Hütet euch an der Ilfis – aber es ist noch nicht aller Tage Abend.

Die SCL Tigers sind in Visp mit Karacho 1:4 untergegangen. Trotzdem sind die Chancen auf den NLB-Titel und den sofortigen Wiederaufstieg intakt.

News • • von Klaus Zaugg

 

Am Freitag warten drei Fans der SCL Tigers in Kandersteg mit ihrer Benzinkutsche kurz nach 17.00 Uhr auf die Abfahrt des Autoreisezuges nach Goppestein. Sie wundern sich, dass auch vier NLA-Schieds- und Linienrichter (Danny Kurmann, Markus Kämpfer, Roger Arm, Peter Küng) ein Ticket für den gleichen Autozug durch den Lötschberg gelöst haben. Vier Spitzenrefs für einen NLB-Final in Visp? Ist das nicht ein wenig übertrieben?

 

Später zeigt sich: Gottseilobunddank hat die Liga grosse Tiere im Zebrafell ins ferne Visp ennet den Bergen entsandt. Es rumpelt nämlich gehörig. Mehr als 120 Strafminuten. Es ist ein Verdienst der sehr guten Head- und Linienrichter, dass ein grandioses Spektakel nicht ausartet. Dass die immer wieder aufflammende Rauflust schon im Ansatz gekühlt werden und dieses zweite NLB-Finalspiel letztlich einigermassen in Anstand über die Bühne gebracht werden kann. Visp gewinnt 4:1 und gleicht im NLB-Finale zum 1:1 aus. Spiel drei folgt am Sonntag.

 

Ein so raues, emotionales Hockey-Schauspiel wird im 21. Jahrhundert wohl nur noch im wilden Oberwallis aufgeführt. Dort, wo die Alten dem Stock noch „s’Chnebli“ und dem Puck „Chluntschi“ sagen. Diese Kampfkraft und Leidenschaft gibt es in der NLA in dieser Urform nicht mehr. Und das bei jederzeit anständigen Zuschauern.

 

Langnau kassiert einen Treffer in Überzahl (0:1) einen bei vier gegen vier Feldspielern (0:2) und in der letzten Minute noch zwei ins leere, von Lorenzo Croce verlassene Gehäuse (1:3 und 1:4). Das mag zeigen, dass Langnau im besten Wortsinne mit Karacho untergegangen ist.

 

Die SCL Tigers hatten diese intensive, unterhaltsame Partie so begonnen wie eine Mannschaft, die in den letzten Wochen viel zu leicht zu viele Playoffpartien (8 von 10) gegen die Operettenteams von Thurgau und La Chaux-de-Fonds gewonnen hatte: Arrogant, überheblich, unkonzentriert. Die taktisch undisziplinierten Schillerfalter Lukas Haas, Claudio und Sandro Moggi spekulieren im ersten Powerplay hochmütig und defensiv verantwortungslos vorwärts. Und – rumms – schon kassieren die Langnauer ein Tor in Überzahl (0:1).

 

Visp hat bei weitem nicht so viel Talent wie Langnau. Deshalb überfallen die Walliser den übermächtigen Gegner gleich in der Startphase mit wuchtigem Rumpelhockey. Um ihn in Schockstarre zu versetzen, zu betäuben und daran zu hindern, die Herrlichkeit des Talentes zu entfalten. Das gelingt. Nach sieben Minuten steht es 2:0. Der 41jährige Alexei Kovalev schleudert aus dem Handgelenk den Puck gleich einem Blitz ins Netz.

 

Die Langnauer verlieren im ersten Drittel die Nerven und am Ende das Spiel. Der Versuch, mit Alexei Kovalev in den „Infight“ zu gehen, beschert Claudio Moggi bereits nach einer Viertelstunde einen Restausschluss und die Zuschauer werden Zeugen einer Wunderheilung. Der Russe, gestählt aus über 1000 NHL-Partien, spielt schlau den sterbenden Schwan. Als die Fünfminuten-Strafe gegen Claudio Moggi ausgesprochen ist, erfolgt sogleich eine Wunderheilung: Alexei Kovalev kann sich nicht nur erheben. Er spielt auch sogleich weiter.

 

In der ersten Pause kann Trainer Bengt-Ake Gustafsson seine durcheinander geratene, ja versprengte Herde zwar wieder einsammeln, ordnen und einigermassen beruhigen. Aber fortan verteidigen die tapferen und mutigen Einheimischen ihren Vorsprung mit Zähnen und Klauen. Dabei ist Torhüter Matthias Schoder ein sicherer Rückhalt. Den SCL Tigers verbleiben schliesslich 29 Minuten Zeit um einen 1:2-Rückstand aufzuholen. Sie schaffen es nicht. Sie erleiden eine heilsame Niederlage.

 

Nun interessiert natürlich eine Frage: Wie gross ist eigentlich die Gefahr für den Verlierer der NLA-Playouts gegen die SCL Tigers den Klassenerhalt in der Liga-Qualifikation zu verlieren? Sofern nicht noch der Kirchtrum auf den Bären fällt, können wir nämlich davon ausgehen, dass die Emmentaler dieses NLB-Finale in sechs Spielen entscheiden. Weil sie die Belastung besser auf vier Linien verteilen können. Und weil Torhüter Lorenzo Croce nicht mehr spielt wie ein Lottergoalie. Visp wird höchstens noch ein zweites Heimspiel gewinnen. Wenn Langnau mit dieser Mannschaft die NLB-Meisterschaft nicht gewinnen sollte, dann wäre es eine Schmach mit ähnlichen Dimensionen wie das diesjährige SCB-Debakel.

 

In der Liga-Qualifikation stehen die Chancen der SCL Tigers auf den sofortigen Wiederaufstieg mindestens bei 65 Prozent. Unabhängig davon, ob der Gegner Biel oder Rapperswil-Jona heissen wird. Für beide gilt dann: Hütet euch an der Ilfis. Die eingehende Begründung für diese Prognose werden wir liefern, wenn es soweit ist. Denn wir wollen bei aller Zuversicht nicht vergessen: Trotz der klaren Ausgangslage gilt: „It’s not over until the fat lady sings” (frei übersetzt: “Es ist noch nicht aller Tage Abend”).

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