Berner Zeitung

Nur die Stimmung im Stadion verbindet die zwei Berner Eishockeywelten

Während der SC Bern im Playoff-Final dank des 4:3-Heimsiegs gegen Gottéron 2:0 in Führung liegt, erleiden die SCL Tigers im Kampf gegen den Abstieg in Lausanne (1:4) einen Dämpfer.

Presse • • von Reto Kirchhofer und Philipp Rindlisbacher

NLA-Ligaqualifikation SCL Tigers gegen Lausanne

Am Samstagabend empfing der Lausanne HC die Gäste aus Langnau.

 

Es ist April, die Meisterschaft nähert sich dem Ende – und der SC Bern sowie die SCL Tigers sind immer noch dabei. Nur: Was für die einen ein Segen, ist für die anderen ein Fluch. Der SCB steht zum dritten Mal in den letzten vier Saisons im Playoff-Final, strebt gegen Gottéron den (verflixten) 13.Meistertitel in der Vereinsgeschichte an. Die Emmentaler kämpfen derweil in der Ligaqualifikation gegen den NLB-Vertreter Lausanne um den Verbleib in der National League A.

 

Es ist Viertel vor sechs Uhr. In der Postfinance-Arena treffen die ersten Leute ein, verköstigen sich im Stadionrestaurant oder in der VIP-Loge. Schliesslich gilt auch beim Sehen-und-gesehen-werden: lieber zu früh als zu spät. Währenddessen signiert der gesperrte SCB-Stürmer Tristan Scherwey auf dem Vorplatz Fanshirts und lässt sich fotografieren. «Eine Finalpartie vor der grössten Kulisse in Europa zu spielen, ist etwas vom Schönsten», sagt Scherwey, «insofern ist es für mich nicht ganz einfach, zusehen zu müssen.»

 

Eine Autostunde entfernt, in westlicher Richtung, befinden sich bereits rund 500 Menschen in der bald 30-jährigen Lausanner Eishalle Malley. Die Fans hängen hinter den beiden Toren riesige Transparente auf; Weiss und Rot, die Farben des Stadtwappens, sind omnipräsent. Vor dem Presseraum, der erst um 18 Uhr öffnet, wartet ein halbes Dutzend Journalisten auf Einlass. Eine Stunde später werden sich die Medienvertreter im etwa 30 Quadratmeter grossen Raum auf den Füssen stehen. Die Euphorie rund um den LHC ist spürbar, auch in den Stadtvierteln. Allerlei Werbeplakate fürs Eishockeyspiel wurden angefertigt. Lausanne sei «eishockeyverrückt, eine Eishockeystadt», sagt Verteidiger Joel Fröhlicher. Ungeachtet dessen, dass die Fussballer in der höchsten Liga vertreten sind.

 

Auch in Bern ist alles bereit. Neun bediente und vier fixe Kameras werden das Geschehen der zweiten Finalpartie festhalten. 130 Journalisten wurden für die Begegnung akkreditiert; die Techniker, welche für das Schweizer Fernsehen die Übertragung ermöglichen, sind nicht eingerechnet. Die Pressetribüne ist entsprechend bis auf den letzten Platz besetzt, auf der Stehrampe drängen sich die Besucher. Zum neunten Mal in dieser Saison ist ein SCB-Heimspiel ausverkauft – 17131 Zuschauer sind es offiziell. Mehr als ausverkauft geht nicht, und dennoch liegt wohl nicht falsch, wer vermutet, es hätten in dieser Spielzeit noch nie derart viele Leute den Weg ins Stadion gefunden wie an diesem Samstag. Selbst hinter den Sitzplätzen bilden sich drei Menschenreihen.

 

Für die zweite Begegnung im Abstiegskampf haben sich 65 Journalisten angemeldet; sieben TV-Kameras filmen den Match. Auf der viel zu kleinen Pressetribüne mangelt es an Ellbogenfreiheit. 9244 Zuschauer und wohl noch ein paar mehr sind zugegen und empfangen ihre Mannschaft stehend – kein Platz bleibt leer. Während in Bern Bären gegen Drachen kämpfen, fletschen in der Lausanner Arena Löwen und Tiger die Zähne. Die Zuschauer sind frenetisch, pfeifen die Langnauer aus, schreien «Ici c’est Lausanne!». Es ist derart laut im Stadion, dass sich von dieser Begeisterung mancher NLA-Verein ein Beispiel nehmen könnte.

 

Auch der Lärmpegel in Bern erreicht früh den ersten Höhepunkt. Nach 4 Minuten führt der SCB 2:0, zwei Chancen, zwei Tore. Gottéron-Trainer Hans Kossmann schüttelt inmitten der euphorischen Stimmung den Kopf, von seinen Lippen lassen sich Ausdrücke ablesen, die nicht zum Zitieren bestimmt sind. Nach der Partie wird Kossmann auch in der Schiedsrichtergarderobe heftig poltern und später vor den Journalisten von «Scheisstoren» sprechen, was der höflichen Variante seiner vorherigen Wortwahl entsprechen wird.

 

In Lausanne senkt sich die Lautstärke um ein paar Dezibel. SCL-Stürmer Adrian Brunner steht in der 7.Minute hinter dem Tor, die Scheibe kullert via Schoner von Goalie Cristobal Huet über die Linie. Der Treffer beflügelt die Oberklassigen indes nicht. Lausanne agiert dominant, nach 20 Minuten steht es 1:1, nach zwei Dritteln 2:1, und in der 42. Minute (4:1) ist die Partie entschieden.

 

Als auf dem Berner Videowürfel das Resultat aus Lausanne eingeblendet wird, geht ein sanftes Raunen der Enttäuschung durch die Ränge. Ansonsten ist vor allem Anspannung spürbar. Das Heimteam hatte den Faden zuweilen verloren und drei Tore kassiert, vermochte die Begegnung dank zweier Tore im für Gottéron «dümmsten Moment» (Kossmann) erneut zu wenden: Martin Plüss traf unmittelbar nach der Freiburger Führung zum 3:3, Philippe Furrer gelang nach 34 Sekunden im Schlussdrittel das Siegestor. Die Schlusssirene kommt für die Berner Spieler und Zuschauer einer Erlösung gleich, hatte doch Freiburgs Benjamin Plüss Sekunden zuvor das offene Berner Gehäuse verfehlt.

Die Zwischenresultate aus Bern werden in Lausanne weitgehend regungslos zur Kenntnis genommen; man wähnt sich im eigenen Final. Die über 9000 Zuschauer stehen auf, klatschen ihrem Team Beifall. Sie haben keine gute Partie gesehen, es war ein Vergleich zwischen einer verunsicherten NLA-Equipe, die sich ans Verlieren gewöhnt hat, und einem leidenschaftlichen, aber doch limitierten NLB-Team.

 

Auch in Bern stehen die Zuschauer. Der SCB hat im Final mit 2:0 Siegen vorgelegt, befindet sich im Schlussspurt zum Titel auf halbem Weg. Nach Spielende beginnt für die Akteure der Interviewmarathon. «Einen Final zu bestreiten, und dann erst noch ein Derby, ist das Beste, was man sich erhoffen kann», sagt SCB-Stürmer Christoph Bertschy. Jeder Spieler, der derweil aus der Freiburger Garderobe schreitet, wird sich in Anbetracht der wartenden Journalistenschar rasch bewusst, dass er so schnell nicht wieder verschwinden kann. Trainer Kossmann sucht dreisprachig nach Gründen, artikuliert sich auf Französisch, Deutsch und Englisch. Was Freiburg am Dienstag anders machen müsse? «Gagner», «gewinnen», «we have to win».

 

Im Waadtland befeuert der Sieg die Euphorie. Der Vorverkauf fürs nächste Heimspiel beginnt unmittelbar nach der Partie, es bildet sich eine Schlange vor dem Kassenhäuschen. Der Seeländer Joel Fröhlicher, einst für die SCL Tigers tätig, erklärt: «Lausanne gehört in die NLA – Langnau eigentlich auch.» Und Lausanne-Trainer Gerd Zenhäusern sagt: «Wenn unsere Halle voll ist, haben wir hinter Bern die zweitbeste Stimmung in der Schweiz.» Die Atmosphäre war am Samstag tatsächlich das einzige, was den SC Bern und die SCL Tigers in ihren Eishockeywelten verbunden hat.

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