Berner Zeitung

Kampf gegen Langnauer und Vorurteile

In der Playout-Serie zwischen Rapperswil-Jona und den SCL Tigers steht es 1:1, seitens der St.Galler fiel Stürmer Michel Riesen in beiden Partien auf. Der Seeländer ist nach wie vor eine kontroverse Figur auf Schweizer Eisfeldern.

Presse • • von Philipp Rindlisbacher

 

Die Musik spielt in den Playoff-Halbfinals, doch auch in der Playout-Serie zwischen den Krisenklubs SCL Tigers und Rapperswil kämpfen Akteure, die ins Orchester passen würden. Auf Emmentaler Seite sticht Nationalstürmer Simon Moser heraus, bei den St.Gallern scheint Michel Riesen zu Höherem berufen – oder eher schien?

 

Michel Riesen ist 33-jährig, er wuchs in Lyss auf. Michel Riesen war der erste Schweizer Erstrundendraft, der erste Schweizer Feldspieler in der NHL und ein Stürmer, der bereits mit 15 für den EHC Biel in der NLA debütierte. Aber Michel Riesen gilt eben auch als Exempel des in Nordamerika gescheiterten talentierten Schweizers, als trainingsfaul und genügsam.

 

Kritik und Häme

Über den Seeländer sammeln sich in der hiesigen Mediendatenbank Hunderte von Berichten; Titel wie «Stürmer mit Selbstüberschätzung», «die verlorene Freude am Eishockey» oder «grandios gescheitert» stechen ins Auge. Riesens Image war nie unbefleckt, er polarisierte bereits als Teenager. Die im jugendlichen Übermut gemachte Aussage, «was Joe Thornton kann, kann ich auch», verfolgte ihn lange. Und als er im Sommer 2001 zugab, dass sein Biss nicht gross war, sich in der NHL-Organisation der St.Louis Blues durchzusetzen, runzelte hierzulande wohl manch einer die Stirn.

 

Riesen hatte einst als Supertalent gegolten, in der weltbesten Liga reichte es ihm indes «nur» zu 12 torlosen Auftritten für Edmonton. Experten vermissten Kampfbereitschaft und Willen, bis an die Grenzen zu gehen, und Riesen tat zu wenig, um dieses harte Urteil zu revidieren. «Als 16-Jähriger sollte ich erreichen, was all meinen Vorbildern, etwa den SCB-Stars, nicht gelungen war. Das schien irgendwie befremdend. Heute hingegen denkt jeder 10-Jährige an die NHL.» Mit Kritik hat Riesen umzugehen gelernt – auf einem Fanportal wurde er einst zum meistüberschätzten Spieler gewählt –, den Kontakt zu Journalisten sucht er nicht. Noch heute fordert er aber, dass mit gleichen Ellen gemessen wird, wenn es um sein Überseeabenteuer geht. «Ich habe es immerhin drei Saisons lang in Nordamerika versucht, andere Schweizer kehrten nach einem halben Jahr zurück.» Und was seinen Trainingseifer betrifft, sagt der Familienvater: «Schiesse ich Tore, ist alles gut. Treffe ich nicht, heisst es, ich sei weich und faul. Dabei war ich nie einer, der wie wild übers Eis flitzte und Schlägereien anzettelte.»

 

Titel und Tore

NHL hin oder her – Riesen hat in seiner Karriere sehr viel erreicht. Mit der U-20-Nationalmannschaft sicherte er sich 1998 WM-Bronze, viermal wurde er mit Davos Schweizer Meister, dreimal gewann er den Spengler-Cup. In seiner besten Saison erzielte er 41 Tore. Seit seinem Wechsel zu den Lakers vor dreieinhalb Jahren hat er etwas an Produktivität eingebüsst. In den beiden Playout-Spielen gegen die Tigers jedoch war Riesen eine der auffälligsten Figuren. Am Dienstag hatte er in der Verlängerung das vermeintliche Siegestor erzielt («dass der Treffer nicht gegeben wurde, war brutal») und zwei Penaltys vergeben, vorgestern buchte er das wegweisende 3:0. Er erwarte eine enge Serie, meint der Angreifer vor dem heutigen (19.45 Uhr) dritten Vergleich in Rapperswil.

 

Die Lakers wird Michel Riesen «mit Sicherheit verlassen». Ob er nochmals irgendwo einen derart gut dotieren Vertrag erhalten wird, ist fraglich. Der Seeländer meint, er wolle auch nach dem Rücktritt mit dem Eishockey verbunden bleiben, plant vorerst aber noch als Spieler. «Ich fühle mich gut. Und ich sehe wegen meiner grauen Haare ja auch älter aus, als ich bin.» Zuletzt wurde er wiederholt mit dem EHC Biel in Verbindung gebracht, allerdings war von divergierenden finanziellen Vorstellungen zu vernehmen. Für Riesen, dessen Mutter und viele Freunde in der Gegend leben, wäre es eine Rückkehr zu den Wurzeln. Und die Bieler könnten jemanden, der die erste Geige spielt, gewiss gut gebrauchen.

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