NHL-Lockout - Was nun, Ruedi Zesiger?

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Wann macht die temporäre Verpflichtung von NHL-Stars Sinn? Und wann nicht?

 

Wenn Top-Manager ihre Millionen-Gehälter abzocken, hat Volkes Stimme (nicht nur) in der Schweiz nichts zu sagen. Noch viel weniger zu sagen haben wir bei den Löhnen von Eishockey-Spielern, welche in der NHL engagiert sind. Doch was geht uns deren «Arbeitskampf» an?SEPARATOR

 

Kein Zweifel – NHL-Superstar wird man nicht einfach so. Denn auch wenn der Vorsprung der besten Eishockey-Liga der Welt auf ihre Konkurrenz schrumpft, wird sie zumindest in den nächsten Jahren ihren Platz an der Spitze behaupten. Aber wieder einmal steht ein Lockout an. Mit andern Worten: Die Hockey-Millionäre kämpfen um Geld für die geleistete Arbeit. Und wahrscheinlich haben sie mit ihrer Forderung sogar recht. Denn warum sollen am Eishockey diejenigen am meisten verdienen, die gar nicht spielen, und die auch nie gespielt haben?

 

Es ist die grosse Chance der Klubmanager in Europa, ihren Kunden (Sponsoren, Fans) in ihrer Eishalle Akteure zu präsentieren, die zur «Creme de la Creme» im Eishockey gehören. Stars, zum Teil aus der eigenen Heimat, bei denen wir jubeln, wenn sie es in die NHL schaffen, wohl wissend (und paradoxerweise), dass wir sie in unseren Eishallen nicht mehr bewundern können. Ausser es ist Lockout.

 

Sollen also die Klubmanager auf den Zug aufspringen und jetzt, wo in der NHL Arbeitskampf herrscht, Superstars engagieren und sie ihren Kunden präsentieren? Haben Peter Jakob und Ruedi Zesiger recht, wenn sie auf ein temporäres Engagement eines NHL-Profis verzichten? Es lohnt sich eine differenzierte Betrachtung.

 

Der SCB hat keinerlei Probleme, zwei bis drei Stars aus der NHL zu finanzieren. Schliesslich stehen in Bern die Mittel hierfür zur Verfügung, und die verpflichteten Spieler (Mark Streit und Roman Josi) kosten während des Lockouts nur einen Bruchteil dessen, was sie in der NHL verdienen. Marc Lüthi und Sven Leuenberger würden einen Fehler begehen, wenn sie den Umstand des Lockouts nicht für ihren Klub und dessen Kunden nützen würden. Das gleiche gilt für die ZSC Lions und den HC Lugano, bei welchen es für deren Mäzene Walter Frey und Geo Mantegazza keine (oder fast keine) Rolle spielt, ob sie nun pro Saison fünf oder sieben Millionen in die Hand nehmen müssen, um die Defizite ihrer Klubs zu finanzieren. Denn immerhin haben sie mit ihren fortwährenden Zuwendungen im hohen siebenstelligen Bereich ihr Publikum zur Verwöhntheit erzogen, und können es nun nicht einfach im Regen stehen lassen. Denn dies wäre ungefähr vergleichbar, wie wenn Eltern ihr Kind jahrelang mit den teuersten Markenklamotten in die Schule gehen liessen, um es dann plötzlich ohne finanzielle Not mit Secondhand- und Noname – Kleidung einzukleiden. Das Kind wäre ob des «Liebesentzugs» emotional überfordert und könnte weder in der Schule noch zuhause mit der Situation umgehen. Selbstverständlich wirkt der Vergleich mit diesem Kind für die Fans aus Bern, Zürich und Lugano etwas krass. Aber es geht schon in diese Richtung.

 

Etwas anders präsentiert sich die Situation für den HC Davos. Der Cupli-Club aus den Bündner Bergen steht wie fast kein anderer dank dem Schweizer Staatsfernsehen im Schaufenster, und hat somit fast die Pflicht, dieser Vorzugsbehandlung personell gerecht zu werden. Dazu gehört auch das Engagement von NHL-Superstars, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet. Umso mehr, als Joe Thornton und Rick Nash seit deren Engagement während des Lockouts 2004/05 eine besondere Beziehung zu Davos und HCD-coach Arno Del Curto haben.

 

Der EV Zug holt mit Damian Brunner und Raffael Diaz zwei seiner ehemaligen Stars zurück. Diaz ist einer der besten Verteidiger, den die Schweiz je hervor brachte, und Brunner (der Bruder des in Langnau engagierten Adrian) war in der letzten Saison für Zug Liga-Topscorer. Für die Innerschweizer, welche bereits die dritte Saison in ihrer neuen Eishalle (Bossard-Arena) in Angriff nahmen. ist es eine Pflicht, diese beiden Spieler nicht der Konkurrenz, und auch nicht dem Ausland zu überlassen.

 

Und die SCL Tigers? Das Publikum im Emmental ist nicht mit Kindern vergleichbar, die mit den teuersten Markenkleidern in die Schule geschickt, oder sonstwie über alle Massen verwöhnt werden. Trotzdem: Sollte sich abzeichnen, dass der Lockout sich über die ganze Saison hinziehen wird, ist ein Engagement eines NHL-Stars sicher prüfenswert. Zumal in Langnau ein Ausländerplatz frei wird, sobald Torhüter Thomas Bäumle wieder einsatzfähig ist, und auf dessen (starken) tschechischen Ersatz verzichtet werden kann. Hätte sich zudem Simon Moser an der letzten Weltmeisterschaft nicht seine schwere Verletzung zugezogen, hätte er womöglich auch bereits seinen NHL-Vertrag. In diesem Fall wäre es für Jakob und Zesiger ebenfalls Pflicht gewesen, vieles dafür zu tun, damit Moser während des Lockouts für niemand anderes als für die SCL Tigers spielt. Aber Moser ist sowieso in Langnau, und es ist äusserst ungewiss, wie lange der Lockout dauern wird. Deshalb handelt Ruedi Zesiger richtig, wenn er vorerst abwartet, und sich auch auf dem übrigen Spielermarkt (mit Domenico Pittis) nach einer vierten ausländischen Verstärkung umsieht. Denn mehr als die teuren Teams aus Bern, Zürich, Lugano und Davos sind die SCL Tigers darauf angewiesen, dass sie als möglichst eingespielte Einheit auftreten. Da sind temporäre Engagements von Superstars, welche dann auch spielen wollen, nicht gerade hilfreich.

 

Es fragt sich jedoch, weshalb die europäischen Ligen für die Spieler aus der NHL während des Lockouts überhaupt Geld bezahlen. Denn wenn diese die Saison nicht ganz verlieren und konkurrenzfähig bleiben wollen, müssen sie irgendwo spielen können. Die Plätze hierfür sind beschränkt, vor allem dann, wenn sie nicht in irgendwelchen zweit, dritt oder gar viertklassigen Ligen spielen wollen (in der Türkei oder in Saudiarabien hätte es sicher genügend Plätze frei). Nebst der KHL und der NLA bieten sich dafür noch die finnische, tschechische und slowakische Liga und allenfalls die DEL an (Schweden verzichtet auf Lockout-Stars. All diese Ligen kennen Beschränkungen für ausländische Spieler, und deren Klubs haben ihre Kader bereits gut gefüllt. Wenn Spieler aus der NHL kommen, müssen andere Spieler auf die Bank. Dies ist dem Teamgeist und dem internen Frieden nicht förderlich. Insgesamt stehen damit in Europa deutlich weniger Plätze zur Verfügung, als es Lockout-Spieler hat, die nun danach suchen. Die Vermutung, dass selbst Superstars irgendwann so weich gekocht sein werden, dass sie auch gratis in einer anständigen Liga spielen, und dabei sogar ihre Versicherung selbst bezahlen würden, ist nicht völlig von der Hand zu weisen.

 

Wir lieben und bewundern die Stars, welche es in die NHL schaffen. Sie verdienen während ihrer Karrieren Millionen, und es gibt Spieler, die in einer einzigen Saison zwei bis drei Mal so viel verdienen wie ein normaler Arbeiter in der Schweiz in seinem ganzen Leben (und die Schweiz ist ein Hochlohnland). Dies hat in unserer kapitalistisch ausgerichteten Welt seine Berechtigung und wir gönnen diesen Spielern ihr zugegebenermassen hart erarbeitetes Glück. Aber wir brauchen ihren Kampf um ein paar 100'000 Dollar mehr oder weniger nicht zu unterstützen. Selbst dann nicht, wenn wir es nicht in Ordnung finden, dass auf der andern Seite Leute, die nicht Eishockey spielen und es nie getan haben, noch mehr verdienen als die Spieler. Denn es ist ein Arbeitskampf um Geld, der auf einem sehr hohen Niveau ausgetragen wird. Nirgendwo sonst wird auf so hohem Niveau über Geld gejammert wie im nordamerikanischen Spitzensport.

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