Kölliker in Langnau – Fluch oder Segen?

Mit Jakob (Köbi) Kölliker als neuem Sportchef rüsten die SCL Tigers ihre Eishockey-Kompetenz massiv auf. Doch ob sie ihre Probleme damit lösen können, oder ob sie sich damit zusätzliche schaffen, steht in den Sternen.

Blog • • von Bruno Wüthrich

Weiss die Bevölkerung von Langnau noch, wo ihr der Kopf steht? Jeder könnte begreifen, wenn dies nicht mehr so wäre. Was für ein Wechselbad der Gefühle. Über den Sommer 2012 gelang, was sowohl Branchenkenner wie auch Aussenstehende kaum für möglich gehalten hätten: Die Sanierung der altehrwürdigen Ilfishalle. Das Wort «Sanierung» ist sogar eine Untertreibung. Denn obwohl (oder gerade weil) vieles belassen wurde, wie es war, und sich deshalb die Fans der SCL Tigers darin immer noch heimisch fühlen, ist diese Sanierung ein Meisterwerk, worauf Langnau, das Emmental und alle Beteiligten stolz sein können. Und jetzt dies.

 

Noch ist kein Monat vergangen seit dem ersten Spiel, das die SCL Tigers auf eigenem Eis bestritten, und schon finden sich die Langnauer abgeschlagen auf dem letzten Tabellenrang wieder. Mehr noch: Auch an der Sponsorenfront hat sich noch nahezu nichts bewegt. Im August wurde deshalb der ehemalige Tigers-Geschäftsführer Heinz Schlatter angefragt, ob er im Mandat Sponsoren akquirieren könnte. Schlatter war interessiert und motiviert, ein Engagement scheiterte aber am Veto der Dorfkönige in Langnau. Deshalb suchten die Langnauer nach einer andern Lösung, und fanden diese nun in Köbi Kölliker. Er soll Tigers-Geschäftsführer Ruedi Zesiger als Sportchef ablösen, damit sich dieser auf die Geschäftsführung, die Gewinnung von Sponsoren und die Vermarktung der Ilfishalle konzentrieren kann. Damit kommt es zu einem Wiederaufleben einer Zusammenarbeit, die in Langnau bereits einmal erfolgreich war. Im Frühjahr 1998 stiegen die SCL Tigers völlig überraschend in die NLA auf, nachdem sie in der Qualifikation der NLB lediglich den 4. Rang belegt hatten. Nacheinander wurde damals dem HC Martigny, dem EHC Biel und dem EHC Chur in den Playoffs der Meister gezeigt. Aber die eigentliche Sensation folgte erst noch. Weil die NLA um ein Team redimensioniert wurde, kam es zu einer Ausmarchung zwischen den zwei Letzten der NLA (La Chaux-de-Fonds und Herisau) und dem NLB-Meister. Erstmals und bisher zum einzigen Mal in der Geschichte musste der Sieger aus der NLB gleich zwei Vertreter aus der NLA schlagen und hinter sich lassen, um aufzusteigen. Aus den letzten Jahren mit den Ligaqualifikationen wissen wir, wie schwierig es für einen Vertreter der NLB ist, in die NLA aufzusteigen. Die Tiger schafften es damals, als Sieger der Dreierpoule mit gleich zwei NLA-Vertretern hervor zu gehen. Mit dabei: Ruedi Zesiger als Geschäftsführer, Köbi Kölliker als Headcoach und John Fust als Stürmer. Dies ist nun fast 15 Jahre her. Nun sind die drei in etwas anderer Konstellation wieder für das Langnauer Eishockeyunternehmen beschäftigt. Ob es wieder so gut heraus kommt?

 

Hat John Fust noch eine Chance?

Um zu verdeutlichen, was geschehen könnte, erfinden wir wieder mal eine kleine Geschichte. Fritz ist einer der Führungspieler der SCL Tigers, wurde jedoch von John Fust zuletzt nicht so eingesetzt, wie er sich dies gewünscht hätte. Fritz geht deshalb zu Sportchef Köbi Kölliker, um sich zu beschweren. Die Antwort des Sportchefs ersparen wir uns.

 

Aber beim nächsten Gespräch mit dem Coach erwähnt der Sportchef die Begebenheit.

 

Kölliker: «Du, John, der Fritz hat sich bei mir beschwert. Er will künftig wieder am Flügel eingesetzt werden, und mehr Eiszeit erhalten.»

Fust (bereits etwas angesäuert): «Warum kommt der zu dir? Der soll das mit mir direkt besprechen.»

Kölliker: «Nein, das ist schon in Ordnung so. Denn ich bin der Sportchef.»

 

Läuft es in Zukunft so in Langnau, wird es nicht lange dauern, bis die SCL Tigers ein Problem haben und zum Intrigenstadl verludern. Denn die Autorität des Coaches würde durch solches Verhalten arg in Mitleidenschaft gezogen, und es würde nicht lange dauern, bis in den Beziehungen einzelner Spielern mit dem Coach Risse entstünden. Von wegen am gleichen Strick ziehen. Im Sport ist ein gerüttelt Mass an Egoismus vorhanden, und Egoisten schauen zuerst auf ihren eigenen Vorteil. In einem Team mit 25 Mitgliedern gibt es immer den einen oder andern Querulanten wie Fritz, der den Anfang macht. Andere werden folgen, wenn sie damit rechnen können, dass sie damit Erfolg haben. Auch zwischen dem Coach und dem Sportchef würde es zu bröckeln beginnen. Kölliker tritt aus seiner Sicht im günstigsten Moment in die Organisation der SCL Tigers ein. Die Langnauer liegen derzeit mit 5 Punkten Rückstand auf dem letzten Rang. Sowohl der Geschäftsführer Ruedi Zesiger als auch der Coach sassen schon fester im Sattel als gerade jetzt. Es kann fast nur besser werden, und falls Besserung eintritt, wird diese an seiner Person fest gemacht. Kölliker ist bestens vernetzt, und in der Lage, interne Machtkämpfe zu dominieren und zu gewinnen. Die Stellung von John Fust schien bisher dank Vertrag bis 2015 und mangels sportlicher Kompetenz seiner Vorgesetzten schier unantastbar. Ab sofort ist Fust, wie dies in seiner Branche fast überall Usanz ist, auch in Langnau das schwächste Glied in der Kette. Der Coach, welcher letztes Jahr eine grosse Krise letztendlich souverän meisterte, könnte diesmal wegen der völlig veränderten Machtverhältnisse in Langnau scheitern.

 

Welche Wirkung wird Kölliker erzielen?

Wer in einen Sportchef vom Formate Köllikers investiert, der muss etwas im Schilde führen. Denn mit ihm haben die Tiger einen Mann auf ihrer Lohnliste, der wohl nicht ganz billig zu haben war. Folgende Gedanken schiessen uns durch den Kopf:

 

  • Bisher hatte Tiger-Coach John Fust bei seinen Vorgesetzten keinen Ansprechpartner, mit dem er über Eishockey auf Augenhöhe diskutieren konnte. Dieser Missstand scheint durch Kölliker beseitigt. Wie wird sich dies konkret auswirken? Wird es mit der Sonderbehandlung von Pascal Pelletier und Kurtis McLean ein Ende haben? In den letzten Spielen pausierte ausnahmslos Mark Popovic, zuvor eindeutig der stärkste der drei regulär in Langnau beschäftigten Ausländer. Besprechungsbedarf ist zweifellos vorhanden. Aber will John Fust dies überhaupt? Wo endet die hilfreiche gemeinsame Analyse, und wo beginnt die Einmischung in die Kompetenzen des Coaches? Kein Coach wird eine Einmischung tolerieren. Vor allen dann nicht, wenn er zuvor mehr als zwei Jahre arbeiten konnte, wie er wollte.

  • Kölliker war nach seinem Abgang bei den SCL Tigers zehn Jahre Coach der U20-Nationalmannschaft der Schweiz und assistierte zudem A-Nati-Coach Ralph Krueger jahrelang als Assistent. Dem Seeländer wird attestiert, im Eishockey bestens vernetzt zu sein, und sich im Spielermarkt auszukennen. Das Engagement Köllikers weist unmissverständlich darauf hin, dass in Langnau in Zukunft nach etwas höheren Sphären gestrebt werden soll, als sich die SCL Tigers derzeit befinden. Kölliker wurde geholt, um Transfers zu machen. Er soll dafür sorgen, dass mit den vorhandenen Mitteln die bestmögliche Mannschaft gebaut werden kann. Aber auch er ist darauf angewiesen, dass unter «vorhandene Mittel» nicht der Status Quo gemeint ist. Geschäftsführer Ruedi Zesiger ist also gefordert. Ohne zusätzliche Mittel ist Kölliker kaum mehr als eine zusätzliche Belastung des Lohnbudgets.

  • Mehrere Kenner der SCL Tigers vermuten, dass es nicht lange dauern wird, bis Kölliker John Fust als Coach an der Bande ablösen wird. Wenn die Position von John Fust durch die Installation eines Sportchefs geschwächt wird, bzw. wenn der Sportchef auf den Posten des Coaches spekuliert, werden die Resultate den Wechsel bald einmal als unausweichlich erscheinen lassen. Doch unter den gleichen oder ähnlichen Voraussetzungen kann auch Kölliker kaum viel mehr als ein Zwischenhoch bewirken. John Fust hat einen Vertrag bis 2015. Es kann gut sein, dass bei den SCL Tigers bis zu diesem Zeitpunkt zwei Trainerentlassungen geben wird. So weit wird es, sofern Zesiger, Kölliker und Fust, ihre Jobs gut machen, hoffentlich nicht kommen.

 

 

Die Arbeit an der Verkaufsfront

 

Etwas erstaunt waren wir schon über die Kehrtwende des Verwaltungsrates. Zuerst schien es, als wollten Peter Jakob & Co, den Geschäftsführer an der Verkaufsfront entlasten (deshalb wurden ja die Gespräche mit Heinz Schlatter geführt), und nun wird plötzlich ein Sportchef installiert, und Ruedi Zesiger muss an die Verkaufsfront. Na gut, sagen wir uns: Entlastung ist Entlastung. Es gibt Verkäufer, denen fällt das Verkaufen leicht.

 

Zuerst die gute Seite dieses Deals: Ab sofort kann Zesiger in der Jakob-Gallerie mit möglichen Sponsoren vor den Spielen gepflegt dinieren, um sich danach das Spiel von einem der besten Plätze im Stadion anzusehen. Der Tigers-Geschäftsführer hat mit den Möglichkeiten in der sanierten Ilfishalle auch jede Menge guter Argumente in der Hand, welche ihm die erfolgreiche Geldgewinnung an sämtlichen Fronten ermöglichen sollten. Aber das wird kein Zuckerschlecken. Bisher war Zesiger voll ausgelastet mit den anfallenden Arbeiten rund um sie Sanierung der Ilfishalle und als Sportchef. Die eine Aufgabe fällt nun vollständig, die andere zumindest teilweise weg. Peter Jakob und Käru Brügger haben zudem klar signalisiert, dass sie in dieser Saison letztmalig für ein Defizit aufkommen wollen. Damit ist Zesiger sowohl unter Erfolgs- als auch unter Zeitdruck. Derzeit werden bei den Firmen die Budgets für das nächste Jahr gemacht (falls dies nicht schon längst geschehen ist). In diesen Budgets sollten die Sponsorings für die SCL Tigers enthalten sein. Auch der Sportchef sollte wissen, welches Budget ihm für die nächste Saison zugestanden wird.

 

Verkaufen ist ein Knochenjob. Da sind Talent, Phantasie, harte Arbeit und die Fähigkeit, jede Menge «Nein» einstecken zu können, unabdingbar. In einem Teich, in welchem so viele andere Haye fischen, muss man zehn, zwanzig, oder gar dreissig Mal zubeissen, bis man etwas zwischen die Zähne bekommt. Unter diesen Voraussetzungen den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr positiv zu bleiben, erfordert eine ganz besondere mentale Stärke, die nur wenigen Menschen besitzen. FANTIGER wünscht Ruedi Zesiger jede Menge davon, und zudem die Fähigkeit, möglichen Sponsoren vorzuschwärmen, was «wir» in Langnau alles können. Und davon abzusehen, zu erklären, weshalb in Langnau dies, das und jenes leider nicht geht.

 

Denn zahlt der Sponsor genug, geht eigentlich alles!

 

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