Martin Gerber vor einem neuen Hockey-Wunder

Er ist der fast vergessene Held unseres Hockeys. Aber bei der WM könnte Torhüter Martin Gerber (38) unserer wichtigster Einzelspieler sein.

Presse • • von 20 Minuten online, Klaus Zaugg

Die NHL-Stars und die Schweizer in der NHL dominieren diese Saison die Schlagzeilen. Der nach wie vor erfolgreichste «Auslandschweizer» ist dabei in Vergessenheit geraten. Martin Gerber, Schwedischer Meister 2002, Stanley Cup-Sieger 2006, ist drauf und dran, in Schwedens höchster Liga ein Hockeywunder zu vollbringen: Den vorzeitigen Ligaerhalt des Aufsteigers nämlich. Weil Martin Gerber stark spielt wie vielleicht nie.

 

Gegen Lingköpings hält er im Schlussdrittel mindestens drei «Unhaltbare» und im Penaltyschiessen lässt er sich nicht bezwingen und ermöglicht Rögle den 3:2 Sieg. Gerbers Abwehrquote liegt über 91 Prozent. Obwohl sein Team bisher am meisten Gegentore der ganzen Liga kassiert hat. Der Schweizer Nationaltorhüter, seit 2001 im Ausland tätig (NHL, AHL, Schweden, Russland), wirkt so cool wie vielleicht noch nie. «Nun, vielleicht bin ich ein bisschen ruhiger geworden», sagt er zu dieser Einschätzung. «Das macht wohl die Routine. Ich werde ja im Herbst 39.»

 

Zehn Punkte fehlen zum Wunder

Rögles Rückstand auf den rettenden 10. Platz beträgt 13 Runden vor Schluss «nur» noch 10 Punkte. 8 Teams schaffen die Playoffs, für den 9. und 10. ist die Saison vorzeitig zu Ende und der 11. und 12. müssen mit den vier besten Teams der zweiten Liga um den Klassenerhalt spielen.



Rögle spielt im südschwedischen Ängelholm, nur anderthalb Zugstunden ausserhalb von Kopenhagen. Gerber ist hier enorm populär und wenn der Ligaerhalt gelingt, will das Management den Emmentaler unbedingt halten. Das grösste schwedische Bauunternehmen steht hinter dem Klub. Die nominell nach wie vor unterdurchschnittlich besetzte Mannschaft mit exzellenter Juniorenförderung wird mit eigenen Spielern nach und nach aufgebaut, dem Torhüter kommt daher eine zentrale Bedeutung zu. Das Team hat diese Saison schon das ganze Krisenprogramm hinter sich und sowohl der Cheftrainer (zum Assistenten degradiert) und zwei Ausländer sind schon ausgewechselt worden.

 

Gerber, der Aufsteiger-König

Vor einem Jahr hat Martin Gerber schon Aufsteiger Växjö in der Liga gehalten. Nun ist er drauf und dran, dieses Kunststück mit Rögle zu wiederholen. In einer Saison, da in der Schweiz die NHL-Stars und die in der NHL engagierten Schweizer die Schlagzeilen beherrschen, ist Gerber unser vergessener Held in der südschwedischen Provinz. Dabei geniesst er in Schweden, wo er 2002 mit Färjestads Meister war, so etwas wie Kultstatus. Als sich der Chronist aus der Schweiz beim Klubsekretariat von Rögle meldet, fragt die nette Dame beim Empfang hoffnungsfroh: «Oh, sind Sie Gerbers Agent?» Aber es ist nur der Schreiberling. Die Vertrags-Verlängerung muss also warten. Wenn sie denn überhaupt zu Stande kommt.

 

Martin Gerber hat sich für seine Entscheidungen schon immer viel Zeit gelassen seit er 2001 die SCL Tigers verlassen hat, um die Welt zu erobern und ein Dollarmillionär zu werden. In Langnau hatte er zuletzt gerade mal 110 000 Franken brutto verdient. Sein Agenten Rolf Simmen hat die Tugend der Geduld wohl erlernt. Gerber lässt alles offen, nur eines sagt er jetzt schon klipp und klar: «Ich will auch nächste Saison spielen.» Bei seiner Hochform kommt der Gedanke an Rücktritt schon gar nicht auf. Und er sagt, wenn er Glück habe und gesund bleiben, könne er sich durchaus vorstellen, noch drei, vier Jahre zu spielen.

 

Martin Gerber verfolgt das Hockey in der Schweiz intensiv. Über Internet und seine Gewährsleute. Es gibt kaum einen anderen Spieler, der hockeyweltweit so gut vernetzt ist. Der Emmentaler ist ein Sprachtalent, spricht fliessend Englisch und Schwedisch. Von überall her bekommt er seine Informationen. Nur wenige wissen so viel über Eishockey wie er. Er könnte von heute auf morgen als Sportchef arbeiten. Und als Chronist auch.

 

Gedanken zu Stephan-Transfer

Um die SCL Tigers macht er sich schon ein wenig Sorgen. Das neue Stadion gefällt ihm sehr, aber er vermisst die klare sportliche und kommerzielle Strategie. Kontakt mit Langnau hat er aber nur lose. «So ein obligates Telefon jede Saison.» Aber eine Offerte der SCL Tigers habe er nie mehr erhalten. Obwohl er noch nie ausgeschlossen habe, doch noch einmal an der Ilfis zu spielen.

 

Der Deal, den der EV Zug mit Servettes Tobias Stephan gemacht hat, weckt Martin Gerbers Neugierde. „Ich kann mir fast nicht vorstellen, wie Chris McSorley nächste Saison mit einem Torhüter arbeiten kann, der schon bei einem anderen Klub einen Vertrag hat“ sagt der er mit einem Schmunzeln. Er ahnt: Da wird es einen Deal geben, damit Stephan schon nächste Saison in Zug spielen kann. Und damit kommt er ungewollt selber ins Transfer-Spiel: Warum nicht nächste Saison nach Genf? «So, so», sagt Gerber. «Sind Sie jetzt schon McSorleys Advokat? Nach Genf? Dann muss ich ja noch Französisch lernen. Aber warum nicht? Man weiss ja nie.» Ein Angebot von Chris McSorley habe er nicht. Zumindest nicht ein aktuelles. «Aber ich habe früher mal mit ihm gesprochen.» Gerber nach Genf, damit Tobias Stephan bereits nächste Saison in Zug spielen kann? Alles reine Spekulationen also. Aber eine Rückkehr in die Schweiz ist bei Gerber nie ganz ausgeschlossen. Obwohl zurzeit noch kein Klub ein konkretes Angebot gemacht hat. Auch Zugs Sportchef Jakub Horak hat keine Offerte gemacht. Inzwischen wissen wir ja warum: Er hat Tobias Stephan verpflichtet.

 

Rückkehr an der WM?

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird es eine Rückkehr an die WM geben. 2010 hat Gerber letztmals für die Schweiz an der WM gespielt und 2010 hat die Schweiz letztmals die WM-Viertelfinals erreicht. 2011 und 2012 fehlte Gerber weil er verletzt bzw. in Nordamerika engagiert war und die Schweizer verpassten die Viertelfinals. Weil Jonas Hiller im Mai noch in der NHL spielen dürfte, deutet alles darauf hin, dass Gerber bei der WM unsere Nummer 1, unser wichtigster Einzelspieler sein wird. Er sagt, er sei jedenfalls bereit und würde sich über ein WM-Aufgebot freuen.

 

Solche Kunde erfreut Nationaltrainer Sean Simpson. «Es mag kritische Stimmen geben, die sagen, Martin Gerber sei zu alt. Aber mich interessiert nur die Leistung und die ist bei ihm erstklassig. Er steht bei mir für eine WM-Nomination ganz oben auf der Liste. Er ist eine aussergewöhnliche Spielerpersönlichkeit.» Martin Gerber, der fast vergessene Held unseres Hockeys, wird schon noch in die Schlagzeilen kommen.

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