Wochen-Zeitung, Werner Haller

Entdeckungsreise auf neuer Landkarte

Morgen beginnt für den NLA-Absteiger und NLB-Neuling mit dem Auswärtsspiel in Pruntrut gegen Ajoie eine lange Entdeckungsreise auf einer neuen Eishockey-Landkarte.

Presse •

Der Carchauffeur der SCL Tigers hat sein Navigationssystem neu programmiert. In den vergangenen 15 Jahren führten die Fahrten zu den Auswärtsspielen jeweils nach Bern, Zürich, Kloten, Genf, Lugano, Ambri, Davos, Zug, Fribourg oder anders wohin. Nach dem Abstieg in die NLB sieht die Eishockey-Landkarte der Emmentaler jetzt aber völlig anders aus: Die Reiseziele heissen nun Langenthal, Olten, Basel, Visp, Martigny, La Chaux-de-Fonds, Pruntrut (Ajoie), Küsnacht (GCK Lions) und Weinfelden (Thurgau). Neu sind aber nicht nur die Destinationen, neu ist vor allem die Liga. Neu ist auch jeder einzelne Gegner sowie die Qualität der Mannschaften und deren Spieler. Selbst die SCL Tigers sind bei weitem nicht mehr, was sie noch vor wenigen Monaten waren. Nur noch ein Dutzend Spieler aus der NLA-Mannschaft der Abstiegssaison figurieren auch im Kader für die bevorstehende NLB-Meisterschaft: Ein Torhüter, drei Verteidiger und acht Stürmer. Nicht weniger als 15 Spieler sind neu, ebenso wie der Headcoach, der Tscheche Tomas Tamfal.



Das neue Kapitel positiv gestalten
Das ist sehr viel auf einmal. Und deshalb ist es keineswegs übertrieben, vor dem morgigen Beginn der NLB-Meisterschaft von einer Entdeckungsreise der SCL Tigers mit zahlreichen Ungewissheiten und vielen offenen Fragen zu sprechen. Der Abstieg beendete ein 15 Jahre dauerndes Kapitel der Klubgeschichte. Nun wird eine neue Seite aufgeschlagen: «Ja», stimmt Headcoach Tomas Tamfal zu, «das kann man durchaus so sehen. Die Vergangenheit, finde ich, darf man zwar nie vergessen. Aber man darf auch nicht mit ihr weiterleben.» Das Leben müsse ununterbrochen weiter gehen, vorwärts, immer vorwärts. Was geschehen sei, sei geschehen und lasse sich nicht mehr ändern. «Verändern», sagt der Tscheche, «kann man nur eines, das, was vor einem liegt. Wir von den SCL Tigers stehen vor einem neuen Kapitel, und jeder von uns hat die Chance, dieses neue Kapitel mit seinem persönlichen Beitrag positiv mitzugestalten. Das ist eine interessante und auch anspruchsvolle Herausforderung.» Die neue Situation ist auch sehr spannend. Denn, Hand aufs Herz, niemand kann mit Bestimmtheit sagen, wo die Entdeckungsreise der Langnauer in den nächsten Wochen und Monaten hinführt.



Tamfals Verzicht auf Spekulationen
Es verwundert nicht, dass sich der besonnene Tomas Tamfal an den vor einem Meisterschaftsstart üblichen Prognosen nicht beteiligt: «Ich kann nur spekulieren, und das mache ich nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich nur eines sagen: Ich habe ein gutes Gefühl, weil wir in der Vorbereitung so gearbeitet haben, wie ich mir das vorgestellt hatte. Nun folgt der nächste Schritt. Wir müssen die Trainingsleistungen auch in der Meis-terschaft umsetzen und uns von Tag zu Tag verbessern. Mein Ziel ist es, die Mannschaft ständig weiterzubringen. Aber das braucht seine Zeit, nichts funktioniert auf Anhieb ohne harte Arbeit und ohne die nötige Geduld.» Wegen den zahlreichen namhaften Abgängen aus dem ersten und zweiten Block sowie der Tatsache, dass in der NLB nur noch zwei Ausländer eingesetzt werden dürfen, gibt es innerhalb der Mannschaft gezwungenermassen eine neue Hierarchie. Von Spielern, die sich in der NLA bisher mehr oder weniger auf defensive Aufgaben konzentrieren konnten, werden in der NLB nun auch vermehrt offensive Impulse erwartet. Von einer Saison zur andern neue Rollen zu übernehmen und erfolgreich auszuüben, ist alles andere als einfach. Doch auch da hebt Tomas Tamfal die positive Seite hervor: «Das ist doch für jeden Spieler, den es betrifft, eine Riesenchance, oder nicht? Das ist doch die grosse Möglichkeit, sich vermehrt zu zeigen und nicht mehr im Schatten der Teamkameraden des ersten und zweiten Blockes zu stehen.»



Kein Fortschritt ohne Lernfähigkeit
Das erfolgreiche Übernehmen einer neuen Rolle hänge in erster Linie mit der Bereitschaft eines Spielers zusammen, diese anzunehmen, sagt Tomas Tamfal. Er erwähnt bei jeder Gelegenheit, wie entscheidend der Wille sei, hart zu trainieren, um einen neuen Weg einzuschlagen und ein kompletterer Spieler zu werden. «Die Lernfähigkeit ist die wichtigste Vor-aussetzung für den Fortschritt. Ich rufe sie meinen Spielern immer wieder und mit Nachdruck in Erinnerung. In jedem Training und jedem Spiel will ich von jedem Einzelnen die Bereitschaft sehen, dass er Fehler korrigieren und damit weiterkommen will.» Wenn Tomas Tamfal die Spieler auffordert, die vorhandenen Möglichkeiten mit Konstanz auszuschöpfen, dann hat dies auch einen Hintergrund: Die Eishockeybegeisterung im Emmental. «Die ist einzigartig. Eine solche Basis, um erfolgreich arbeiten zu können, findet man nur ganz selten. Beim Vorsaisonturnier um den Dolomitencup in Kitzbühel und Neumarkt wurden wir von Fans unterstützt, die eine mehrstündige Autofahrt in Kauf nahmen, um uns die Daumen zu drücken. Wo gibt’s denn so was? Ich bekam Hühnerhaut, so beeindruckt war ich.» Zu dieser äusserst wertvollen «Eishockeykultur» müsse man sehr viel Sorge tragen, sagt Tomas Tamfal. Man müsse sie nicht nur aufrechterhalten, sondern auch weiter entwickeln. Und dies wiederum hängt nicht zuletzt von der Leistungsbereitschaft und der Arbeitseinstellung der Spieler ab. 

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