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Trost-, mut- und glücklos - «Eiszeit» im Emmental

Ausgerechnet im neuen Hockey-Tempel haben die Langnauer den rechten Glauben verloren. Nur noch ein «Hockey-Gott» kann die SCL Tigers vor dem Abstieg bewahren.

Presse • • von Klaus Zaugg

Das Resultat alleine (3:4 n.V.) ist für die SCL Tigers noch keinen Grund zur Abstiegssorge. Was viel schwerer wiegt: Die Emmentaler haben den Glauben an ihre Helden verloren. Mehr als 5000 Zuschauer waren gekommen (5858). Aber die 500 angereisten Anhänger des HC Lausanne dominierten die Stimmung im neuen Hockey-Tempel an der Ilfis von der ersten bis zur letzten Minute.

 

Dass es kalt ist an der Ilfis, liegt in der Natur der Sache: Früher sind die Natureisbahnen an den kältesten Orten gebaut worden. Dort, wo im Idealfall vom Herbst bis ins Frühjahr kein Sonnenstrahl die Erde wärmte. An diesen «Kälteorten» wurden später die Kunsteisbahnen gebaut und schliesslich die gedeckten Hockey-Tempel errichtet.

 

Das Volk hat resigniert

Deshalb ist es in oder um fast alle Stadien kalt. Auch in Langnau. Aber es ist nicht Kälte, die von aussen kommt, die an der Ilfis so beunruhigend ist. Es ist die innere Kälte. Es ist sehr, sehr kalt geworden im wunderschönen, für etwas mehr als 30 Millionen Franken erneuerten Hockey-Tempel an der Iflis. Eine schier unheimliche «Eiszeit» hat die Herzen erfasst. Es ist, als sei allenthalben der Glauben an ein gutes Ende dieser Saison verloren gegangen. Und wie sollen denn die Spieler an eine Rettung glauben, wenn das Volk schon resigniert hat? Die Emmentaler schaffen es nicht mehr, die Herzen ihrer Helden mit Emotionen zu erwärmen. Wie sollen die Spieler wieder Mut schöpfen, wenn sie nirgendwo mehr ein wärmendes Ofenbänkli des Selbstvertrauens finden? Schon der grosse Jeremias Gotthelf wusste um diese Lage, als er sagte: «Wie oft verglimmen die gewaltigsten Kräfte, weil kein Wind sie anbläst!» Langnaus gewaltige NLA-Kräfte, die doch noch diese Saison selbst den SC Bern und die ZSC Lions gebodigt haben, sind verglommen. Weil kein Wind der Emotionen sie mehr anbläst.

 

Wenn dieser Wind der Emotionen bläst, dann waren die Kräfte schon immer gewaltig: Sie haben die Emmentaler dreimal zum Aufstieg in die NLA, zweimal aus der 1. Liga zurück in die Nationalliga, einmal zum Meistertitel und in diesem Jahrhundert einmal in die NLA-Playoffs getragen. Doch nun ist es auf eine beklemmende Art und Weise windstill geworden und die Langnauer sind trost-, mut- und glücklos. Alle sehen verstört zu, wie ein schöner Traum zerrinnt. Und noch beunruhigender ist der Fatalismus des an und für sich ja tüchtigen Managements. Die Erbauer des neuen Hockey-Tempels sehen tatenlos zu, wie das sportliche Haus zusammenkracht. Trainer Alex Reinhard hätte schon vor der Liga-Qualifikation ersetzt werden müssen. Es mag ja sein, das Reinhard ein tüchtiger Übungsleiter ist und viel über Hockey weiss. Aber er hat kein Charisma und kein Glück.

 

Das Glück war auf Langnauer Seite

Und was ist eigentlich auf dem Eis passiert? Nun, die SCL Tigers sind im dritten Spiel der Liga-Qualifikation definitiv auf NLB-Niveau angekommen. Nun wird im NLB-Rhythmus gespielt. Diese Liga-Qualifikation ist inzwischen die Auseinandersetzung zwischen einer nominell etwas besseren, aber verunsicherten NLB-Mannschaft (Langnau) und einem selbstsicheren NLB-Team (Lausanne) geworden. Lausanne braucht «nur» noch zwei Heimsiege zur Rückkehr in die NLA. Dabei haben die Hockeygötter Langnau in dieser dritten Partie geholfen, wo sie nur konnten.

 

Es wäre nämlich noch einfacher als im ersten Heimspiel (7:5) gewesen, Lausanne zu besiegen. Denn Lausanne hatte das gleiche Problem wie bei diesem 5:7 in der ersten Partie in Langnau: Einen miserablen Torhüter. Cristobal Huet (37) ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Hiesse er Felix Meier, dann wäre das Urteil klar: Lausanne hat ein Goalie-Problem. Aber Cristobal Huet war Meister mit Lugano (1999), Stanley Cup-Sieger mit Chicago und Held in der NHL. So viel Ruhm macht ihn jetzt zum Kaiser ohne Kleider: Zwar sehen alle, dass er eigentlich nackt ist. Aber niemand wagt es zu sagen. Gestern schenkte er Langnau mit dem 3:3-Ausgleich ein zweites Leben und war schon am 2:2 nicht unschuldig. Huet sah seine Darbietung selbstkritisch sehr ähnlich. Er sagte, er sei mit seiner persönlichen Leistung nicht zufrieden. Allerdings hat er eine Entschuldigung: Er war erkältet.

 

Die Goalies im Mittelpunkt

Aber selbst das schier unfassbare Glück, dass sie im Existenzkampf auf einen Gegner treffen, der ebenfalls ein Goalieproblem hat, konnte den Langnauern in diesem zweiten Heimspiel nicht helfen. Remo Giovannini, der «Nobody», der erst im Laufe dieser Playouts zur Nummer 1 aufgerückt ist, war besser als Huet. In der 59. Minute stoppte er gar den alleine anstürmenden Eliot Berthon und verhinderte das Ende in der regulären Spielzeit. Aber nach nur 65 Sekunden in der Verlängerung war er gegen Gaëtan Augsburgers 4:3 (nach einem schnellen Konter) machtlos.

 

Ist schon alles vorbei? Nein. Biel hat sich gegen Lausanne 2009 und 2010 nach einem Rückstand von 0:2 und ein Jahr später von 2:3 jeweils im siebten Spiel noch gerettet. Aber beide Male stieg der «Hockey-Gott» (Kevin Schläpfer) aus dem Sportchef-Büro an die Bande herab und erlöste die Bieler.

 

Welcher «Hockey-Gott» hilft den Langnauern? Jakob Kölliker und Alfred Bohren sind auch zusammengenommen nicht Kevin Schläpfer.

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