Warum Brunner ein NHL-Star werden kann

von Klaus Zaugg, 20 Minuten online - Die Detroit Red Wings rollen für Damien Brunner den roten Teppich aus. Aber der Schweizer (26) setzt sich in der NHL nur durch, wenn er Damien Brunner bleibt.

Presse • • von 20 Minuten online, Klaus Zaugg


Die Torhüter und Verteidiger aus der Schweiz haben die NHL längst erobert. Martin Gerber und David Aebischer sind Stanley Cup-Sieger, Mark Streit ist Captain der New York Islanders. Auch Jonas Hiller, Luca Sbisa und Rafael Diaz sind Salär-Dollarmillionäre. Aber noch gibt es in der wichtigsten Liga der Welt keine Stürmer, die in der Schweiz ausgebildet worden sind.


Deutsche, Slowaken, Slowenen, Norweger, Dänen, Polen und Österreicher haben es längst geschafft. Nur die Schweizer nicht.

 

Kleines Feld hilft Defensivspielern

Die Schweiz hat eine lange und reiche Torhüter-Kultur. Von Jean Ayer über Gérald Rigolet bis Reto Pavoni gibt es seit mehr als 50 Jahren international erstklassige Schweizer Goalies. Dass unsere Torhüter schliesslich die NHL erobert haben, ist also nur logisch. Auch der Erfolg der Verteidiger ist kein Zufall. Schweizer Spieler sind taktisch überdurchschnittlich intelligent. Beim Defensivspiel sind taktische Intelligenz und Disziplin so wichtig wie pures Talent. Defensivspiel kann bis zu einem gewissen Grad erlernt werden. Wer in der NLA das Defensivspiel beherrscht, hat gute Chancen, auch in der NHL erfolgreich zu sein – Mark Streit, Luca Sbisa (er schaffte es über die nordamerikanischen Juniorenligen) und Rafael Diaz holten sich auf Anhieb einen Stammplatz in einem NHL-Team. Yannick Weber musste von den Junioren aus den Umweg übers Farmteam nehmen – aber auch er ist in der NHL angekommen.

 

Bei den Stürmern ist nicht alles, aber vieles anders: Das Eishockey in der NHL ist nicht besser oder schlechter als das europäische Spiel. NHL-Eishockey ist ganz einfach anders. Weil es auf einem Feld gespielt wird, das um rund einen Drittel schmäler ist als bei uns. Die Enge erleichtert den Verteidigern die Kontrolle über Spiel und Gegenspieler und erschwert die Arbeit der Stürmer.

 

Beim Stürmer zählt pures Talent

NHL-Eishockey ist in der eigenen und in der neutralen Zone eher besser strukturiert als das europäische Spiel. «The Trap» («die Falle»), das Defensivspiel in der neutralen Zone ist in der NHL noch erfolgreicher als in Europa. Aber das Spiel in der gegnerischen Zone ist viel weniger strukturiert. Es löst sich sehr oft in Einzelaktionen oder spontanes, improvisiertes Zusammenspiel auf. Raum und Zeit sind für die Stürmer so begrenzt, dass hier pures Talent, Schlauheit und Kreativität entscheidend sind. Der Spielertyp des egoistischen und eigenwilligen «Snipers» (wörtlich übersetzt: «Heckenschütze»), des erfolgreichen Torschützen also, ist ein typisches Produkt des nordamerikanischen Hockeys.

 

Was macht den «Sniper» aus? Entgegen landläufigen Vorstellungen sind Kraft, Grösse und Gewicht nicht die alles entscheidende Faktoren. Wayne Gretzky, der Grösste aller Zeiten, war bloss 183 Zentimeter gross und 85 Kilo schwer und er hat die Handgelenke eines Piano-Spielers. Damien Brunner (180 cm/88 kg) ist also für eine NHL-Karriere nicht zu klein und zu leicht. Und es geht auch ohne schnelle Füsse. Luc Robitaille buchte mehr als 700 Tore und 1300 Punkte. Obwohl er einer der langsamste Stürmer der NHL war. Wichtiger als schnelle Füsse sind schnelle Hände. Sofort und präzis zu schiessen ist wichtiger als hart abzudrücken.

 

Spielintelligenz: Man hat sie - oder eben nicht

Weil Zeit und Raum so knapp sind, ist die wichtigste Eigenschaft eines NHL-«Snipers» die Fähigkeit, das Spiel besser lesen zu können. Nur so ist es möglich, die Sekundenbruchteile zu gewinnen, um vor dem Gegenspieler am Puck und in Abschlussposition zu sein. Ein «Sniper» darf seine Energie nicht verschwenden, um dem Puck nachzujagen. Er ist schon dort, wo der Puck hinkommt. Er lässt den Puck zu sich kommen. Er lässt den Puck für sich arbeiten. Entweder hat einer diese Spielintelligenz. Oder er hat sie nicht. Anders als das richtige Defensivverhalten lässt sich diese Intelligenz nicht antrainieren. Deshalb gibt es so wenig wirklich gute «Sniper».

 

Eine weitere extrem wichtige Eigenschaft ist das Selbstvertrauen. Ein guter «Sniper» zeigt bereits mit seiner Körpersprache sein Selbstvertrauen und befindet sich immer auf einer Gratwanderung zwischen Exzentrik und Anpassung ans Mannschaftspiel. Zwischen Arroganz und Anstand. Zwischen Provokation und Fairplay.

 

Kein Schweizer hatte bessere Voraussetzungen

Nur mit diesen Eigenschaften ist es für einen Stürmer möglich, in der NHL-Verteidigungszone erfolgreich zu sein. Wie steht es nun um Damien Brunner? Er ist mit Abstand der beste «Sniper», den unser Eishockey in den letzten 30 Jahren hervorgebracht hat. Seine Spielintelligenz, sein Gespür für Position und Timing erreicht kein anderer Schweizer. Er ist darüber hinaus auf eine gute Art und Weise frech und selbstsicher. Damien Brunner hat in dieser Saison in Zug 1,73 Tore pro Spiel erzielt. Damit ist er besser als die in Europa tätigen NHL-Stars Daniel Brière (1,62/Eisbären Berlin), John Tavares (1,50/SCB), Henrik Zetterberg (1,39/Zug), Tyler Seguin (1,38/Biel), Patrice Bergeron (1,38/Lugano), Alex Owetschkin (1,29/Dynamo Moskau), Ilya Kowaltschuk (1,21/St. Petersburg), Pavel Datsyuk (1,16/ZSKA Moskau), Joe Thornton (1,09/Davos), Jason Spezza (1,07/Lakers) oder Rick Nash (1,06/Lakers). Wir wollen diese Statistik nicht überbewerten. Aber sie zeigt uns: Damien Brunner ist ein «Sniper».

 

Wie stehen nun die Chancen des ehemaligen Klotener Juniors? Die nordamerikanische Sport- und Leistungskultur eröffnet jedem beinahe grenzenlose Perspektiven – aber sie beendet auch mit einer für uns unvorstellbaren Rücksichtslosigkeit viele Hoffnungen und Karrieren. Damien Brunner ist jetzt erst im wirklichen Eishockey und in einer echten Leistungskultur angekommen. Aber er hat Glück. Bessere Voraussetzungen als er hatte noch nie ein Schweizer in der NHL.

 

Brunner in der ersten Reihe

Er spielt bei den Detroit Red Wings in einem spielstarken, offensiv ausgerichteten Team mit einer internationalen Kultur: Die Red Wings haben mehr Erfahrung und Erfolg mit europäischen Spielern als alle anderen NHL-Teams. Scotty Bowman gewann mit einem russischen Fünferblock den Stanley Cup und seit 2005 ist ein Europäer Captain (Nicklas Lidström, Henrik Zetterberg). Coach Mike Babcock setzt auf Damien Brunner. Henrik Zetterberg, der Captain der Mannschaft hat nun bereits mehrere Wochen mit dem NLA-Topskorer gespielt und ist sein Freund. Damien Brunner hat also als erster Schweizer überhaupt bereits bei seiner Ankunft in der NHL eine Lobby. Er darf die Saison in der ersten Sturmreihe beginnen. Die Red Wings haben für Brunner sozusagen den roten Teppich ausgerollt.

 

Damien Brunner hat die Grösse, das Gewicht und die Schnelligkeit, um in der NHL zu überleben und er setzt sich in der NHL durch, wenn er seinen Torinstinkt behält. Will heissen: Wenn er gegen St. Louis oder Los Angeles mit der genau gleichen Einstellung ins Spiel geht wie gegen die Lakers oder Langnau. Wenn er die Namen der gegnerischen Goalies ignoriert und so spielt, als müsse er nicht Jonathan Quick oder Jonas Hiller, sondern bloss Thomas Bäumle oder Michael Flückiger bezwingen. Wenn er sich durch grosse Arenen und grosses Theater nicht beeindrucken lässt. Wenn er die Leichtigkeit des Skorens bewahrt. Wenn er nicht denkt, er müsse jetzt alles anders machen. Wenn er ganz einfach Damien Brunner bleibt. Aber wenn er ins Grübeln kommt, wenn er zaudert und zögert, dann ist er verloren und verliert seinen Platz im Team schon nach ein paar Spielen.

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