Die Sternstunde der ungeliebten Helden

Grosses Kino in Kloten: Die Flyers siegen 3:2 nach Penaltys gegen Zug. Wenn es so weiter geht, wird Tomas Tamfal noch Trainer des Jahres.

Presse • • von 20 Minuten online, Klaus Zaugg

Nehmen wir einmal an, es wäre Klotens Sportchef André Rötheli am Freitag nach der 3:4-Niederlage in Langnau erlaubt worden, Trainer Tomas Tamfal zu entlassen und Felix Hollenstein an die Bande zu stellen. Ein reizvolles Gedankenspiel.

 

Dann wären André Rötheli und Felix Hollenstein jetzt nämlich strahlende Helden. Ein 3:2 nach Penaltys gegen Zug! Nur 24 Stunden nach einer Pleite gegen das Schlusslicht! Da sieht man, was ein Trainer ausmacht!

 

Wir Chronisten hätten einhellig und überschwänglich berichtet, es sein ein Ruck durch die Mannschaft gegangen. Das Coaching sei ganz einfach brillant gewesen: Das Time-Out genau zum richtigen Zeitpunkt und dann sofort der Ausgleich. Da sehe man, wie Felix Hollenstein sein Team spüre! Da sehe man, was ein Trainerwechsel und gutes Coaching doch bewirken können! Und dann hätten wir nicht vergessen, darauf hinzuweisen, dass Denis Hollenstein seinen entscheidenden Penalty versenkte. Hätte er Klotens fünften Penalty nicht ins Tor gebracht, hätte Zug gewonnen. Da sehe man, was es ausmacht, wenn der Vater an der Bande stehe! Und wir alle wären unisono einer Meinung gewesen: Ohne Trainerwechsel wäre dieses Wunder, dieser Sieg nicht möglich gewesen.



Position des Trainers gestärkt

Aber der Trainer ist nicht entlassen worden. Tomas Tamfal, der ungeliebte Held der Kloten Flyers in den Zeiten der Krise, coachte die Mannschaft zu diesem spektakulären Sieg gegen Zug. Er nahm sein Time Out zum richtigen Zeitpunkt. Und im Penaltyschiessen schickte er Denis Hollenstein aufs Eis. Die Kloten Flyers haben mit dem Sieg gegen Zug die Position des Trainers gestärkt und einen Abstand von sechs Punkten auf Biel und den Strich gewahrt.

 

Aber der neue Sportchef André Rötheli möchte Trainer Tomas Tamfal halt entlassen. Doch die Spieler verhindern immer wieder mit Siegen zum falschen Zeitpunkt, dass er dazu eine passende Gelegenheit findet. Manager Wolfgang Schickli hingegen stützt den von ihm im Sommer ins Amt gehievten Chefcoach durch alle Böden hindurch.

 

Gespräche auf der Medientribüne

Das grösste Gaudi bei allen Kloten-Partien bekommen die Zuschauer leider nicht mit: Die Gespräche auf der Medientribune. Weil Sportchef André Rötheli gegenüber den Chronisten längst mit feiner Ironie hat durchblicken lassen, dass er gerne einen neuen Trainer hätte beziehungsweise einen neuen Trainer sucht, gibt es während eines Spiels der Kloten Flyers nur ein Thema: Muss Trainer Tomas Tamfal nun gehen oder rettet er sich erneut?

 

Die Grundstimmung rund um die Kloten Flyers lässt sich so beschreiben: Warten auf die Vollzugsmeldung der Trainerentlassung. So war es auch während der Partie gegen Zug. Als die Zuger nach zwei Dritteln 2:0 führten, sagte Tele-Club-Chefredaktor Michael Fritschi, dessen hohe Sachkompetenz unbestritten ist: «Nun beginnt mit grösser Wahrscheinlichkeit Klotens letztes Drittel unter Tamfal.» Und wir alle pflichteten ihm bei. Vom Repräsentanten der noblen NZZ bis hin zu den Polemikern des Boulevards.

 

Wir wissen: Es war nicht Tamfals letztes Drittel. Hier soll, der Boshaftigkeit willen, auch die Frage gestellt werden: Wo könnten diese Kloten Flyers stehen, wenn der neue Sportchef fähig und willens wäre, dafür zu sorgen, dass dem Trainer vier gute ausländische Spieler zur Verfügung stehen? André Rötheli hat bisher erst eine Massnahme ergriffen: Er hat seinen Kumpel Pascal Müller, der in Ambri ausgemustert worden ist, nach Kloten geholt. Lotterverteidiger Müller hat es fertig gebracht, mit einer statistischen Brille (0 Tore/0 Assists) nach nur zwölf Spielen schon die miserabelste Plus/Minus-Bilanz des ganzen Teams zu erreichen (-6). Auch gegen Zug brachte er seine Mannschaft durch einen Fehler, der zum 0:1 führte, in grosse Not.



Nicht einziger ungeliebter Held

Klotens Trainer Tomas Tamfal war nicht der einzige ungeliebte Held, der eine Sternstunde erlebte. Gleiches gilt auch für Zugs Torhüter Sandro Zurkirchen (22). Auch zu diesem Fall ein Gedankenspiel: Hätten die Zuger gegen Kloten schon ihren neuen Goalie Tobias Stephan im Tor gehabt (er kommt bekanntlich spätestens im Frühjahr 2014 für drei Jahre, aber vielleicht auch schon nach dieser Saison), dann hätten wir Chronisten das Hohelied von Tobias Stephan gesungen. Da sehe man, was ein grosser Torhüter ausmache! Mit den Lottergoalies der Vergangenheit (wie Sandro Zurkirchen oder Jussi Markkanen) wäre man sicher nicht bis ins Penaltyschiesen gekommen!

 

Aber Sandro Zurkirchen stand im Tor. Nicht Tobias Stephan. Zurkirchen hat keine Chance, Zugs künftige Nummer 1 zu werden. Und doch hatte er in Kloten eine Sternstunde. Eine statistische Übersicht zeigt, wie hoch seine Leistung einzuschätzen ist. Hier die offizielle Aufstellung der Anzahl Pucks, die in der Samstagnacht den einzelnen Goalies entgegengeflogen sind und dazu die Abwehrquoten.

 

43 Sandro Zurkirchen (Zug), 95.45 % abgewehrt
43 David Aebischer (Lakers), 86.05 % abgewehrt
38 Leonardo Geononi (Davos), 86,84 % abgewehrt
38 Thomas Bäumle (SCL Tigers), 89,47 % abewehrt
37 Marco Bührer (SCB), 97,30 % abgewehrt
33 Lukas Flüeler (ZSC), 93,94 % abgewehrt
32 Reto Berra (Biel), 93,75 % abgewehrt
31 Lorenzo Croce (Ambri), 93,55 % abgewehrt
27 Benjamin Conz (Fribourg), 88,89 % abgewehrt
25 Daniel Manzato (Lugano), 96,00 % abgewehrt
22 Ronnie Rüeger (Kloten), 90,91 % abgewehrt
21 Tobias Stephan (Servette), 71,43 % abgewehrt

 

Könnte es sein, dass aus Sandro Zurkirchen doch eine Nummer 1 wird? Ist Tomas Tamfal am Ende doch ein grosser Bandengeneral? Ein Chronist, der jeglicher Polemik abhold ist, muss nach der letzten Nacht diese Frage stellen. Gut, es war eine Vollmondnacht. Vielleicht waren die Hockeygötter ein bisschen launisch.

 

Und was ist, wenn der EV Zug mit Sandro Zurkirchen bis ins Playoffinale kommen sollte? Was, wenn Tomas Tamfal mit den Kloten Flyers nicht nur die Playoffs, sondern darüber hinaus das Halbfinale oder gar das Finale erreicht?

 

Dann werden wir beste Unterhaltung auf und neben dem Eis haben. Und wir Chronisten werden hinterher die dazu passende Analyse liefern, warum es so kommen musste. Schliesslich sind nach dem Krieg alle Soldaten Generäle.

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