In der Not gegen den Freund

Aufgrund der wochenlangen Baisse steht Trainer John Fust bei den SCL Tigers mächtig unter Druck. In Langnau gastiert heute Lugano – dessen Coach Larry Huras entscheidet indirekt über die Zukunft seines guten Kollegen.

Presse • • von Berner Zeitung, Philipp Rindlisbacher

Nicht alle zwölf NLA-Trainer sind miteinander befreundet. Zugs Doug Shedden und Davos-General Arno Del Curto verbindet gar mehr Ab- als Zuneigung. Dass es auch anders geht, beweisen Tiger-Dompteur John Fust und Luganos Coach Larry Huras. «Ich schätze Larry», meint Fust, «John ist ein sehr guter Kollege», erzählt derweil Huras.

 

Beide Eishockeylehrer sind Kanadier, waren als Spieler harte Arbeiter. Fust (40) aber ist 17 Jahre jünger, «dennoch haben wir eine ähnliche Philosophie». In ihrer Heimat treffen sie sich oft an Fortbildungskursen und Symposien. «Wir sitzen dann jeweils das ganze Wochenende nebeneinander», sagt der Langnauer Übungsleiter. Zu Informationszwecken tauschen sie sich auch regelmässig aus; unlängst griff Huras zum Mobiltelefon und erkundigte sich bei Fust, ob er den ehemaligen Langnauer Paul Di Pietro verpflichten solle. «Bei uns stimmt die Vertrauensbasis. Andere Trainer sagen nicht immer die Wahrheit», meint Fust.

 

Die bröckelnde Rückendeckung

Heute (19.45 Uhr) gastiert Huras mit seiner inkonstanten Equipe im Emmental – und entscheidet indirekt über die Zukunft seines Freundes. Fust steht am Abend sicher noch an der Bande; die Rückendeckung aus der Chefetage ist dieser Tage allerdings nicht mehr uneingeschränkt. «Ich verstehe, dass die Fans und andere Menschen unzufrieden sind, bin aber nach wie vor überzeugt, dass es bald besser laufen wird», sagt Fust, dessen Trainerkarriere bis anhin eine Erfolgsgeschichte gewesen ist. Huras wurde zwar mit drei verschiedenen Klubs Schweizer Meister, aber auch schon mehrmals entlassen – zuletzt vor Jahresfrist beim SC Bern.

 

«John gehörte damals zu den Ersten, die sich bei mir meldeten», erzählt Huras, um anzufügen: «Coachs werden viel zu schnell entlassen. Und meistens fällen Leute den Entscheid, die zu wenig von der Sache verstehen.» Oft fühlten sich Trainer ungerecht behandelt, so sei es ihm in Bern ergangen, meint Huras. «John hat in Langnau zwei Jahre gut gearbeitet und schon sehr viel erreicht. Ich frage Sie: Ist er jetzt auf einmal ein schlechter Trainer?»

 

Larry Huras fungiert also quasi als Fürsprecher John Fusts. «Sie werden von mir kein böses Wort hören», sagt der charismatische ehemalige NHL-Spieler. Selbstverständlich prangern sich Trainer in der Öffentlichkeit nicht gegenseitig an; Huras scheint aber in der Tat viel von seinem Kollegen, dessen Name einst auch auf der Wunschliste bei den Tessinern gestanden haben soll, zu halten. «John ist ein ausgezeichneter Kommunikator, der viel Leidenschaft für das Eishockey aufbringt.» Diese Eigenschaften alleine jedoch werden ihn kaum schützen, ist der Coach doch bekanntlich das schwächste Glied in der Kette. Die SCL Tigers waren zuletzt mehrmals überfordert, diverse Partien bereits nach dem Startdrittel entschieden. Mit einem Lächeln sagt Huras, dass die Langnauer nicht zwingend heute eine Siegesserie starten müssten. In ernsterem Ton fügt er hinzu: «Trainer haben eigentlich immer Angst vor einer Entlassung.»