Peter Jakobs Strategie gegen die Milliardäre

Der Weg des Tigers

Vier Milliardäre im Schweizer Eishockey: Das sind definitiv vier zu viel. Denn jeder von ihnen will irgendwann zeigen, dass er «den Längsten» hat. Der Kampf der Milliardäre um den sportlichen Erfolg wird viel Geld in den Eishockeymarkt pumpen und kleinere Klubs wie die SCL Tigers an den Rand des Abgrunds drängen. VR-Präsident Peter Jakob will die Tiger längerfristig in der NLA halten und setzt auf die Strategie des Sparens.

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Hätte der HC Lugano ohne die Zuschüsse der Familie Mantegazza in x-facher Millionenhöhe je einen Meistertitel zustande gebracht? Nein! Wo wären die ZSC Lions ohne Walter Frey? Wir wissen es nicht. Walter Frey rettete als damaliger Präsident des finanziell gesunden NLB-Klubs GC den maroden ZSC und führte diesen seither zu vier Meistertiteln. Das «wir wissen es nicht» steht dafür, dass in Zürich eventuell in höchster Not auch andere Milliardäre hätten aufspringen können. Klar ist, dass die Zürcher Löwen ohne potenten Mäzen nicht lebensfähig sind. Die Stadt Zürich wird nur dank Walter Freys jährlichen Zuschüssen in x-facher Millionenhöhe davor bewahrt, Eishockeyprovinz zu sein. Die Kloten Flyers werden derzeit gerade durch den Verbandspräsidenten und Ex Denner-Chef Philippe Gaydoul gerettet. Auch er Milliardär. Es ist deshalb vorgezeichnet, dass der aktuell proklamierte Weg der Bescheidenheit in Kloten nur vorübergehender Natur sein wird. Es wird weniger als ein Jahr vergehen, bis auch Gaydoul «den Längsten» haben will. Und vergessen wir nicht die Lakers aus Rapperswil. Mit Hans-Ueli Rihs haben auch die Seebuben ihren Milliardär. Er verdient sein Geld mit staatlich grundversicherten Gesundheitsprodukten (Hörgeräte, Sonova AG, ehem. Phonak). Rihs betreibt im Nebenamt Spielbanken. Für die grösste der Schweiz erhielt er 2011 die Lizenz. Zusammen mit seinem Bruder Andy ist Hans-Ueli Rihs Alleinherrscher im Stade de Suisse und bei YB. Apropos Andy Rihs: Die Phonak AG war Hauptsponsor des «Phonak Cycling Teams», ein Schweizer Radsportteam, das 2005 und 2006 an der «UCI Pro Tour» teil nahm. Das Team, das in mehrere deftige Doping-Skandale verwickelt war, wurde von seinem Besitzer Andy Rihs mitfinanziert. Übrigens: Die Sanovo AG sucht man vergebens bei den Sponsoren der Lakers. Jedoch finden wir die «Casino Zürichsee AG» und die «Swiss Casinos Services AG», beide als Hauptsponsoren.

 

Mindesten zwei der Hockey-Milliardäre (Rihs und Frey) verdienen ihr Geld auch mit staatlicher Hilfe. Überspitzt könnte man formulieren: Den einen raubt der Staat das Geld, um es andern direkt oder indirekt in den Hintern zu schieben. Aber eigentlich ist es egal, wer beim Milliarden scheffeln mithilft. Denn eines gilt für alle Milliardäre: Wer Milliarden hat, kann Millionen ausgeben. In die Phalanx der Milliardäre können nur noch der SC Bern dank der grössten Eishalle Europas und seiner inzwischen gigantischen Gastro-Infrastruktur, sowie der EVZ aus dem reichen Zug, der HC Davos dank Spengler Cup und Unterstützung des staatlichen Fernsehens, sowie Fribourg-Gottéron dank massiven Zuschüssen aus Staatsbetrieben einbrechen. Für alle andern Klubs wird es schwierig.

 

Wir müssen den Wahnsinn der Andern nicht mitmachen

«Wir sind hier im Emmental, und wenn wir auch künftig NLA-Eishockey spielen wollen, dann dürfen wir nicht den Andern hinterher laufen, sondern müssen unsern eigenen Weg finden», lässt sich Peter Jakob im FANTIGER Nr. 127 (am kommenden Donnerstag bei den Lesern) verlauten, und meint damit, dass er nicht gewillt ist, die in der Liga üblichen Lohntreibereien mitzumachen. Das jüngste Beispiel der Kloten Flyers vor Augen, die mit ihrer offensiven Strategie desaströs und peinlich gescheitert sind, wählt Jakob trotz Sanierung der Ilfishalle eine defensive Strategie. Der Unternehmer trägt damit der Tatsache Rechnung, dass die Sanierung der Ilfishalle allein längerfristig nicht genügen wird, den Milliardären die Stange zu halten, und das Unternehmen SCL Tigers in der NLA zu halten. Er sei mit seinem Unternehmen immer dann am erfolgreichsten gewesen, wenn er gegen den Strom geschwommen sei, sagt Jakob. «Wir müssen gegen den Strom schwimmen, und unseren eigenen Weg gehen. Den Tigers – Way.»

 

Ins gleiche Horn stösst Verwaltungsratskollege Käru Brügger (511-Shop). Er wird gemeinsam mit Peter Jakob auch in der kommenden Saison das Defizit der Tiger tragen. «Es geht jedoch darum, künftige Defizite möglichst klein zu halten oder am besten gleich ganz zu vermeiden, denn sie schaden unserem Image». Damit gibt Brügger einen deutlichen Hinweis darauf, wofür er im Verwaltungsrat plädieren wird, und er stärkt damit Präsident Peter Jakob den Rücken.

 

Verzicht auf den vierten Ausländer? *

«Die Mannschaft steht zu 95 Prozent. Wir brauchen noch den einen oder andern Spieler. Wie viele wir genau brauchen, hängt von den Qualitäten derjenigen ab, die wir verpflichten wollen», erklärt Tigers-Geschäftsführer Ruedi Zeisiger gegenüber FANTIGER. Zählt man nun eins und eins zusammen, bzw. addiert man die Aussagen von Peter Jakob, Käru Brügger und Ruedi Zesiger, so braucht es nicht viel Phantasie, um zu erahnen, wo der Weg zumindest für die kommende Saison hinführen könnte. Nämlich zumindest in einer ersten Phase hin zu einem Verzicht auf den vierten Ausländer. Derzeit sind mit Pascal Pelletier, Kurtis McLean und Marc Popovic erst drei ausländische Söldner unter Vertrag. Verzichten die Tigers auf einen vierten Import, brauchen sie einen etwas breiteren Kader und einen internen Konkurrenzkampf unter den Spielern. Simon Moser, Shooting Star der letzten Saison, wird nach seiner schweren Knieverletzung frühestens im November wieder zum Einsatz kommen, und es ist ungewiss, wie seine Form dann sein wird, und ob er sofort wieder an sein Leistungsniveau der letzten Saison, das ihn bis an die WM brachte, anschliessen kann. Mit Simon Moser und dem vierten Ausländer würden also zwei wichtige Spieler fehlen. Eines ist klar: Um einem Team bei ungenügender Leistung neue Impulse zu geben, greifen die jeweiligen Verantwortlichen häufig auf Transfers zurück, und haben damit zumindest teilweise Erfolg (wir erinnern uns gerne an die Verpflichtungen von Mark Popovic und Paul diPietro aus der letzten Saison). Es gibt jedoch auch andere Beispiele, in denen derartige Impulse nicht (mehr) helfen. Ein Beispiel ist der EHC Basel in der Saison 2007/08. Als die Verantwortlichen reagierten, sass der Stachel des Verlierers bereits so tief, dass sämtliche Massnahmen wirkungslos verpufften. Der EHC Basel stieg sang und klanglos, nach vier Niederlagen in nur vier Spielen der Ligaqualifikation gegen den EHC Biel, in die NLB ab.

 

Wie gefährlich ist der Tigers – Way?

Huttwil Falcons – Besitzer Markus Bösiger überwarf sich während der Saison 2010/11 mit den Liga- und Verbandsgenerälen vorwiegend wegen zwei Dingen: 1.) Er wollte die Vermietung seines Sportzenters an seine Huttwil Falcons nicht ins Budget nehmen und machte geltend, dass es seine Sache sei, ob er den Falken den Spiel- und Trainingsbetrieb gratis ermögliche. Die Sichtweise Bösigers leuchtet dem unvoreingenommenen Betrachter sofort ein, aber die Verbandsgewaltigen und mit ihnen ein Grossteil der Presse waren anderer Meinung. Bei der Ilfishalle fahren die Verantwortlichen ein ähnliches Modell. Zumindest die Gastro- und Eventstruktur steht den SCL Tigers zur Verfügung, ohne dass dafür Geld fliesst. Der Gegenwert wird im Sponsoring abgegolten. Offen ist, ob die nicht fliessenden Geldströme budgetiert und versteuert werden oder nicht. 2.) Markus Bösiger wollte sein NLB-Team ohne Ausländer auflaufen lassen und so gegen eine Million Franken sparen. Der Langenthaler Unternehmer war der Ansicht, dass er mit ambitionierten, jungen Schweizern, unterstützt durch ein paar Routiniers den Anschluss ans NLB-Mittelfeld halten könnte. Betrachtet man Spiele aus dem Tabellenkeller unserer zweithöchsten Spielklasse, so sind auch hier Bösigers Annahmen nicht allzu weit von der Wirklichkeit entfernt. Die Generäle der Liga teilten jedoch die Ansicht Bösiger überhaupt nicht, und es kam zum Zerwürftnis zwischen Bösiger und dem Verband. Dieses gipfelte in der Verweigerung des sportlich realisierten Aufstiegs wegen einer Lappalie. Markus Bösiger reichte die Unterlagen nicht rechtzeitig ein. Spätestens aus dem Debakel der Kloten Flyers lernen wir, dass die Einreichung von Unterlagen völlig zwecklos ist (war). Der Verband ist (war) nicht in der Lage, die Richtigkeit dieser Angaben zu überprüfen.

 

Unterstellen wir, dass im Verband und bei der Liga nur Experten arbeiten, so wird das Unterfangen, auf ausländische Feldspieler zu verzichten, auf Expertenebene als falsch und nicht erwünscht abgekanzelt. Dem werden auch die meisten Sportchefs und Trainer zweifellos zustimmen. Aus rein sportlicher Sicht ist der Verzicht auf Ausländer immer ein Risiko.

 

Etwas anders sieht es aus, wenn wir alle Faktoren, nicht nur die sportlichen, berücksichtigen. Den Wettstreit gegen die Milliardäre können die SCL Tigers nicht gewinnen. Der bedingungslose Kampf gegen Walter Frey, Philippe Gaydoul und Co. würde unweigerlich ins Verderben führen. Es stellt sich nun die Frage, ob es besser ist, sich ein bisschen mit dem Strom treiben zu lassen, oder ob es die SCL Tigers wagen sollen, gegen den Strom zu schwimmen. Fakt ist, dass der Strom, den die Milliardäre bei den Kosten auslösen werden, gewaltig reissen wird, und das Dagegenschwimmen fast unmöglich erscheint. Ungefähr gleich unmöglich, wie die Sanierung der Ilfishalle. Wer hätte im Sommer 2009 gedacht, dass Langnau in der Randregion Emmental ein derartig grosser Wurf gelingen könnte, und dass die SCL Tigers bloss vier Jahre später in einen renovierten und sanierten Tempel einziehen werden. Mit diesem an ein Wunder grenzenden Projekt schwimmt Peter Jakob ein weiteres Mal in seinem Leben gegen den Strom, und verbucht damit erneut einen grossen Erfolg.

 

FANTIGER wünscht Peter Jakob, seiner Crew und allen Fans viel Glück und Erfolg beim Schwimmen gegen den Strom. Egal ob mit drei oder vier Ausländern.

 

 

* Der Verzicht auf den vierten Ausländer ist reine Spekulation des Schreibenden.