Berner Zeitung, Philipp Rindlisbacher

Der Studierte plant den ersten Zug

Er war nie Profi, hat aber an einer der renommiertesten tschechischen Universitäten studiert: Der neue Langnauer Coach Tomas Tamfal will beim Absteiger beweisen, dass er mehr ist als «nur» ein guter Juniorentrainer.

Presse •

Tomas Tamfal zieht die Mundwinkel nach oben, als er das Schachbrett erblickt. Gerne posiert er damit für den Fotografen, schliesslich mag er das Spiel mit den 32 Figuren auf 64 Feldern. Der neue Trainer der SCL Tigers spielt leidenschaftlich, Schach ist sein Ausgleich zum stressigen Beruf des Eishockeylehrers.

 

«Es gibt durchaus Parallelen», meint Tamfal und erklärt, dass er sowohl auf dem Schachbrett als auch an der Bande immer vorausdenken und auf den Zug des Gegners vorbereitet sein müsse. «Als Trainer habe ich eine klare Strategie. Aber man muss seinen Leuten auch etwas Handlungsspielraum lassen. Die Kreativität zeichnet auch den guten Schachspieler aus.»

 

Tamfal wurde in Tschechien geboren, wanderte vor über 20 Jahren nach Deutschland aus. In Langnau soll er dafür sorgen, dass der Absteiger wieder auf die Beine kommt. «Als ich im Mai hier ankam, herrschte zwar kein Chaos, aber vieles war unklar – und die Stimmung gedrückt.» Tamfal hat die Zuständigkeiten klar definiert, ein Kompetenzgerangel wie in der letzten Saison gibt es offenbar keines mehr.

 

Zügel angezogen

Glaubt man den Spielern, so hat er im Training die Zügel angezogen. Seine Ziele verrät der Coach nicht, vielleicht wird er dies in ein paar Wochen tun. Der Verein strebt zweifellos den NLB-Meistertitel an. «Ich weiss, dass die Erwartungen hoch sind. Wir haben aber eine neue Mannschaft, die Zeit braucht», konstatiert der 46-Jährige.

 

Bei den Kloten Flyers wurde Tamfal vergangene Saison schachmatt gesetzt. Nach dem Beinahekonkurs war er im Sommer 2012 vom Junioren- zum Cheftrainer befördert worden; er erhielt nicht viel Kredit und von einigen Entscheidungsträgern kaum Rückendeckung. Aus den Medien musste er erfahren, dass der Klub einen neuen Trainer suchte, wochenlang spielte er den Platzhalter.

 

Obwohl das Team über dem Strich rangiert war, wurde Tamfal kurz vor Qualifikationsende gefeuert – Kloten sollte daraufhin die Playoffs verpassen. Hatte er überhaupt eine faire Chance? Tamfal überlegt lange, sagt, es sei keine leichte Zeit gewesen. «Aber wissen Sie, ein Trainer, der nie entlassen wurde, hat diesen Beruf nie richtig gefühlt.» Seinem Image haben die turbulenten Monate in der Flughafenstadt etwas geschadet. Die mediale Kritik war heftig; es hiess , Tamfal bringe keine Korrekturen an, die Spieler hätten das Kommando übernommen.

 

Der Vorwurf kam auf, er habe zu wenig Erfahrung im Umgang mit Profis. Tamfal trainierte einst ein Team aus der zweiten tschechischen Liga, hat sich bis anhin aber vorwiegend um Nachwuchsequipen gekümmert und während der 11 Jahre in Mannheim sowie in vier Saisons bei Kloten diverse Meistertitel gefeiert.

 

«Ich bin Trainer und nicht Komplize»

Dass er den Job in Langnau Tigers-Geschäftsführer Wolfgang Schickli verdanke – auch er war zuletzt in Kloten engagiert – bestreitet Tamfal vehement. «Ich bin Trainer und nicht Komplize.» An Langnau habe ihn die riesige Hockeybegeisterung gereizt. «Selbst zu Testspielen kommen fast 2000 Leute. Wo gibt es das sonst?»

 

Tomas Tamfal ist keiner, der gerne im Mittelpunkt steht. «Wenn ich von einem Trainer die Aussage höre, er habe ein Team zum Titel geführt, staune ich. Es ist nicht der Trainer, der die Hauptarbeit leistet, das machen die Spieler.» Manche sehen in ihm einen Coach ohne Profil, ohne Ecken und Kanten. Er ist kein Sprücheklopfer, vielmehr ein nahbarer, bescheidener Zeitgenosse.

 

Von Luxus hält er nicht viel («ich fahre seit 16 Jahren das gleiche Auto»); auf die Frage, warum es als Spieler nicht zur Profikarriere gereicht habe, meint er trocken: «Die meisten waren besser als ich.»

 

Aufgewachsen ist Tamfal in sehr einfachen Verhältnissen. Geld hatten seine Eltern kaum, dennoch war es ihm vergönnt, studieren zu dürfen. «Ich war in der Schule nicht der Dümmste», erzählt der tschechisch-deutsche Doppelbürger augenzwinkernd. An der renommierten Prager Karls-Universität promovierte er im Fachbereich Sport, mit Schwerpunkt Eishockeymethodik.

 

Die Frau macht die Verträge

Ungeachtet des wissenschaftlichen Hintergrunds – als Theoretiker mag sich Tamfal nicht bezeichnen. Im Emmental will er mit Taten überzeugen. Unterschrieben hat er einen Kontrakt über eine Saison, einen Assistenten hat er keinen. Der Coach wohnt unter der Woche in Langnau, die Ehefrau und die zwei Kinder hingegen sind in der Ostschweiz geblieben. «Die Familie ist das Wichtigste für mich», sagt Tamfal, der miterlebt hat, als seine 17-jährige Tochter darunter litt, wie negativ der Vater während der Krise in Kloten in den Medien dargestellt wurde.

 

«Sie hatte sehr damit zu kämpfen.» Seine Frau wiederum könne nach 25 gemeinsamen Ehejahren kaum noch etwas erschüttern. Die Gattin ist es übrigens, die sich um die Verträge des neuen Tigers-Dompteurs kümmert. «Sie ist geschickter als ich.» In Langnau ist Tomas Tamfal selbst gefordert – morgen beginnt die Saison mit dem Auswärtsspiel beim HC Ajoie. Es ist Zeit für den ersten Schachzug.

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