SonntagsZeitung, Philipp Muschg

Emmentaler Liebesbeziehung

In Langnau gehen so viele Menschen zum Eishockey, als wären die SCL Tigers nie aus der NLA abgestiegen.

Presse •

 

Wer von Westen nach Langnau fährt, vorbei an Grosshöchstetten, Zäziwil und Signau, kommt nach einer lang gezogenen Linkskurve zu einem Ortsschild. Der Nebel hängt tief an diesem düsteren Novembernachmittag auf halbem Weg zwischen der Langnauer Kirchturmspitze und den dichten Baumbeständen oben auf den umgebenden Hügeln. Braun und weiss ist das Schild, «Leben im Emmental» steht unter dem Namen der 9000-Seelen-Gemeinde, und neben ein paar nüchternen Piktogrammen strahlt auf knallgelbem Grund, was ein ganzes Tal an diesem Abend bewegt: «Eishockey-Match.»

 

Die SCL Tigers sind ein Phänomen, obschon sie im letzten Frühling nach 15 Jahren aus der NLA abgestiegen sind - und vielleicht sogar erst recht deshalb. Die überregionalen Medien haben die Berichterstattung über den 65-jährigen Club eingestellt oder stark zurückgefahren, mit dem Abstieg verschwand auch weitgehend die Möglichkeit, das Team im Fernsehen zu verfolgen. Doch 5100 Zuschauer kommen im Schnitt an die Spiele in der brandneuen Halle - nur 200 weniger als in der NLA, aber 2000 mehr als in Visp und Olten, den Zuschauermagneten Nummer zwei und drei der NLB. Alle anderen B-Clubs mobilisieren nicht einmal halb so viel Publikum wie Langnau.

 

Disco dank Sonderbewilligung so lange offen wie gewünscht

An diesem Abend kommen die GCK Lions zu Besuch, das Farmteam des ZSC. Im Sektor der Gästefans verlieren sich etwa gleich viele Zuschauer, wie auf dem Matchblatt des Gästeteams stehen, doch das spielt gar keine Rolle. Über 5000 Menschen aus Langnau und Umgebung haben sich auch von der scheinbar unattraktiven Affiche nicht vom Besuch abhalten lassen. «Ho, ho, hopp Langnou», schallt es vielkehlig von den Rängen. Als Tobias Bucher nach 77 Sekunden das 1:0 erzielt, bebt die Ilfishalle ein erstes Mal.

 

Die Suche nach Erklärungen für die besondere Beziehung der Emmentaler zum Eishockey beginnt bei Peter Jakob, dem Präsidenten der Tigers. Seit 110 Jahren produziert sein Familienbetrieb im benachbarten Trubschachen Drahtseile, und als der Club 2009 vor dem Ruin stand, war der Patron eine Schlüsselfigur bei der Rettung der Tigers in letzter Minute. «Mit Eishockey hatte ich davor nicht viel am Hut», sagt er, «aber es ging auch um viel mehr als um Eishockey - es ging um die gesamte Region.»

 

Das Obere Emmental ist nicht gerade strukturstark. Innerhalb des Kantons Bern, der an sich schon vom Finanzausgleich profitiert, profitiert die Region besonders. Langnaus Gemeindepräsident Bernhard Antener weist zwar auf Veranstaltungen wie das kleine, feine Jazzfestival hin, doch weit und breit ist nichts in Sicht, das annährend so viele Menschen mobilisiert und Identität stiftet wie der Eishockeyclub.

 

Das wird auch an diesem Abend deutlich. Das Publikum ist gemischt durch alle Altersstufen und soziale Schichten: In den VIP-Räumen hoch über dem Eis werden 150 Gäste in elegantem Ambiente verköstigt; ein paar Etagen tiefer im Tigersaal gibt es Fondue; und während vor dem Stadion der Zuschauerstrom nicht abreisst, stimmt sich die junge Generation im Kühni-Treff nebenan unter farbigem Discolicht auf den Abend ein. Dank einer Sonderbewilligung kann das nur an Matchtagen betriebene Lokal so lange offen haben, wie es will. Oben im selben Haus befindet sich seit dem Sommer die Geschäftsstelle der Tigers.

 

«Ich hätte mich nicht mehr im Dorf zeigen können»

Die Nähe zwischen Club und Publikum hat praktische Gründe, ist aber auch im übertragenen Sinn zu verstehen. Als die Ilfishalle letztes Jahr für 31 Millionen Franken renoviert wurde, steuerte die Gemeinde fast die Hälfte der Kosten bei, weil die Halle ja während der meisten Zeit nicht von den Profis, sondern vom Breitensport genutzt wird. Ohne Neubau wäre sie wegen ihrer Ammoniak-Kühlung von Amtes wegen längst geschlossen worden. Und auch bei der Rettungsaktion 2009 half die Gemeinde aus - mit einem zinslosen Darlehen über zehn Jahre, von dem jeden September 80 000 Franken zurück an die öffentliche Hand fliessen. «Ich hätte mich nicht mehr im Dorf zeigen können, wenn wir dieses Geld einfach als Geschenk genommen hätten», sagt Jakob.

 

Mit der Rettung des Clubs und dem Aufbau des Stadions habe die ganze Region etwas geschafft, worauf sie stolz sein könne, findet er. Einen «Leuchtturm fürs Emmental» nennt Antener die SCL Tigers, und so wirkt die rotgelbe Ilfishalle an diesem Abend tatsächlich. 5:1 gewinnt die Mannschaft von Bengt-Ake Gustafsson, es ist ihr dritter Sieg in Folge. Kurz nachdem zu volkstümlichen Klängen die besten Spieler geehrt werden, füllt sich der Tigersaal erneut. Die Gesichter sind nun nicht mehr erwartungsfroh, sondern entspannt und fröhlich, der Bierverkauf läuft gut, und auf einer Grossleinwand werden die Highlights der NLA-Runde gezeigt, die an diesem Abend ebenfalls stattfand.

 

Dass Langnau nicht mehr zu diesem Kreis gehört, soll sich so bald wie möglich ändern, doch der Umgang mit den geänderten Erwartungen ist nicht einfach. Die Hälfte des Teams musste ausgewechselt werden, trotzdem wurde vom ersten Spiel an erwartet, dass die Tigers als bisheriger NLA-Club die Liga dominierten. Bereits die erste Schwächephase kostete dann Trainer Tomas Tamfal den Job. «Nur wenn wir in der NLB vorne mitspielen, ist das akzeptabel», sagt Jakob, der feststellt, dass heute schneller kritisiert wird als noch in der NLA. «Man akzeptiert nicht mehr alles, nach einem einzigen schlechten Drittel kommen schon Pfiffe.»

 

Tatsächlich sind diese Pfiffe wohl bloss die Kehrseite der Langnauer Eishockeyleidenschaft. «Liebe kennt keine Liga» steht auf einem T-Shirt, das es im Fanshop zu kaufen gib, doch die Statistik spricht dafür, dass diese Liebe auf die Probe gestellt wird. Von den zehn Teams, die in den letzten zwei Jahrzehnten abstiegen, schaffte einzig das schwer aufgerüstete Basel 2005 den sofortigen Wiederaufstieg.