Seit einem Jahr im Abwärtstrend

Bereits fünf Wochen nach der feierlichen Eröffnung der umgebauten Halle kämpfen die SCL Tigers in der Nationalliga A wider die sportliche Tristesse. Die Emmentaler bangen um den Ligaerhalt.

Presse • • von Neue Zürcher Zeitung, Jürg Vogel

 

Kaum ein Thema dieser Eishockeysaison war so positiv besetzt wie der gelungene Umbau des Stadions an der Ilfis. Unter der Regie des innovativen Präsidenten Peter Jakob bündelten die «chächen» Langnauer alle regionalen Kräfte, investierten über 32 Millionen Franken ins modernisierte Stadion für frische unternehmerische Perspektiven des Vereins. Die Freude über den geglückten Bau teilten viele Anhänger im Land. Nach zehn Auswärtspartien in Serie geriet die Premiere in der Arena zum grössten lokalen Ereignis im Dorf neben dem Viehmarkt. Die Emmentaler packten just den Leader Servette/Genf mit 3:2 am Wickel.

 

Zu Hause schwach wie nie

Mittlerweile liegt die Zufahrt Richtung Langnau mit so weltbekannten Dörfern wie Mirchel, Zäziwil oder Chuderhüsi abends im dichten Nebel. Wie die Automobilisten den Weg suchen, stochern auch die SCL-Spieler im Trüben. Der Puls der Mannschaft geht flach. In den letzten zwölf Partien bezog das Tiger-Rudel zehn Niederlagen, darunter eine 0:8-Packung in Kloten. Das Schlusslicht SCL erlebt den schwächsten Start seit 2006, seit Einführung der Drei-Punkte-Regel. Im neuen Zuhause gewannen die Langnauer noch 26,6 Prozent der Punkte – das ist die schwächste Heimquote seit Menschengedenken.

 

Der ausbleibende Erfolg prägt Team und Personal. Es fehlt am Selbstvertrauen und damit an Konstanz. Nervosität macht sich breit, der Trainer John Fust wird in der dritten Saison zum Teppich, an dem viele die Schuhe abputzen. Wer die Langnauer mit Konkurrenten wie Ambri, Rapperswil oder Biel vergleicht, dem fällt auf, wie schlecht der SCL in der eigenen Zone organisiert ist, wie die Flügel im Backchecking den Gegnern in die seitlichen Couloirs nachfahren, deshalb oft mehr Langnauer hinter dem eigenen Tor stehen als vor dem Gehäuse im Slot. Das Forechecking ist mitunter inexistent, die Langnauer werden in der mittleren Zone vom Gegner überrannt. Fritz Lehmann, der Captain der SCL-Meistermannschaft 1976 und Maschineningenieur im Beruf, drückt es vornehm vorsichtig aus. «Die defensive Software der Mannschaft muss neu programmiert werden.»

 

Schlaumeier im Dorf bemühen Verletzungen oder Pech als Erklärungen für unerfüllte Erwartungen. Fakt ist, dass die SCL-Leistungskurve schon seit Monaten sinkende Tendenz verrät, pikanterweise seit der ersten Play-off-Qualifikation des Klubs am 22. Januar 2011. Bis zum Play-off-Ticket mit dem berühmten grünen Stern im Teletext sicherte sich der SCL im famosen Winter 2010/11 in 44 Partien 70 Punkte (Durchschnitt 1,59). Seither erspielte das Team in 79 Matches 72 Punkte (Durchschnitt 0,91) – eingerechnet die restlichen sechs Partien 2010/11, die 50 Spiele der Qualifikation im letzten Winter und die heuer 23 absolvierten Runden.

 

Vom Play-off-Ensemble stehen noch 14 Mann im Kader, in dem auf Frühjahr 2013 sage und schreibe 16 Verträge auslaufen – ein potenzieller Störfaktor. Den Kontrast zur Play-off-Herrlichkeit bildete der Torhüter. Benjamin Conz spielte damals herausragend, heuer verletzte sich der Titular Thomas Bäumle früh und wurde durch den überzeugenden Tschechen Jaroslav Hübl ersetzt. Mit ihm im Tor gewann der SCL 13 von 16 Punkten, mit Bäumle deren 3. Jetzt wird der Zeitvertrag mit Hübl nicht verlängert, obwohl der Tscheche im Kader mehr Rückhalt geniesst als der oft viele Abpraller zulassende Bäumle.

 

Zu wenig Kompetenz

Die sportlichen Sorgen der Langnauer stehen nur bedingt in Korrelation mit dem Stadionumbau, der im Verein viele Ressourcen absorbierte. Der Verwaltungsrat meisterte die Baupläne besser als die sportliche Güterabwägung, da es im obersten Gremium an Eishockey-Know-how fehlt. Die Ankündigung, mit nur drei Ausländern zu spielen, erwies sich als Trugschluss. Die SCL-Technik war auch nicht gewappnet für den NHL-Lockout, die Qualität der bereits sechs engagierten Ausländer, Hübl ausgenommen, ist sehr mässig. Die Basis der Tiger ist, wirtschaftlich wie spieltechnisch, schmal. Irrtümer oder Mängel wirken sich sofort negativ aus.

 

Grund genug für die Leitung, in Jakob Kölliker am 7. November einen alten Bekannten als Sportchef anzustellen. Der Bieler, der 1998 mit dem SCL als Trainer in die NLA aufstieg, hat breite Schultern. Er gilt nicht als Mann, der lange um den heissen Brei herumredet. Der Trainer Fust verfügte bisher über eine Carte blanche, eine Taktik, die sich mit Ausnahme von Davos in der Liga praktisch nie auszahlt. Der kanadische Coach wird zum Kreis der Besseren gezählt, aber es ist seine erste Arbeitsstelle in der NLA. Fusts Erfahrung ist limitiert, ebenso seine Neigung sich den Umständen anzupassen. Dass ein einheimischer Verteidiger wie Sebastian Schilt den Klub verlassen musste, verstehen viele nicht im Dorf.

 

Ein Revirement in der Führung der Equipe vor Weihnachten ist so gut wie sicher. Klar ist vielen Emmentalern zudem, dass der SCL in einer Saison, die ausgeglichen verläuft wie selten zuvor, 2013 um die Existenz in der NLA pickelhart wird kämpfen müssen.

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