Neue Zürcher Zeitung, Samuel Burgener

Mit Leidenschaft und einem wunderbaren Finnen

Fünf Spiele, vier Siege und Tabellenrang drei: Der Lausanne HC ist formidabel in die Saison gestartet. Gänzlich überraschend ist das nicht. Der Klub hat ein beträchtliches Potenzial.

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Fünf Spiele, vier Siege und Tabellenrang drei: Der Lausanne HC ist formidabel in die Saison gestartet. Gänzlich überraschend ist das nicht. Der Klub hat ein beträchtliches Potenzial.

 

Es war ein Statement der besonderen Art, als eine Gruppe von Fans des Aufsteigers Lausanne Hockey-Club im Heimspiel gegen Kloten vor zehn Tagen prügelte und randalierte und die Situation zu eskalieren drohte. «On est là», wir sind da, wollten sie wohl sagen, diese Halbstarken. Seit dem Abstieg in die Nationalliga B 2005 hatten sie sich nur selten daneben benehmen können, weil die anderen B-Teams praktisch keine Fans besassen, und schon gar nicht solche, die sich gerne schlugen.

 

 

Immerhin wussten die Spieler, dass eine härtere Gangart in der neuen Liga primär im Rink gefragt ist. Dass Courage und Standfestigkeit anstatt Imponiergehabe nötig sind, um sich schnell zu adaptieren. Bis anhin kommt die Equipe mit den Anforderungen gut zurecht. In fünf Spielen gewann sie viermal, zuletzt am Dienstag gegen Biel. Sie ist im 3. Rang klassiert, besser als die Rivalen Genf/Servette und Freiburg, besser als der grosse SC Bern.

 

Huet wie in alten Tagen

Wie dieser Erfolg vergesslich macht. Nach dem Aufstieg im Frühjahr waren die Supporters wütend gewesen; die Klubführung hatte ihrem «Zeno», dem Aushilfs- und Aufstiegstrainer Gerd Zenhäusern, einen starken Mann als Cheftrainer vor die Nase setzen wollen. Den Dänen Heinz Ehlers, der zuvor im EHC Biel und im SC Langenthal angestellt war. «Verräter» wurden die Verantwortlichen geschimpft, Zenhäusern war enttäuscht und zog als Assistent nach Biel. Ehlers weiss, dass die Diskussionen um Zenhäusern abermals aufgekommen wären, wäre das Team ohne Siege in die NLA gestartet. Nach dem guten Beginn sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen, sagte Ehlers.

 

Die Gründe für die gute Form des LHC sind vielfältig. Der 38-jährige Goalie Cristobal Huet spielt wie in den besten Tagen in der NHL. Er ist ein Rückhalt für die Verteidigung, die aus langjährigen NLB-Spielern besteht oder aus solchen, die zuletzt in der NLA keinen Job fanden. Die Hintermannschaft wurde vor der Saison allseits für untauglich befunden. Umso grösser das Wagnis, als Ehlers mit vier ausländischen Stürmern in die Saison startete. Er hatte sich ans Frühjahr 2009 erinnert, als er während der Ligaqualifikation als Trainer des EHC Biel entlassen wurde. Damals hatte Biel während der gesamten Saison einigermassen solid verteidigt, aber immer wenn es nötig war, das Tor nicht getroffen. Ehlers will, dass Lausanne «viele, viele Tore» schiesst.

 

Bis jetzt geht die Strategie auf. Überragend ist der Finne Juha-Pekka Hytönen, der im Sommer aus der KHL kam. Egal mit wem er spielt, der Center macht die Kollegen besser. Dem ehemaligen Nationalspieler Thomas Déruns hat er auf die Beine geholfen, als wäre er ein Wunderheiler. Dazu punktet Hytönen selber, bis jetzt achtmal.

 

Die guten Resultate auf dem Eis kommen überraschend, sind jedoch kein Zufall. Der Geschäftsführer und ehemalige Spieler Sacha Weibel sagt, der Klub werde mindestens drei Jahre brauchen, um sich in der NLA zu etablieren. Doch 4200 Saisonkarten sind ein guter Wert. Und die Nähe zur Lausanner Wirtschaft ist ein solides Fundament. Mehr als 70 neue Partner unterstützen den LHC seit dem Sommer mit Beträgen von 3000 bis 300 000 Franken pro Jahr. Als zweiten Premium-Sponsor neben der in Rolle ansässigen britischen Petrochemie-Firma Ineos gewann der Klub jüngst die Waadtländer Kantonalbank. Beide Unternehmen lassen sich die Unterstützung fast eine Million Franken im Jahr kosten.

 

Das Klubbudget beträgt mittlerweile mehr als 10 Millionen Franken. Bereits in der NLB tendierte es gegen 8 Millionen. Dass die Besitzverhältnisse unklar sind und seit Jahren Gerüchte kursieren, Genfer Financiers hielten in Malley die Fäden in der Hand, stört kaum jemanden. Der LHC spielt mit Leidenschaft, schreibt Geschichten, hat viele und laute Fans. Keine welsche Sportfirma ist ähnlich attraktiv.

 

Ein neues Stadion?

Einzig im Bereich der Infrastruktur gelangt der LHC an Grenzen. Die Einnahmemöglichkeiten in der 1984 erbauten Halle genügen den Ansprüchen des Klubs nicht mehr. Die Stadt Lausanne und die umliegenden Gemeinden haben ein grosses Herz für den Sport – aber ein leeres Portemonnaie. Der Bau eines Sportkomplexes inklusive Eishockeystadion für geschätzte 220 Millionen Franken würde nur bewilligt, wenn die Stadt 2015 den Zuschlag für die Olympischen Jugendspiele 2020 erhielte. Andernfalls bleibt die Hoffnung, dass die Malley-Halle aufwendig renoviert wird – für rund 70 Millionen Franken. Doch derzeit sind alle Sorgen weit weg. Der Hockey-Club und sein Anhang freuen sich der Tage.

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