Die Kette reisst immer beim schwächsten Glied

Wow: 2:6 und 2:7! So deftig waren die Schlappen des vergangenen Wochenendes gegen den EV Zug. Die SCL Tigers befinden sich in einer schweren Krise, die zumindest aus sportlicher Sicht existentiell sein könnte. Die phantasieloseste, aber am weitesten verbreitete Massnahme ist die Entlassung des Coachs. Denn er gilt in jeder Sportorganisation als schwächstes Glied in der Kette. Aber in Langnau droht die Kette an mehreren Gliedern zu reissen.

Blog • • von Bruno Wüthrich

Was tut eine Sportorganisation, die eine 1. Mannschaft mit einem Potential für einen Spitzenplatz hat, die aber in den hinteren Regionen der Tabelle herum krebst? Sie analysiert die Situation. Sobald sie das schwächste Glied in der Kette gefunden hat, handelt sie. Aber längst nicht immer ist es der Coach, der gehen muss. Manchmal wird einfach das Kader ergänzt, und niemand muss gehen. Bei Teams mit viel Potential fehlt manchmal nur ein einziger Mosaikstein, um sie so zu befeuern, dass sie Spitzenleistungen erbringt. So geschehen im der Saison 2007/08, als die wie immer als einer der Meisterschaftsfavoriten gehandelten ZSC Lions eher in den hinteren Tabellenregionen herumdümpelten, und sich dann während der laufenden Saison wegen für sie glücklichen Umständen mit Domenico Pittis verstärken konnten. Mit Pittis Verpflichtung wurde der fehlende Stein in das Mosaik eingefügt, und aus einer Gurkentruppe mit Potential wurde ein Meisterteam. Aber auch die Zürcher haben bereits mehrere Male mit Trainer-Entlassungen auf unbefriedigende Situationen reagiert. Letztmals im Oktober 2010, als sie den ungenügenden Colin Muller durch den Schwedischen Weltmeistertrainer und ehemaligen SCL Tigers – Coach Anton (GUS) Gustafsson ersetzten. Viel besser und viel konstanter wurden in dieser Saison jedoch die Leistungen des Z dadurch nicht.

 

In Langnau fehlt mehr als nur ein Stein im Mosaik. Hier ist die ganze Kette marode. Und möglicherweise schwächelt inzwischen auch der Coach. Wer weiss, vielleicht würde sogar seine Auswechslung kurzfristig etwas bringen. Vielleicht hat er sich ja bei den Spielern abgenutzt? Vielleicht ist er ja verantwortlich für die mentalen und körperlichen Defizite seiner früheren Teamleader. Einer muss ja schliesslich die Verantwortung übernehmen.

 

Die Frage ist jedoch, was es denn gebracht hätte, wenn einer wie Jakob (Köbi) Kölliker bereits unmittelbar nach der sportlich sensationell erfolgreichen Saison 2010/11 als Sportchef angestellt worden wäre. Kölliker hätte wohl mit Nachdruck darauf hingewirkt, dass damals das Potential dieser Mannschaft nicht überschätzt worden wäre, und er hätte wohl eindringlich davor gewarnt, das Team für die folgenden Saisons nicht nur nicht zu verstärken, sondern gar eine Schwächung zuzulassen. Immerhin haben mit Daniel Steiner, Andreas Camenzind und Benjamin Conz drei wichtige Spieler das Team verliessen. Wir waren ja damals in Langnau der Meinung, dass Steiner nirgendwo anders als in Langnau seine Leistung erbringen könne. Vielleicht machte ihm die Tiger-Führung damals deswegen kein genügend gutes Angebot. In Lugano zeigt Steiner eindrücklich, zu was er fähig ist. Über die Rolle von Benjamin Conz, und diejenige seines Nachfolgers Robert Esche müssen wir uns wohl nicht weiter unterhalten. Zur Ehrenrettung müssen wir festhalten, dass die Playoff-Qualifikation grössere Auswirkungen auf die Löhne der einzelner Spieler hatte. Trotz gewichtiger Abgänge musste das Budget aufgestockt werden, um die andern Spieler zu halten. Da lag nicht mehr viel für Neuverpflichtungen drin. Im Nachhinein wissen wir, dass die Spieler diese höheren Löhne nur gerade während einer Saison wert waren. Nämlich ausgerechnet in jener Spielzeit, als sie sie noch nicht erhalten haben.

 

John Fust wird seit längerem vorgeworfen, er sei nach der Qualifikation für die Playoffs nicht mehr fähig gewesen, sein Team weiter zu entwickeln. Obwohl sich ein Team nicht gut mit einer Einzelperson vergleichen lässt, versuche ich, die schiere Unmöglichkeit, dieses Team weiter zu entwickeln, anhand einer Einzelperson aufzuzeigen. In der Privatwirtschaft wird ein Mitarbeiter befördert, wenn er auf seinem Posten herausragende Leistungen abliefert. Liefert er weiterhin brillante Leistungen ab, wir er wieder befördert. Und so weiter und so fort. Bis er auf einem Posten angelangt ist, der für ihn eine Nummer zu gross ist. Ende der Fahnenstange. Von jetzt an geht es nur noch rückwärts. Die SCL Tigers waren in der Saison 2010/11 als Mannschaft nicht nur auf dem Gipfel ihrer Möglichkeiten angekommen. Sie waren in dieser einen Saison fähig, sogar weit über ihren Möglichkeiten zu spielen. Dies war unter anderem auch deshalb möglich, weil sie unterschätzt wurden. Aber auch, weil der junge Benjamin Conz im Langnauer Tor Unglaubliches vollbrachte, Verteidiger-Methusalem Jörg Reber trotz seines Alters die weitaus beste Saison seines Lebens ablieferte, Pascal Pelletier ein Reisser und Leader war, und die Tiger in Mike Iggulden (er wurde in der ersten Saison danach von Kurtis McLean vollwertig ersetzt) einen weiteren ausländischen Skorer hatten. Aus all diesen Gründen brachten die Langnauer in dieser besagten Spielzeit eine brillante Leistung und wurden befördert (auch wenn sich dies vorwiegend in den Löhnen ausdrückte). Aber sie waren mit den neuen Erwartungen überfordert und konnten nie mehr an ihre damalige Leistung anknüpfen. Sie werden dies auch mit einem neuen Coach nicht mehr können. Dafür braucht es nachhaltige Verstärkungen im Team.

 

Die Frage ist also, wie man ein Team noch weiter entwickeln kann, nachdem es seine Möglichkeiten auch wegen günstiger Umstände (kaum Verletzungen, das Team wurde unterschätzt) bereits weit überschritten hatte, und zudem wichtige Teamleader absprangen. Selbstverständlich befinden sich seither Spieler in dieser Mannschaft, wie Simon Moser, Lukas Haas, Alban Rexha, oder auch Federico Lardi und Joel Genazzi, die sich weiter entwickeln werden und die dies auch jetzt bereits tun. Aber Jörg Reber wird sich nicht mehr weiter entwickeln. Im Gegenteil. Seit der Playoff-Quali sind seine Leistungen rückläufig. Trotzdem ist er mit seiner Erfahrung immer noch wichtig fürs Team. Leider haben sich auch Pascal Pelletier und Kurtis McLean «zurück entwickelt». Mit ihren Leistungen wird es ihnen schwer fallen, ihre Leaderrollen im Team wie früher auszufüllen. Leute wie Pelletier und McLean sollten nicht diejenigen sein, die ein Coach am meisten mental stützen und, um es emmentalisch auszudrücken «verbibäbele» muss. Im Gegenteil: Sie sollten den Coach viel mehr darin unterstützen, dies beim Rest der Mannschaft zu tun.

 

Nun rächt es sich auch, dass bei den Langnauern das Geld nicht zur Verfügung stand und steht, um die Mannschaft sowohl in der Tiefe als auch in der Breite zu verstärken. Die SCL Tigers haben Verletzte (Mark Popvic, Jared Spurgeon, Simon Moser, Sandro Moggi, auch Lukas Haas und Jörg Reber waren zwischenzeitlich über mehrere Spiele verletzt). Sie alle konnten während ihres Ausfalls nie vollwertig ersetzt werden. Der EV Zug, der die Tiger am vergangenen Wochenende zwei Mal wegputzte, hat ebenfalls einige Verletzte. Aber die Zuger sind in der Breite und in der Tiefe viel besser besetzt. Sie stecken dies deshalb auch problemlos weg.

 

In Langnauer Kreisen wird auch bemängelt, dass der EHC Biel mit einem ähnlichen Budget und einem ähnlichen Potential viel besser abschneide als die SCL Tigers, und man macht an diesem Umstand Kritik an John Fust fest. Dabei wird übersehen, dass die Bieler in ihren Reihen mit Tyler Seguin und Jakob Micflikier zwei echte Differenzmacher haben, und dass neuerdings mit Patrick Kane ein dritter dazu gekommen ist. Mit Reto Berra verfügen die Seeländer über einen starken Torhüter, der das Team immer wieder im Spiel halten kann. Die SCL Tigers können sich in den meisten Spielen über ihre Torhüter ebenfalls nicht beklagen. Vor allem Jaroslav Hübl hielt sein Team des Öftern im Spiel, und seine Leistungen hätten in diversen Fällen zu zusätzlichen Punktgewinnen führen müssen. Aber die Tiger haben keinen einzigen Differenzmacher. Simon Moser hätte in dieser Saison einer werden können, wenn er nicht durch seine Verletzung entscheidend zurück geworfen worden wäre. Inzwischen hat er sich ein zweites Mal verletzt. Sein Einsatz könnte eventuell am nächsten Wochenende wieder möglich sein. Aber sein neuerlicher Ausfall wird seiner Form bestimmt ebenso wenig förderlich gewesen sein, wie es der längere Verletzungsausfall bei Lukas Haas war.

 

Wir könnten, wenn wir wollten, die Liste der schwachen Kettenglieder noch etwas verlängern. Aber wir haben genügend Schwachpunkte in dieser Langnauer Kette gefunden, um sicher sein zu können, dass bei der Auswechslung eines einzelnen Gliedes die Kette wohl schnell beim nächsten Glied reissen wird. Bei den SCL Tigers wurde das Glück der Saison 2010/11 offensichtlich nicht als solches erkannt, und dies rächt sich nun. In Langnau bleibt deshalb extrem viel zu tun, um das Team einigermassen aufzufangen, und es für die entscheidende Phase zu rüsten. Das beste ist, wenn alle zusammen stehen. Sachliche Kritik ist ebenso berechtigt, wie es auch ein Recht sein muss, seinem Ärger Luft zu machen. Dies alles ist völlig verständlich und legitim. Aber wir sollten nicht auf Personen zielen, denn damit wird die Mannschaft und das ganze Gefüge darum herum nur noch schwächer. Es sind nicht diejenigen die guten Ratgeber, die jetzt sehen wollen, wie Köpfe rollen. Im Gegenteil. Das sind Leute, die aus lauter verständlichem Frust über die aktuellen, harten Fakten die Ursachen nicht mehr erkennen können, und ihren Tunnelblick auf eine oder zwei Personen fokussieren. Nach dem Motto: Es hat ja anderswo auch schon geklappt. Was ja schliesslich auch manchmal stimmt. Wenn auch nicht immer. Und vielleicht waren ja anderswo nicht so viele Kettenglieder rostig.

 

Und in der Führungsetage wird man vielleicht bereits bemerkt haben, dass zu viel Druck auf das Bremspedal bei den Investitionen in das Team ebenfalls grosse Risiken in sich birgt. Denn die finanziellen Ausfälle, die dadurch entstehen, dass das Publikum oder gar die Sponsoren weg bleiben, führen möglicherweise zu einem grösseren Defizit, als es der Fall wäre, wenn die SCL Tigers eine konkurrenzfähige Truppe stellen würden. Niemand in der Führungsetage der Tiger darf es zulassen, dass er selbst zu einem schwachen Glied in der Kette wird.