Klaus Zaugg über die Hintergründe des DiDo-Transfers

Verrat in Zeiten des Abstiegskampfes

Langnaus kanadischer Leitwolf Chris DiDomenico (28) hat die SCL Tigers verlassen. Nach dem seltsamsten Transfer der Neuzeit reiben sich die Langnauer heimlich die Hände.

News • • von Klaus Zaugg

Er hat seit dem 11. November gerade mal drei Tore erzielt und eines davon ins leere Netz. Nach ungenügendem Sommertraining musst er zwischendurch schon mal für eine Partie aussetzen damit der Schnauf noch reicht. Und nun wechselt Chris DiDomenico per sofort zu Guy Bouchers Ottawa Senators in die wichtigste Hockeyliga der Welt.

 

Ohne Einwilligung der SCL Tigers könnte der Kanadier nicht in die NHL wechseln. Keine NHL-Organisation verpflichtet einen Spieler, der anderorts einen gültigen Vertrag hat und nicht ausdrücklich aus diesem Vertrag freigegeben wird.

 

Warum lassen die SCL Tigers in einer so heiklen Phase der Saison ihren Topskorer trotzdem ziehen? Sie können ihn ja nicht mehr ersetzen. Es sind praktische und vernünftige Überlegungen.

 

Geben wir Langnaus Präsident Peter Jakob das Wort – und wir werden verstehen, wie es zu diesem «Verrat» in Zeiten des Abstiegskampfes kommen konnte.

 

«Am letzten Donnerstag konfrontierte uns Chris DiDomenico mit einer NHL-Offerte. Er könne mit einem Einwegvertrag bis Ende Saison nach Ottawa wechseln und bekomme für die nächste Saison einen Zweiwegvertrag. Er war sehr emotional. Als wir ihm erklärten, er könne uns jetzt nicht verlassen, sagte er, seine Karriere sei zerstört, wenn er nicht in die NHL wechseln dürfe. Er habe sein ganzes Leben lang auf diese Chance gewartet. Da ist uns klargeworden, dass es keinen Sinn macht, ihn festzuhalten. Er ist ein sehr emotionaler Spieler und ein frustrierter Chris DiDomenico hätte uns nichts mehr gebracht und wahrscheinlich sogar Unruhe in die Mannschaft getragen.

 

Wir haben noch eine Kompromisslösung gesucht. Ein Wechsel per sofort nach Ottawa und Ottawa hätte uns den Spieler leihweise bis zur Entscheidung in unserer Meisterschaft überlassen. Aber das war nicht machbar. Und so haben wir am Sonntagabend den Vertrag mit sofortiger Wirkung aufgelöst und Chris DiDomenico den Wechsel in die NHL ermöglicht. Wir erhalten keine Ablösesumme. Aber es ist in diesem Fall auch nicht um Geld gegangen. Chris DiDomenico hat viel für uns geleistet und wir sind ihm dafür dankbar. Aber die Art und Weise wie er uns verlässt, goutieren wir nicht und er hat uns mit diesem Abgang enttäuscht.»

 

Die Freigabe ist ein vernünftiger, es ist letztlich der einzig mögliche und richtige Entscheid. Wer jetzt denkt, die Emmentaler seien etwas gar nachgiebig, täuscht sich. Es gibt zu dieser Entscheidung nämlich noch einen Hintergedanken, den niemand ausspricht, ja, den jeder weit von sich weist: Chris DiDomenico hätte noch einen Vertrag für die nächste Saison gehabt. Der Kanadier ist nach wie vor sehr populär bei den Fans. Aber seine Leistungen entsprachen diese Saison bei weitem nicht mehr seiner Popularität. «Dido» ist inzwischen einer der meistüberschätzten Spieler der Liga.

 

Eine vorzeitige Vertragsauflösung per Ende Saison wegen ungenügenden Leistungen hätte eigentlich ein Thema sein müssen. Aber die hätte sich Sportchef Jörg Reber nicht leisten können. Ein Sturm der Entrüstung wäre durchs Tal der heulenden Winde gefegt. Nun sind die Langnauer Chris DiDomenico auf eine ganz elegante Art und Weise losgeworden – und stehen erst noch als bedauernswerte Oper der amerikanischen Hockey-Imperialisten und eines «Verräters» da.

 

Der «Verrat» ist zwar schändlich. Ein Spieler verlässt sein Team von einem Tag auf den anderen in der entscheidenden Phase der Saison und zu einem Zeitpunkt, zu dem es nicht mehr möglich ist, einen Ersatzmann zu verpflichten. Das hat es so in der Neuzeit noch nicht gegeben. Aber das sportliche Risiko ist überschaubar: die Langnauer belegen mit elf Punkten Vorsprung den rettenden 10. Platz und es sind nur noch sechs Partien zu spielen. Fällt nicht noch der Kirchturm auf den Bären, dann sind die Langnauer gerettet.

 

Die Karriere von Chris DiDomenico ist mit diesem Transfer zumindest in der Schweiz zu Ende. Er wird sich in der NHL nicht durchsetzen und einen ähnlich guten Vertrag wie in Langnau in der NLA nicht mehr bekommen. Den Schwefelgeruch des Verräters wird er nicht mehr los.

 

Die Frage ist, wie denn Ottawas famoses Trainerduo Guy Boucher/Marc Crawford dazu kommt, einen Stürmer wie Chris DiDomenico zu verpflichten. Nun, letzte Saison war der Kanadier überragend, ganz besonders auch in den Partien gegen die ZSC Lions und Bern – und letzte Saison haben ja Guy Boucher und Marc Crawford noch in Bern bzw. Zürich gearbeitet. So einfach ist das. Wir sollten die Professionalität der NHL-Organisationen nicht überschätzen.

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