Watson, Klaus Zaugg

Die Rückkehr des Rock’n’Rollers – aber mit Babysitter

Todd Elik zurück im Kanton Bern - So Gott will, wird Rock’n’Roller Todd Elik (48) praktisch zum Nulltarif Trainer und Botschafter des Erstligisten HC St. Imier. Sein Agent übernimmt die Rolle eines „Babysitters.“

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Elik 2

Bild: Keystone

 

Die charismatische kanadische Kultfigur mit bewegter Vergangenheit in Lugano, Langnau, Zug, Davos, Langenthal und Thurgau (zwischen 1997 und 2010 insgesamt 409 Nationalliga-Spiele, 517 Punkte und sagenhafte 1390 Strafminuten) beendete im Frühjahr 2011 seine Spielerkarriere nach einem letzten Gastspiel in Oesterreich und kehrte nach Kanada zurück.

 

Seither versucht er als Trainer in der Schweiz Fuss zu fassen. Er rief schon mal an, und fragte, ob ich ihm nicht einen Job wüsste. Da musste ich passen. Mit jeder auch noch so ehrlich gemeinten Empfehlung wäre ich in Verdacht geraten, die Rückkehr des Rock’n’Rollers aus purem Eigennutz zu fördern. Um Stoff für gute Geschichten zu bekommen.

 

Doch nun hat es zum Glück funktioniert. St. Imier-Präsident Francis Beuret sagt, der Vertrag über sechs Monate sei zwar noch nicht unterschrieben. «Aber wir haben uns mündlich geeinigt. Elik ist für uns ein Glücksfall. Unser bisheriger Trainer musste im Juni aus gesundheitlichen Gründen sein Amt aufgeben und wir standen ohne Trainer da.»

 

Todd Elik wird voraussichtlich in Begleitung seiner Tochter in den Berner Jura kommen und soll seine Arbeit im am 1. September aufnehmen und bis zum 1. Februar bleiben. Er wird Cheftrainer des Kult-Erstligisten, soll in der Nachwuchsabteilung (rund 200 Junioren) aushelfen und auch mal bei den befreundeten Vereinen in der Region bei einem Training vorbeischauen. Sozusagen als Botschafter des Klubs. «Wir haben ja auch gute Beziehungen zu Biel und La Chaux-de-Fonds» sagt Präsident Francis Beuret weiter. «Elik ist ja ein alter Kumpel von Biels Trainer Kevin Schläpfer. Auch das hilft ihm, sich hier zu integrieren.» Mit dem Bieler Hockeygott spielte, rockte und rollte der Kanadier einst in der NLB beim SC Langenthal (2004/05) sogar in der gleichen Sturmlinie.

 

Ob das gut geht? Francis Beuret kennt seinen Pappenheimer. «Natürlich kennen wir Todd Elik. Ich gehe davon aus, dass er jetzt älter und ruhiger geworden ist. Wir sind ein Dorf (St. Imier hat knapp 5000 Einwohner – die Red) und Todd mag das Landleben. Er wird sich bei uns gut integrieren und wohl fühlen.»

 

Durst wird Todd Elik so oder so nie haben. Der Vorgänger von Francis Beuret im Präsidentenamt war Marc Leuenberger. Die Hockeylegende (Biel, Gottéron) ist mit dem Klub nach wie vor eng verbunden und arbeitet als Verkaufsleiter (Regional Sales Manager) einer grossen Biermarke (Feldschlösschen). Vielleicht wird ja Todd Elik auch noch Botschafter für eine Biermarke. Und es passt, dass beim HC St. Imier eine Fledermaus, also ein ausschliesslich nachtaktives Wesen, das Spielerleibchen ziert.

 

Der legendäre Ruf des ehemaligen NHL-Profi (500 NHL-Spiele/371 Punkte) schreckt den Vorsitzenden des HC St. Imier nicht. «Es ist ja oft übertrieben worden und vieles war ja auch Show. Todd Elik ist ein ehrlicher Kerl und durch und durch ein Winnertyp.» Die Reaktionen im Umfeld seien überaus positiv. «Ich habe unsere Sponsoren und Spieler informiert. Inzwischen haben zwei, die eigentlich zurücktreten wollten, erklärt, dass sie doch noch eine Saison anhängen. Weil Todd Trainer wird.» Die Vorfreude sei gross. «Jeder weiss, welch grossartiger Spieler Todd Elik war und freut sich darauf, von ihm etwas lernen zu können.»

 

Der Präsident weiss auch, dass es hinunter nach Biel (und dem buntscheckigen Nachtleben dieser Stadt) bloss rund nur 30 Kilometer weit ist. «Und erst noch der grösste Teil der Strecke auf der Autobahn. Aber Todd Elik sucht bei uns den Einstieg ins Trainergeschäft. Es ist für ihn eine grosse Chance und er wird alles tun, um diese Chance zu nutzen. Wir wären noch so stolz, wenn er von hier aus den Schritt in die Nationalliga machen könnte und wir dann sagen dürften: Ja, hier bei uns hat alles angefangen. Wenn es trotz allem nicht funktionieren sollte, dann halt nicht. Aber der Versuch ist es wert.»

 

Der Spieleragent Ludwig „Ludi“ Lemmenmeier (52) hat den Deal eingefädelt. Der ehemalige Nationalliga-Torhüter ist ein sympathischer, charmanter Lebenskünstler mit Hang zu Kauzigkeit und einem Herz für Rock’n’Roller. Er ist der einzige Eishockey-Spieleragent, der auch schon die Interessen einer Miss Schweiz vertreten hat. „Ludi“ wohnt in La Chaux-de-Fonds und hat Präsident Francis Beuret in die Hand fest versprochen, sich auch ein bisschen um Todd Elik zu kümmern. «Pro Woche will er sich dafür mindestens einen Tag Zeit nehmen.» Ludwig Lemmenmeier in der Rolle seines Lebens: Babysitter von Todd Elik in St. Imier. Freut er sich auf diese Herausforderung? Auf die Frage reagiert er unwirsch und macht den seriös-diskreten Berufsmann: «Dazu sage ich gar nichts. Auskunft gibt in dieser Sache nur der Präsident.»

 

Und was kostet das „Abenteuer Todd Elik“? Mehr als 100 000 Franken? «Nein, nein, wo denken Sie auch hin» beteuert Präsident Francis Beuret. «Wir haben für unsere 1. Mannschaft ein Budget von rund 130 000 Franken und mussten sogar die Entschädigungen für unsere Spieler kürzen. Wir sind wahrscheinlich der Klub mit dem kleinsten Budget in der gesamten 1. Liga.» Der neue Trainer kostet für die sechs Monate alles in allem weniger als 50 000 Franken. «Für Todd Elik geht es darum, ins Trainergeschäft einsteigen zu können. Er kommt nicht zu uns, um Geld zu verdienen. Er ist zufrieden, wenn er während dieser sechs Monate nicht drauflegt…»

 

Die Zielsetzung ist klar: St. Imier (deutsch: St. Immer) will nicht in die 2. Liga absteigen und die Playoffs wären ein Traum. Also ziemlich genau die Ausgangslage, die Todd Elik ja aus Langnau bestens vertraut ist. Der SC Bern hat übrigens viele Anhänger aus dem Berner Jura. Ach, was wäre das für ein Rocken und Rollen, wenn Trainer Guy Boucher in Bern scheitern sollte und durch Todd Elik ersetzt würde…

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