine erste Station in der Schweiz gewesen. Seit 1997 lebt er hier, seine Kinder – der 13-jährige Sohn spielt bei den SCB-Minis – sind im Bündnerland geboren.

 

Keine Lust auf Ablenkung

Kuraschew, der in einem Moskauer Vorort aufgewachsen ist und Vorfahren in Russland, Weissrussland und in der Ukraine hat, fühlt sich im Bernbiet zu Hause. Über die Mentalitätsdifferenzen zwischen seiner Heimat und der Schweiz mag er nicht sprechen, lieber erzählt er von den Unterschieden zwischen hiesigen und russischen Junioren: «Gewinnen junge Schweizer ein Turnier, feiern sie sich selber. Gewinnen junge Russen, feiern sie ihren Trainer.»

 

Obwohl – oder vielleicht gerade weil Kuraschew bisher selten exponiert gewesen ist, geniesst er innerhalb der Eishockeyszene einen ausgezeichneten Ruf. Hegt er keine Ambitionen auf einen Chefposten im Scheinwerferlicht? «Als NLA-Trainer gibt es viel Ablenkung neben dem Eis. Das behagt mir nicht.» Die Jobsicherheit sei im Nachwuchsbereich zudem grösser. Als Tigers-Assistent will er nur bis zum Saisonende wirken. Danach wird er wieder ausschliesslich mit Junioren im Teambus reisen – und sich bei Bedarf sogar ans Steuer setzen.

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