Zum Abgang von Chris DiDomenico

Eine Lanze für einen ausgeprägten Egoisten

Ist Eishockey mehr Einzel- oder Mannschaftssport? Chris DiDomenico hat die SCL Tigers zu Unzeiten verlassen, weil ihm seine eigene Karriere wichtiger war als das Team und eine ganze Region.

Blog • • von Bruno Wüthrich

Chris DiDomenico ist ein Egoist. Wir alle sind Egoisten. Irgendwie. Nicht alle gleich ausgeprägt. Spitzensportler neigen – vor allem, wenn sie Ambitionen haben – zuweilen zum extremen Egoismus. Wäre dies ihre einzige Eigenschaft, würde sie dies nicht unbedingt sympathisch erscheinen lassen. Wenn sie jedoch Tore schiessen, Assists geben und für Spektakel sorgen wie Chris DiDomenico, dann blenden wir ihren Egoismus aus. Bis wir plötzlich merken, dass eine andere Organisation, eine andere Region, ein anderer Arbeitgeber oder mehr Geld wichtiger sind als bisherige «Herzensangelegenheiten», die wir ohne zu hinterfragen glaubten, zu sein.

 

Chris DiDomenico sorgte oft für Spektakel. Bild: Susanne Bärtschi

 

Chris DiDomenico übt eine Mannschaftssportart aus, aber er tickt wie ein Einzelsportler. Er ist nicht der Einzige, aber wegen seinem eigenen Vorteil sein Team zu Unzeiten zu verlassen, zeigt halt schon auf, wie gross sein Egoismus sein muss, und wie sehr der Mannschaftssportler DiDomenico wie ein Einzelsportler tickt. Die Mannschaft war Mittel zum Zweck.

Und doch breche ich jetzt eine Lanze für ihn. Zumindest ein Bisschen. Obwohl mich sein Abgang ausserordentlich ärgert. Aber ich stelle mir vor, dass Chris nie und nimmer damit rechnete, ein Angebot aus der NHL zu erhalten. Vermutlich hatte er diesen Traum schon etwas beerdigt. Darauf deutet auch hin, dass er – auf eigene Initiative – in Langnau verlängern wollte, obwohl er für die nächste Saison noch einen Vertrag gehabt hat. Doch eben: die NHL blieb ein Traum, wenn auch in der Einsicht von DiDo ein immer mehr unrealistischer. Doch nun kommt plötzlich dieses Angebot. Ich stelle mir die Aufregung vor, die dieses Angebot im Kanadier ausgelöst haben muss. Plötzlich ist sie da, die Möglichkeit, die grosse Chance. Der Blick vertunnelt sich. Es existiert nur noch dieses Angebot. Weil er zuvor mit dem Thema NHL mehr oder weniger abgeschlossen hatte, fehlt auch das Selbstvertrauen, das ihm sagt, dass da eventuell bald ein nächstes Angebot folgen könnte. Wobei, - na gut...

Er will dieses Angebot annehmen. Unbedingt. Er ist der felsenfesten Überzeugung, dass er es jetzt annehmen muss, - annehmen können muss, weil es sonst nie mehr eines geben wird. Der Blick ist so vertunnelt, dass es kein links und rechts, kein oben und unten mehr gibt. Der Vertrag mit den SCL Tigers ist nur noch lästig. Der muss weg. Die Emotionen wegen dieser einmaligen Chance sind so hoch, dass ihm jedes Mittel zur Vertragsauflösung recht ist. Drohungen, Weinen, Arbeitsverweigerung und was es auch alles im Gespräch mit den Verantwortlichen gegeben haben muss. DiDomenico, früher ambitioniert und ein hoffnungsvolles Talent, zurückgeworfen durch eine Verletzung, gelandet daraufhin in den Niederungen des italienischen Eishockeys, sah jetzt plötzlich das rettende Ufer. Ein Ertrinkender drückt schon mal einen andern unter Wasser, wenn er sich selbst dadurch retten kann. Ich stelle mir vor, dass Chris DiDomenico sich in einer solchen Situation fühlte und danach handelte.

Tatsache ist aber: Chris DiDomenico war nicht in der Situation eines Ertrinkenden. Er hatte in Langnau ein gutes Einkommen. Er konnte seinen Sport trotz der seinerzeitigen Verletzung ausüben, und zwar in einer der besten Ligen der Welt und in einem Team, in welchem er sehr viel Verantwortung übernehmen durfte und ein Star war. Die Episode zeigt eben auch, dass Langnau nie eine Angelegenheit des Herzens, sondern immer nur Mittel zum Zweck war.

DiDo ist nicht der Einzige, der so handelt. Auch Brendan Shinnimin und Rob Schremp haben ihre Verträge aufgelöst, weil sie Egoisten sind. Immerhin taten sie dies nicht zur Unzeit. Andererseits war bei ihnen auch kein Angebot aus der NHL der Grund. Wir werden in der Zeit, die wir mit den SCL Tigers und beim Eishockey verbringen, noch viele ähnliche Egoisten kennen lernen. Zum Glück müssen wir uns nur mit den Leistungen auf dem Eis befassen und dürfen uns einlullen lassen, wenn einer sagt, Langnau und die SCL Tigers seien eine Angelegenheit des Herzens. Ob sie es für einen dieser «Stars» einmal sein werden, ist ebenso unsicher wie ob uns einer dieser Egoisten überhaupt sympathisch wäre, wenn er nicht Eishockey spielen könnte.

Die Frage bleibt offen, ob Eishockey inzwischen mehr Mannschaftssport oder mehr Einzelsport ist, und in welche Richtung sich die Sportart in Zukunft in dieser Frage entwickelt.

Übrigens: Der Fehler liegt nicht beim (noch) nicht eintreten auf die Vertragsverlängerungswünsche von DiDomenico. Egal, um wie viel Jahre der Vertrag verlängert worden wäre – er wäre jetzt aufgelöst!

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