«Visionen haben, träumen und spinnen»

Peter Jakob, der Drahtseilfabrikant aus Trubschachen und Chef der SCL-Tigers, beklagt sich nicht über zu hohe Steuern. Vielmehr lobt er das, was hierzulande mit Steuergeld alles entstanden ist. Junge Unternehmer ermuntert er, mutige Entscheide zu fällen.

Presse • • von Der Bund, Dölf Barben

Herr Jakob, an einem Tag wie heute, wenn über Bern Nebel liegt und im Emmental die Sonne scheint, da gibt es bestimmt viele Leute, die Sie um diesen Standort beneiden.

Das ist so. Das obere Emmental ist zum Wohnen und zum Arbeiten einmalig.

 

Und Emmentaler seien als Arbeitnehmer überaus treu.
Wenn Mitarbeiter von uns irgendwo tätig sind, so wie kürzlich im Zoo Basel, wo wir fürs Affengehege Netze lieferten und montierten, erfahre ich tatsächlich viel Lob. Die vier Emmentaler seien herausgestochen. Das hörte ich von allen Seiten. Durch die Art, wie sie als Team zusammenspielen, durch die Qualität ihrer Arbeit, durch ihre Seriosität und selbst dadurch, wie sie am Abend die Baustelle aufräumen.

 

Damit wären wir schon beim Thema Standortvorteile.
Ja, die Leute hier sind sehr loyal. Es ist das Gleiche wie man im Eishockey sieht. Die Fans der SCL-Tigers sind unglaublich treu – und stark im Akzeptieren von Misserfolg und Niederlagen. Das ist einmalig.

 

Mit ihren Exporten tragen Sie zur Wertschöpfung im Kanton Bern bei. Nun hören Sie, dass Bern wirtschaftlich immer mehr ins Hintertreffen gerät. Was ist schiefgelaufen?
Ich möchte mehr über das Emmental sprechen als über den Kanton, das kenne ich besser. Hier in Trubschachen, genau da, wo wir jetzt sitzen, stand das erste Käseexporthaus der Schweiz. Die Emmentaler waren vor 100 Jahren unglaublich innovativ. Die Welt stand ihnen offen, einige wurden reich und brachten Geld in die Region. Allerdings gab es auch Armut. Aus dieser Not heraus ist unsere Seilerei entstanden. Mein Grossvater begann, Seile und Schnüre für die Landwirtschaft zu produzieren. Die Alternative wäre wohl gewesen, nach Kanada oder Südamerika auszuwandern.

 

Diese Innovationskraft fehlt heute?
Die erwähnten Branchen haben in den letzten 30 Jahren verloren. Es wäre interessant herauszufinden, warum genau. Die Käsehändler wurden zu Beamten, das erstickte die Innovation. Im Textilbereich hat man produziert, bis es nicht mehr ging. Im Oberaargau haben einige Textilfirmen den Sprung in die Zukunft mit neuen Produkten geschafft, hier im Emmental nicht. Wenn ich die letzten 30 Jahre überblicke, kann ich keine einzige Firma aufzählen, die hier ihre Zelte aufgeschlagen hat. Und wenn eine hätte kommen wollen, hiess es, es fehle an Industrieland.

 

Dann unterstützen Sie die Forderung nach Gemeindefusionen?
Absolut. Nehmen Sie das Entlebuch. Als bei uns der Niedergang begann, hat man diese Region noch belächelt. Wer heute aber durchs Entlebuch fährt, sieht internationale Firmen. Kürzlich haben sich Marbach und Escholzmatt zusammengeschlossen, obschon sie räumlich nicht so nahe beieinanderliegen. Hier im Emmental über Fusionen zu sprechen, ist dagegen schon fast undenkbar.

 

Aber wo liegt das Problem?
Wir schlafen und halten an alten Sachen fest. Und dann werden Investitionen getätigt, ohne zu überlegen, was der Mehrwert ist.

 

Woran denken Sie dabei?
Nehmen wir die Sanierungen von Bächen oder von Gütersträsschen. Oder die teils massiven Aufrüstungen von Feuerwehren, weil die unbedingt ein neues Tanklöschfahrzeug brauchen. Bei der Frage, worin der volkswirtschaftliche Nutzen besteht, ist man viel zu wenig kritisch, denn es geht um Sicherheit und damit auch um Ängste. Man müsste aber vermehrt dort investieren, wo sich später Mehrwerte erzeugen lassen. Das Problem ist, dass es oft heisst, solche Sanierungen oder Anschaffungen kosteten fast nichts – weil es Subventionen gibt.

 

Ist es nicht etwas einfach zu sagen: «Seid innovativ!» Wer soll es sein?
Alle. Wenn ich 15 Jahre in die Firmengeschichte zurückschaue, dann waren jene Entscheide die besten, die am meisten zu reden gegeben haben, am meisten rote Köpfe produzierten und am meisten schlaflose Nächte verursachten.

 

Sie sprechen von der Eröffnung eines Standorts in Vietnam?
Ja. Ich wusste, wenn wir einmal auf geschickte Hände angewiesen sein würden, würden wir diese in Vietnam finden. Die enorme Fingerfertigkeit der Vietnamesen war mir auf einer Velotour aufgefallen. Kurz darauf stiessen wir bei der automatischen Produktion von Seilnetzen an eine Grenze. Und so gingen wir nach Vietnam. Andere Standorte haben wir gar nicht erst geprüft.

 

Es war ein Bauchentscheid.
Ja, und aus heutiger Sicht war es die beste Entscheidung.

 

Welche Lehren lassen sich für junge Unternehmer ableiten.
Sie sollen Visionen haben, träumen und spinnen.

 

Und die Angst vor dem Scheitern?
Wer sich schon beim Träumen einschränkt, kommt nicht weit. Sobald aber Geld ausgegeben wird, muss man seriös rechnen, sonst läuft man ins Verderben.

 

Damit wären wir beim Geld. Derzeit ist der Ruf nach tieferen Unternehmenssteuern laut zu vernehmen. Ist das ein taugliches Rezept?
Was ich jetzt sage, entspricht womöglich nicht ganz Ihren Erwartungen, denn eigentlich sollten Unternehmer ja immer betonen, die Belastung durch Steuern und Abgaben sei zu hoch.

 

Sind Sie nicht dieser Meinung?
In den letzten Jahren hat unsere Firma ziemlich viele Steuern bezahlt. Das stimmt. Und wenn wir weniger bezahlen müssten, wäre dies selbstverständlich wunderbar. Aber es gibt andere, wichtigere Punkte.

 

Zum Beispiel?
Wenn man das Umfeld betrachtet, in dem wir in der Schweiz arbeiten können, mit dieser Infrastruktur und den gut ausgebildeten Leuten, dann muss man sagen, dass es solche Faktoren sind, die hundertmal wichtiger sind. Zudem: Wenn man die Steuern von Anfang an in die Kalkulation einbaut, sieht man, dass ihr Anteil verschwindend klein ist.

 

Das klingt in der Tat ungewöhnlich.
Ich bin viel unterwegs. Aber schauen Sie, was wir hier alles haben. Nur schon das Verkehrsnetz: In knapp zwei Stunden bin ich am Flughafen Zürich. Aber auch all die anderen Dinge: Wir können aus unseren Brunnen Wasser trinken; das politische System ist sehr stabil; die öffentliche Hand und das Bildungssystem sind von grosser Qualität. Das sind alles Errungenschaften der Generationen, die uns vorangegangen sind. Dazu kommt das weitgehende Fehlen von Korruption – Korruption ist übrigens ein enorm wichtiges Thema: Wir müssen ihm in Zukunft sehr viel Aufmerksamkeit schenken und Prävention betreiben. Korruption macht alles kaputt.

 

Das ist ein Loblied. Wer immerzu tiefere Steuern verlangt, drückt damit ja aus, dass er mit dem Gegenwert nicht zufrieden ist. Sie aber sagen, die öffentliche Hand geht mit Steuergeld verantwortungsvoll um.
Selbstverständlich gibt es Investitionen, die man infrage stellen muss. Aber es ist sehr viel mehr Positives und Gutes geleistet worden als Negatives. Aber klar: Auch hierzulande muss man mit der Steuerpolitik vorsichtig sein. Je höher die Steuerbelastung ist, desto kreativer werden die Leute in ihren Versuchen, das Steuernzahlen zu umgehen.

 

Würde man ihr persönliches Engagement als Präsident der SCL-Tigers und ihre Millioneninvestitionen ins Stadion in Steuerfranken umrechnen, hätten Sie viel mehr Steuern bezahlt, als sie eigentlich müssten.
Die Familie Jakob lebt seit ewigen Zeiten im Emmental. Und die Firma konnte sich hier entwickeln. Finanziell sind wir mit diesen Investitionen ans Limit gegangen, das stimmt. Aber bei diesem Stadion geht es ja nicht nur um Eishockey. Zu einem sehr grossen Teil geht es auch noch um ganz anderes.

 

Was ist dieses Andere?
Es ist die Bedeutung für die Menschen, die in dieser Region leben. Es gibt nun Veranstaltungen, Konzerte, Personalanlässe, Generalversammlungen, Jahrestagungen, Hallenschwinget, ein Fitnesscenter und vielleicht schon bald ein Eishockey-Länderspiel. In den nächsten Jahren werden Tausende von Leuten im Ilfis-Stadion am einen oder anderen Anlass teilnehmen – und Freude haben.

 

Sie haben etwas in Gang gesetzt.
Nicht ich allein, wir sind viele. Wir wussten, wir müssen etwas verändern, sonst müssen wir aufhören. Jetzt haben wir etwas verändert, und das hat etwas ausgelöst. Bereits sind um die 100 neue Teilzeitarbeitsplätze entstanden. Ich kann Ihnen sagen, wir haben viele Leute, die gern ein paar Franken dazuverdienen, sei es für die neue Nähmaschine, das Auto oder für Ferien.

 

Könnte Langnau ein Beispiel sein für andere Regionen?
Dass die Wirtschaftskraft an wichtigen Achsen am höchsten ist, darüber braucht man gar nicht zu diskutieren. Aber es reicht nicht, sich an der schönen, nebelfreien Gegend zu erfreuen. Wir müssen uns trotzdem anstrengen. Mit Jammern allein erreicht niemand etwas.