Jörg Reber gewährt Einblicke

Manchmal gibt der Hund den Ausschlag

Höchste Zeit, dass FANTIGER-online seine Berichterstatter-Tätigkeit wieder aufnimmt. Umzugsaktivitäten und damit verbundene Unpässlichkeiten liessen die Pause länger werden als geplant. Wir beginnen mit einem interessanten Interview mit Tigers-Sportchef Jörg Reber.

• von Bruno Wüthrich

An der Hauptversammlung des Fanclub SCL Tigers ebenfalls mit dabei war Langnaus Sportchef Jörg Reber. Auch er lies sich befragen und gewährte äusserst interessante Einblicke ins Wesen und Wirken eines Sportchefs. Nachfolgend einige Auszüge dieser Befragung.

FANTIGER-online: Wie funktioniert eigentlich ein Sportchef?

Jörg Reber: Er sollte etwas von Eishockey verstehen und ein Menschenkenner sein. Ich habe in meiner langen Karriere als Spieler viel erlebt und mir angeeignet, und ich glaube, dass ich auch ein gewisses Bauchgefühl und zudem die nötige Leidenschaft fürs Eishockey habe.

Spürten Sie bereits als Spieler, dass Sie diese Fähigkeiten haben?

Irgendwie schon. Ich glaube, dass ich die Fähigkeit habe, viele Menschen recht schnell beurteilen zu können. Dies hilft mir bei meiner heutigen Aufgabe.

Entspricht die Mannschaft, die Sie für die bevorstehende Saison zusammen gestellt haben, zu 100 Prozent deinen Vorstellungen? Oder wo mussten Sie Abstriche machen?

Zu 99 Prozent. Ich beklage mich nie, und ich weiss auch, an wen ich mich wenden kann, wenn ich finde, dass wir hier unbedingt investieren müssten. Doch ich erhielt natürlich auch Absagen. Die muss ich zur Kenntnis nehmen und zum nächsten auf der Liste gehen. Aber insgesamt bin ich mit der Mannschaft sehr zufrieden. Sowohl mit den Schweizertransfers als auch bei den Ausländern. Ich bin sicher, dass uns die Neuzuzüge weiter helfen werden.

Wann beginnen Sie jeweils, sich konkrete Vorstellungen darüber zu machen, wie die Mannschaft für eine Saison aussehen muss?

Das ist ein laufender Prozess. Ich weiss, welche Verträge Ende der nächsten Saison auslaufen werden. Der Prozess, mir darüber Gedanken zu machen, hat bereits begonnen. Ausserdem muss ich gewappnet sein für den Fall, dass ich in der laufenden Saison handeln muss, zum Beispiel bei Verletzungen, oder wenn es für einen Spieler nicht passt. Für mich hat auch die Saison 17/18 bereits begonnen.

Auf was achten Sie zuerst, wenn Sie neue Spieler suchen?

Auch hier spielt das Gespür eine grosse Rolle. Ein Spieler muss zu Langnau passen. Doch dafür gibt es keine Garantien. Vor allem auch bei den Ausländern, wo ich mich häufig auf meine Kontakte verlassen muss. Zu diesen Kontakten habe ich Vertrauen aufgebaut. Sie kennen das Schweizer Eishockey und sie kennen Langnau. Doch das Beste ist natürlich, wenn ich die Spieler anschauen kann, und zwar nicht nur am Fernsehen. Denn das ist nicht das selbe. Mich interessiert ein Spieler nicht nur auf dem Eis, sondern auch, wenn er zurück kommt auf die Bank. Hatte er einen guten Einsatz, und wie ist er zu den Mitspielern. Wichtig ist mir auch der Charakter. Bei uns ist das Team der Star. Wir müssen versuchen, mit dem Teamspirrit Berge zu versetzen. Ich bin überzeugt, dass dies hier in Langnau der Weg ist, den wir gehen müssen.

Wie stellt man sicher, dass eine Mannschaft charakterlich zusammen passt? Das stelle ich mir schwierig vor.

Es ist tatsächlich schwierig und hängt auch wiederum viel mit dem Bauchgefühl zusammen. Ob eine Mannschaft charakterlich gut zusammen passt, merkt man erst in schwierigen Situationen. So lange es läuft, schwimmen alle auf einer Welle. Aber wenn es nicht läuft, dann können Probleme kommen, wenn es charakterlich nicht passt.

Ist es denn wichtig, dass möglichst alle Spieler einen ähnlichen Charakter haben, oder können auch völlig unterschiedliche Charaktere zusammen passen?

Es können nie alle den gleichen Charakter haben. Das wäre nicht gut. Vor allem im Mannschaftssport nicht. Für das haben wir einen Coach, der auf die Spieler eingehen muss. Man kann nie alle Spieler gleich behandeln. Deshalb braucht auch der Coach ein gutes Gespühr, wie er die einzelnen Spieler behandeln muss. Dies ist heute noch viel schwieriger als zu der Zeit, als ich mit Eishockey begonnen habe. Es gibt heute mehr sensible Spieler als noch zu dieser Zeit.

Kann eine Mannschaft Querschläger aushalten? Oder braucht es sie sogar?

Was ist für Sie ein Querschläger?

Gegenfrage: Was ist für Sie ein Querschläger?

Einer, der in der Mannschaft für Missstimmung sorgt. Es gibt in jeder Mannschaft einen Kern von fünf oder sechs Spielern, welche die Richtung vorgeben. Wenn dieser Kern stark genug ist, mag es einen oder höchstens zwei Querschläger leiden. Aber mehr nicht.

Kann es sein, dass der Wohlgefühl einer Mannschaft zu gross wird, wenn sich kein Querschläger im Team befindet?

Das richtige Wohlgefühl einer Mannschaft gibt nicht ein Querschläger vor. Dafür sorgt der Coach. Er setzt die Leitplanken und sorgt für die Disziplin.

Was findet mehr statt: Dass Sie Spieler suchen, oder dass Ihnen Spieler angeboten werden?

Dies findet auf beide Seiten statt. Fast jeder Spieler hat heute einen Agenten, der Anfragen entgegen nimmt, der seine Klienten aber auch anbietet. Jeder Kontakt führt zuerst über den Agenten. Erst dann kann ich mit dem Spieler selbst sprechen. Bei Ausländern ist es manchmal noch schwerer, weil diese oft mehr als einen Agenten haben.

Mit Daniel Steiner und Peter Guggisberg wären auch zwei Langnauer auf dem Markt gewesen. Hättest du die nicht zurück holen können?

Gekonnt hätten wir es wahrscheinlich schon. Aber wir wollten nicht. Ich habe die Angelegenheit auch mit dem Coach besprochen. Dabei haben wir beschlossen, dass diese Verpflichtungen für uns derzeit kein Thema sind. Die Spieler müssen auch weg kommen von den Gedanken, dass sie in ihrer besten Zeit unsere Gegner verstärken und dann im Spätherbst ihrer Karriere noch nach Langnau können.

Scott Beattie hat mit den SCL Tigers den Ligaerhalt geschafft. Er gilt jedoch als Players-Coach. Als solcher gilt auch Bengt-Ake Gustafsson, mit dem Sie nach dem Aufstieg nicht verlängert haben. Machten Sie mit der Verpflichtung von Scott einen Rückzieher?

So sieht es vielleicht aus. Sind Sie sicher, dass Scott wirklich so ein lieber ist, wie Sie das jetzt meinen? Wir haben heute eine ganz andere Situation. Wir sind überzeugt, dass Scott jetzt der richtige Mann ist. Er übernahm die Mannschaft in einer heiklen Situation und machte einen guten Job. Er hat das nötige Gespür für das Team. Bei Bengt-Ake Gustafsson war es natürlich ein heikler Entscheid, den übrigens nicht ich allein fällen konnte. Entscheide bezüglich Trainer fällt nicht der Sportchef allein. Wir alle wollen nur das Beste für unseren Verein, und wir waren damals überzeugt, das Richtige zu tun, und sind es auch heute noch.

Wie läuft eigentlich die Verpflichtung von neuen Ausländern ab? Können Sie diese gleich mit Ihren Ferien kombinieren?

(Runzelt die Stirn) Sind das die Vorstellungen, die man von einem Sportchef hat? Wie schon gesagt ist es das Beste, wenn man die Spieler vor Ort beobachten kann. Dies ist jedoch nicht immer möglich. Letztes Jahr war ich ein paar Tage zur Spielerbeobachtung in Malmö. Doch meistens laufen diese Verpflichtungen über unsere Kontakte. Garantie hat man sowieso nie. Es kann sein, dass sich die Freundin oder Frau eines Spielers nicht wohl fühlt. Und dann haben wir ein Problem.

Wer spielt eigentlich bei einem Transfer die grösste Rolle: Der Spieler, sein Agent oder seine Frau?

Es spielen alle eine Rolle. Der Agent ist der Berater des Spielers. Auf ihn wird er bestimmt hören. Der Einfluss der Frau ist bei jedem Spieler unterschiedlich. Bei den Einen ist er gross, bei andern eher weniger. Wir haben aber auch schon erlebt, dass der Hund eine Rolle spielt.

 

FANTIGER-online wird wie bereits in den letzten Jahren wieder bei den Meisterschaftsspielen der SCL Tigers vor Ort sein, Stimmen holen und zeitnah einen Spielbericht liefern. Nie, aber auch gar nie (Unfälle oder wirklich schwere Krankheiten mal ausgenommen) werden wir die Spiele nur am Fernseher betrachten, um darüber zu schreiben. Das wäre gleichbedeutend, wie wenn die eine Zeitschrift von der anderen, oder das eine Portal vom andern abschreiben würde.

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