Kossmann & Fust: Gefeiert und schon bald gefeuert?

Hans Kossmann und John Fust verbindet vieles. Doch während der eine in Fribourg Wunder vollbringt, steht der andere in Langnau vor der Entlassung.

Presse • • von 20 Minuten online, Klaus Zaugg

Tigers-Trainer John Fust droht zur «lahmen Ente» zu verkommen. Bewirken kann er nichts mehr. Entlassen wird er aber aus Kostengründen auch nicht. Die beiden NHL-Ausländer sind alles andere als eine Verstärkung: Tyler Ennis steht bei 7 Spielen für Langnau und hat dabei ein Tor und eine -7-Bilanz produziert. Noch schlimmer stehts um Jared Spurgeon (l.): Dieser ist 13 Mal für die SCL Tigers aufgelaufen, hat dabei zweimal getroffen und steht bei einer -10(!)-Bilanz.

Die Langnauer verhalten sich gegenüber ihrem Trainer John Fust inzwischen ähnlich wie ein verschmähter Liebhaber gegenüber seiner Angebeteten: Jedes kleinste Zeichen der Besserung wird als grosse Wende gedeutet und alle vernünftigen Argumente, dass es keinen Sinn mehr macht, werden ignoriert.

 

Um bei dem Vergleich zu bleiben: Die Liebe war ja einst leidenschaftlich. Immerhin hat John Fust die Langnauer 2011 in die Playoffs gebracht. Als die Liebe letzte Saison ein wenig erkaltete, wurde der Vertrag in eheähnlichen Dimensionen bis 2015 (!) verlängert.

 

Fusts Einfluss immer geringer

Nun wird John Fust mehr und mehr zu einer lahme Trainer-Ente ohne Einfluss auf sein Team. Weil ihn alle mögen, wagt niemand den Aufstand. Aber seine Wirkung auf das Wesen und Wirken seiner Spieler wird immer geringer. Gerät sein Team in Rückstand ist das Spiel verloren. Jedem kleinen Fortschritt folgt sogleich die Ernüchterung wie zuletzt die beiden schlimmen Pleiten gegen Zug (2:6 und 2:7). Inzwischen macht sich Resignation breit. Man sei halt nicht besser.

 

In Langnau hat der leise Zerfall des Teams eingesetzt, der fatal an jenen in Basel während der Saison 2007/08 erinnert. Auch da mochte zu lange niemand dem netten, braven Mike McParland das Handwerk legen. Am Schluss stiegen die Basler ab.

 

Aber es gibt einen Unterschied zu Basel, der John Fust bald das Amt kosten könnte: Basel hatte keine Hockeykultur und keine Nachwuchsorganisation, die Talente für die erste Mannschaft liefern konnte. Langnau hat beides. Aber John Fust ist nicht dazu in der Lage, diese jungen Spieler richtig in die erste Mannschaft zu integrieren.

 

Neuaufbau fällig

Die SCL Tigers müssen diese verlorene Saison für den sportlichen Neuaufbau, für die Integration hoffnungsvoller eigener junger Spieler nützen. Sie können sich nicht einfach in den Qualifikations-Winterschlaf zurückziehen, im Frühjahr aufwachen und den Liga-Erhalt sichern. Der wirtschaftliche Schaden wäre zu gross. Die 30-Millionen-Investition in die Stadion-Rennovation muss sich rechnen. Die Zuschauer dürfen nicht ausbleiben.

 

Mit Konstantin Kuraschew, dem Trainer der Elite-Junioren, steht John Fusts temporärer Nachfolger schon bereit. Der Russe hat bereits 2010 nach der Entlassung von Trainer Christian Weber in einer kritischen Phase erfolgreich die erste Mannschaft durch den Abstiegskampf gecoacht.

 

Wird Fust umfunktioniert?

Mit ein bisschen Schlauheit kann der neue Sportchef Jakob Kölliker auch die Hypothek des Vertrages bis 2015 tilgen: John Fust vorerst den Lohn weiter bezahlen, ihm andere Aufgaben zuweisen und eher früher als später wird er einen neuen Job bekommen.

 

Parallel zum Abstieg von John Fust steht bei «Halbzeit» der Qualifikation der Aufstieg von Hans Kossmann beim HC Fribourg-Gottéron. Er hat soeben zweimal hintereinander gegen den von einem einstigen Lehrmeister Chris McSorley trainierten Tabellenführer Servette gewonnen.

 

Kossmanns Weg in die Schweiz

Hans Kossmanns erstaunliche Hockey-Karriere ist eigentlich eine unverhoffte und in der Deutschschweiz kaum gewürdigte. Der Sohn eines nach Kanada (Vancouver) ausgewanderten Zimmermannes hatte seine Ausbildung als Tiefbauvermesser erfolgreich beendet und dachte schon gar nicht daran, den Lebensunterhalt im Hockeybusiness zu verdienen. Da entdeckt er in einer Zeitschrift für Schweizer in Kanada ein Inserat, das sein Leben verändern wird: Spieler mit Schweizer Pass gesucht. Aufgegeben vom legendären Spieleragenten Danny McCann. So spürt der clevere Danny in den 1980er Jahren kanadisch-schweizerische Doppelbürger auf.

 

Hans Kossmann ist zu wenig talentiert fürs grosse Hockey und heuert im Herbst 1985 erst einmal bei Servette in der NLB an. Doch die Lichter gehen schon nach sieben Spielen aus: Servette wird zahlungsunfähig und er kehrte nach Kanada zurück. «Ich dachte schon, das war es wohl.»

 

Rückkehr nach Kanada

Aber es ist nicht das Ende. Es ist erst der Anfang. Andy Murray, damals in Zug, erinnert sich an den etwas hüftsteifen, aber schlauen und torgefährlichen Stürmer und lädt ihn ins Training ein. Für Zug reicht es zwar nicht. Aber für den Karrierestart im Regionalhockey beim Zweitligisten Küssnacht am Rigi. Er steigt mit dem Team in die 1. Liga auf und verdiente mit seinem ersten Vertrag in der Schweiz 2500 Franken im Monat. Aber nicht nur mit Eishockey. Er hilft auch in der Firma eines Mitspielers aus. Im Sommer kehrt er nach Kanada zurück um wieder auf dem Bau zu arbeiten. Whistler Mountain wird zum Skiressort ausgebaut (hier werden 2012 die Olympischen Skiwettbewerbe ausgetragen), es rockt und rollt im Baubusiness. Hans Kossmann hätte, wenn ihn jetzt nicht der Hockey-Virus doch noch befallen hätte, mit ziemlicher Sicherheit als Baulöwe und ein Vermögen gemacht.

 

Die Sicherheit, in Kanada immer genug Arbeit zu haben, gibt ihm die Gelassenheit, die bis heute zu seinen ganz besonderen Eigenschaften gehört. Während seiner „Tour de Suisse“ als Spieler und Trainer (Dübendorf, Bülach, Rapperswil-Jona, Lausanne, Ajoie, Luzern, Biel, Sierre, Servette, SC Bern) kehrt er mehrmals in aller Ruhe nach Hause zurück und wartet auf den Telefonanruf für eine neue Chance. Und spätestens kurz vor Weihnachten holt ihn immer wieder ein Sportchef zurück in die Schweiz. Der wichtigste Telefonanruf kommt schliesslich im Sommer 2001 von Chris Reynolds. Der Kanadier arbeitet für die Anschutz-Gruppe und hat den Auftrag, die Führungscrew für ein Hockeyunternehmen in Genf zusammenzustellen. Er braucht einen Assistenten für Chris McSorley.

 

Assistent von McSorley

Das Duo «Chris & Hans» beginnt in Genf in der NLB fast beim Nullpunkt. Im Stadion verlieren sich etwas mehr als 1000 Zuschauer. Der Start ist harzig. Fünf der ersten neun Partien gehen verloren. Doch dann gewinnt Servette alle Spiele und kehrt in die NLA zurück. Sieben Jahre später spielen Chris McSorley und Hans Kossmann 2008 im Finale gegen die ZSC Lions um den Meistertitel und in Genf rockt und rollt das Hockeygeschäft mit 7000 Fans im Stadion. Als Assistent von Larry Huras wird er 2010 mit dem SCB Meister – im Finale gegen Servette.

 

In Genf hat Hans Kossmann von einem exzellenten Lehrmeister alles über Taktik und Coaching und den Umgang mit Spielern erfahren. Und gelernt, dass der Coach immer alle Fäden in der Hand halten muss und am besten gleich selber den Sportchef macht. Im Frühjahr 2011 bekommt er bei Fribourg-Gottéron erstmals die Chance, ein NLA-Team als Cheftrainer zu führen und im Verlaufe seiner ersten Saison, die er auf Platz 3 und im Halbfinale beendet, wird sein Vertrag bis 2015 verlängert.

 

Zwei Siege gegen den Lehrmeister

Gottérons Bandengeneral hört zu, aber hält Distanz zu den Spielern. Er setzt eine hohe taktische Disziplin durch und sorgt in einer schwierig zu führenden und stark welsch geprägten Mannschaft für ein gut strukturiertes Spiel. Hans Kossmanns strahlt die Ruhe und Selbstsicherheit eines Mannes aus, der weiss, dass es auch ein gutes Leben ausserhalb der Stadien gibt. Er kann sich sogar Selbstironie leisten und hat nichts von jener Verbissenheit, die viele Coaches umtreibt.

 

Nach zwei Siegen hintereinander gegen seinen Lehrmeister Chris McSorley hat er soeben bei Qualifikations-Halbzeit eine Meisterprüfung absolviert. Er ist definitiv aus dem Schatten seines grossen Lehrmeisters getreten.

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