20 Minuten online

Stunde null in Langnau

von Klaus Zaugg, 20 Minuten online - Die SCL Tigers stehen ihren Fans Red und Antwort, 800 Emmentalerinnen und Emmentaler erscheinen. Böse Worte fallen keine. Vielmehr ist der Wunsch nach einem Neuanfang spürbar.

Presse • • von Klaus Zaugg

Was ist Hockeykultur? Darüber können wir ganze Bücher verfassen und wochenlang debattieren. Aber hin und wieder gibt es ganz einfach ein Ereignis, das uns zeigt, was mit dem Begriff «Hockey-Kultur» gemeint ist.

 

Die SCL Tigers sind bekanntlich in die NLB abgestiegen. Nach einer solchen Schmach ist der Zorn der Fans in der Regel gross und die Verantwortlichen ziehen es vor, eine Weile in Deckung zu gehen. Doch das Langnauer Lokalradio «Neo1» organisierte am Freitagabend, nur drei Tage nach dem Abstieg, im Tigersaal des Langnauer Hockey-Tempels ein Podium zum Emmentaler Hockey-Weltuntergang. Unter anderem Captain Simon Moser, Stürmer Alban Rexha, Sportchef Köbi Kölliker, Präsident Peter Jakob und der neue Geschäftsführer Wolfgang Schickli stellten sich zwei Stunden lang dem Volk.

 

«Trotzdem Danke, Simu»

Mehr als 800 Emmentalerinnen und Emmentaler kommen trotz des garstigen Wetters zu dieser Hockey-Landsgemeinde. Es ist ein bewegender Abend. Aus dem Plenum kommen kein einziges unanständiges Wort und keine unsachliche Kritik. Es gibt keine Schuldzuweisungen. Nur Captain Simon Moser kommt nicht ganz ungeschoren davon. Gemeinderat Rudolf Kläy moniert, es gehe einfach nicht, dass der Captain des Teams nicht im Emmental wohne. Sondern in die bernische Steueroase Muri bei Bern geflüchtet sei und das dann auch noch in der Zeitung ausbreite. Applaus im Plenum.

 

Der Gescholtene steht seinen Mann, sagt, er nehme diese Kritik entgegen, habe wohl einen Fehler gemacht und er werde daraus lernen. Und er hat den Mut, hinzustehen und zu sagen: «Ich verlasse den Klub. Mein grosses Ziel sind die Olympischen Spiele in Sotschi. Deshalb spiele ich nicht in der NLB.» Er werde es in Nordamerika versuchen und in den nächsten Tagen sehen, wo er spielen werde, wenn das nicht klappen sollte. Er bekommt, trotz allem, Applaus und einige im Plenum rufen: «Trotzdem Danke, Simu».

 

Tigers haben erst zwei Spieler für das NLB-Team

Eine Versöhnung nach einer so bitteren sportlichen Schmach – das hat es im Schweizer Hockey in dieser Art und Weise noch nicht gegeben. An diesem Freitagabend hat das Sportunternehmen SCL Tigers ja noch keinen Trainer, keinen Assistenz-Trainer und keinen einzigen Spieler unter Vertrag. Der Abstieg hat alle Kontrakte aufgelöst. Aber Alban Rexha erklärt, er werde bleiben und bei der Operation Wiederaufstieg helfen. Tosender, lang anhaltender Applaus. Sportchef Jakob Kölliker erklärt, Anton Gustafsson habe per E-Mail wissen lassen, er sei bereit, trotz des Abstieges nach Langnau zu kommen und in der NLB zu spielen. Wieder brandet Applaus auf.

 

Am Ende des Abends steht immerhin fest: Die Langnauer haben bereits zwei Spieler für das NLB-Team. Also eigentlich noch nichts. Und doch verbreiten verschiede Voten Zuversicht. Präsident Peter Jakob entschuldigt sich für das Versagen. «Wir waren die Schlechtesten der NLA, Lausanne war besser und wir sind abgestiegen. Daran gibt es nichts zu rütteln.» Aber er versichert, dass das Unternehmen SCL Tigers trotz des sportlichen Misserfolges wirtschaftlich gesund sei. «Wir werden nach dieser Saison Schwarze Zahlen schreiben und bis auf das Darlehen von der Gemeinde sind wir schuldenfrei.»

 

Alle Verwaltungsräte bleiben im Amt. Und mit dem neuen Hockey-Tempel steht ja die Infrastruktur. Das ist einmalig: Erstmals in der neueren Hockeygeschichte bleibt ein Absteiger neben dem Eis intakt: Keine Verwaltungsräte gehen, kein Chaos bricht aus, kein Schuldenberg bleibt zurück. Der heldenhafteste Rückzug seit Marignano 1515.



Vergleich mit Churchill

Der neue Manager Wolfgang Schickli holt durch knappe und glasklare Statements viel Sympathien. Als er gefragt wird, was er denn mache, wenn gleich 15 Spieler nicht mehr bereit seien, in Langnau neue Verträge zu unterschreiben, sagt er: «Wer nicht genug Eier in den Hosen hat um hier zu bleiben, soll gehen.» Tosender Applaus. Ein wenig mahnt er an den grossen Winston Churchill, der einst bei seinem Amtsantritt den Engländern sagte, er habe nichts zu bieten, als Schweiss, Blut und Tränen.

 

Es gibt bange Fragen. Wird es gelingen, endlich wieder eine Leistungskultur aufzubauen? Wer kommt? Wer bleibt? Ist eine sofortige Rückkehr in die NLA möglich? Wird am Ende Martin Gerber heimkehren ins Emmental und zur neuen Kultfigur auf und neben dem Eis? Wer wird Trainer? Werden endlich mehr junge Spieler eingesetzt?

 

Neuanfang ohne Kölliker?

Auf solche Fragen kann Jakob Kölliker noch keine Antworten geben. Der Sportchef wirkt ein wenig verloren. Zwar hat er auf die Zusammensetzung der jetzt gescheiterten Mannschaft keinen Einfluss. Er kam ja erst im Laufe der Saison nach Langnau. Aber er stand auf der Kommando-Brücke, als die Hockey-Titanic in den eisigen Fluten der Liga-Qualifikation versank. Sein Vertrag ist auf drei Monate kündbar. Auch wenn es keiner so sagt und keine Kritik an der Amtsführung des Sportchefs laut wird: Der Wunsch nach einem kompletten Neuanfang wird an dieser ersten Emmentaler Hockey-Landsgemeinde doch spürbar. Es könnte ein Neuanfang ohne den alten Sportchef werden.

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