Berner Zeitung, Florian a. Lehmann

Der Vulkan an der Bande tritt ab

Paul-André Cadieux (66) hat sein letztes Training durchgeführt und geht in Pension. Der kanadisch-schweizerische Doppelbürger hat das Eishockey hierzulande wesentlich mitgeprägt.

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Als Assistent von Simon Schenk (g. r.) im Kreise der Schweizer Nationalmannschaft vor der B-WM 1997 in Polen. Unglaublich, aber wahr: Am 20. März 1990 kommt Cadieux als 42-Jähriger aus Not noch zu einem Länderspiel mit der Schweiz in Italien. Der Test geht mit 3:7 in die Hosen. (1. April 1997). Bild: Keystone    

 

Das gestrige Training beim Erstligisten Union Neuchâtel war das letzte in der langen Karriere von Eishockey-Lehrmeister Paul-André Cadieux. «Ich hatte gesundheitliche Probleme. Weil ich in einem kühlen Umfeld arbeite, muss ich aufpassen. Sich jeden Tag fünf bis sechs Stunden auf dem Eis aufzuhalten, ist nun leider vorbei für mich», erklärte der gebürtige Kanadier gegenüber der Westschweizer Tageszeitung «Le Matin». Er habe von seiner Leidenschaft zum Eishockey leben können, die Arbeit sei ein Vergnügen gewesen, führte der 66-Jährige weiter aus. «Aber man erreicht einen Punkt, an dem das Feuer nicht mehr gleich lodert wie früher.»

 

Cadieux bleibt dem Schweizer Eishockey erhalten. Als Co-Kommentator für Radio Fribourg und den Teleclub wird er die Spiele der National League weiterhin verfolgen.

 

Unverhofftes Debüt mit dem Nationalteam

Gewiss, es ist ruhiger geworden in den letzten Jahren um den quirligen Mann, der sein Herz nicht nur an das hiesige Eishockey, sondern auch an eine Bündner Eiskunstlauflehrerin verlor. Seit 1982 besitzt er den roten Pass, was dazu führte, dass er acht Jahre später als 42-Jähriger unverhofft und aus Personalnot zu seinem Länderspiel-Debüt mit der Schweiz in Italien kam. Der Test ging am 20. März 1990 gegen die robusten Italokanadier mit 3:7 in die Hosen – für einen europäischen Altersrekord unter Länderspiel-Debütanten sorgte Cadieux, eigentlich Assistent von Nationalcoach Simon Schenk, gleichwohl.

 

Die Karriere des vielseitigen Cadieux war geprägt von vielen Höhen – aber auch Rückschlägen. Als 23-Jähriger kam der Sportwissenschaftsstudent von der Universität Ottawa als Spielertrainer zum SC Bern. Das Debüt am 17. Oktober 1970 beim damaligen NLB-Verein SC Küsnacht misslang gründlich: Cadieux erlitt nach 30 Minuten auf der offenen Eisbahn KEK einen Bänderriss im Knie, die Partie gegen die Seebuben ging verloren. Der neue Hoffnungsträger der Mutzen fiel für die ganze Saison aus. «Vielleicht war das mein Glück im Unglück, denn dank dieser Zwangspause konnte ich mich ganz auf den Job als Coach einstellen», erklärte Cadieux Jahre später der «Berner Zeitung». Das gewagte Experiment mit dem jungen Nobody sollte sich auszahlen: Paul-André «Polä» Cadieux stieg mit dem SCB 1972 auf, führte den Club als Spielertrainer zu drei Meistertiteln (1974, 1975 und 1977) und sorgte rund um den Bärengraben für eine grosse, nie da gewesene Eishockeyeuphorie.

 

Die Enttäuschung mit Gottéron

Cadieux feierte in den folgenden Jahren weitere imponierende Erfolge: Promotionen mit dem HC Davos, dem SC Langnau, mit Servette und mit Basel in die höchste Klasse, sei es als Spielertrainer, sei es als Coach. Der Lehrmeister, der wegen seines Hangs zu Mimik und Grimassen oft mit dem französischen Komiker Luis de Funès verglichen wurde, prägte auch zusammen mit dem russischen Starduo Slawa Bykow und Andrej Chomutow den grossen HC Fribourg-Gottéron in den frühen 90er- Jahren. Der ganz grosse Coup blieb Cadieux und seinen russischen Zauberern allerdings verwehrt: 1992 (gegen Bill Gilligans SCB) sowie 1993 und 1994 (zweimal gegen den EHC Kloten mit Idol Felix Hollenstein) gingen die Best-of-5-Playoff-Finalserien verloren.

 

Fribourgs Trainer wurde damals scharf kritisiert, zu offensiv gegen Berner und Klotener gespielt zu haben. Auch besteht bis heute in der Stadt an der Saane die Vermutung, wonach in der Zeit des Freiburer Eishockey-Kasatschoks Eiszar Bykow je länger, je mehr das Sagen in der Garderobe und an der Bande gehabt habe und die Meinung des Personalchefs in den Hintergrund gerückt sei. Nun, die wohl grösste Differenz in den damaligen Finals lag wohl in der Besetzung der Goalies: Beim SCB hütete der Internationale Renato Tosio das Tor, bei Kloten hiess der Schlussmann Reto Pavoni, der Held des Schweizer Siegs über die Russen an der A-WM 2000 in St. Petersburg – bei Gottéron hechtete der Solothurner Dino Stecher den Pucks nach.

 

Sportlich und anständig

Die Sportfraktion des Kantons Freiburg hat Cadieux den verpassten Titel inzwischen längst verziehen. Der Frankokanadier ist nun schon seit Jahren ein Copain und im Üechtland zu Hause und immer noch populär. Das hängt auch mit seinem Wesen zusammen: Cadieux war als Spieler, Spielertrainer, Trainer oder Funktionär zwar leidenschaftlich, mitunter auch explosiv wie ein Vulkan – aber nie bösartig gegenüber den Spielern, Schiedsrichtern, Trainern oder Fans. Im Gegenteil: Der «Louis de Funès des Schweizer Eishockeys» war exemplarisch fair, verstand seinen Job als einsatzvoller Botschafter dieser rasanten Sportart.

 

Cadieux zählte zu jener Coaching-Gilde, die ehrlich und unermüdlich ihrem Job nachging, primär mit dem Ziel, die Spieler in diesem Lande besser zu machen. Dass das Schweizer Eishockey aus seinem internationalen Tiefschlaf erwachte, war auch sein Verdienst. Er forderte von den Aktiven mehr, sowohl physisch als auch psychisch. Cadieux führte nach der Belle Époque von Serienmeister HC La Chaux-de-Fonds in den frühen 70er-Jahren das körperbetonte Eishockey im Lande ein. Sein Grundsatz als Lehrmeister lautete stets: «Le futur, c'est maintenant – die Zukunft beginnt jetzt». Diese Weisheit mussten viele Spieler zuerst verinnerlichen.

 

Das Schweizer Eishockey hat dem humorvollen Cadieux, dessen Sprachengemisch zwischen Frankokanadisch, Franglais und Hochdeutsch den Journalisten punkto Aufmerksamkeit stets alles abverlangte, viel zu verdanken. «Paulux», wie er oft in der Westschweiz genannt wird, hat den Coaching-Ruhestand mehr als verdient. Es bleibt anzufügen: Merci, Monsieur.

 

Die Stationen von Paul-André Cadieux

 

Als Spielertrainer und Spieler: SC Bern (1970 bis 1978), HC Davos (1978 – 1981), EHC Chur (1981/1982), HC Fribourg-Gottéron (1982 – 1985), SC Bern (1985 -1986), SC Langnau (1986 – 1987), Servette (1987 – 1989), Fribourg (1989/1990).

 

Als Trainer: Fribourg (1990 – 1995), Langnau (1995 – 1997), Biel (1997 – 1999), Servette (1999 – 2001), Basel (2003/2004), Ajoie (2004/2005), La Chaux-de-Fonds (2005/2006), Lausanne (2006/2007).

 

Andere Aufgaben: Assistent der Schweizer Nationalmannschaft (1990). Scout in Martigny (2001/2002), Sportchef in Basel (2002-2004) und Lausanne (2006/2007), Nachwuchstrainer bei Lausanne (2007/2008), Young Sprinters (2008/2009) und Université Neuchâtel (2009 bis 2014).

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