Warum der Eishockey-Cup noch immer fehlt

Was im Fussball nicht mehr wegzudenken ist, soll künftig auch im Eishockey etabliert werden: ein Cupwettbewerb. Trotz positiver Grundstimmung existieren zwischen den Verhandlungspartnern Differenzen.

Presse • • von Berner Zeitung, Reto Kirchhofer und Philipp Rindlisbacher

Auf dem Grill brutzeln Bratwürste, die Menschenschlangen vor den Kassen werden lang und länger, die Ticketverkäufer sind vom Andrang überfordert. Das Stadion, welches bestenfalls über eine kleine Haupttribüne verfügt und normalerweise ein paar hundert Besuchern Platz bietet, ist zum Bersten gefüllt. Der Präsident des Amateurvereins ist stolz auf den Zuschauerrekord und spricht von einem Volksfest. Derweil warnt der Trainer des Spitzenteams vor dem unterklassigen Gegner, meist mit den Worten: «Der Cup hat eigene Gesetze.»

 

Im Fussball sind Cupwettbewerbe äusserst beliebt und aus dem Kalender nicht mehr wegzudenken – sei dies auf internationaler oder eben auf nationaler Stufe mit dem Vergleich David gegen Goliath. Im Schweizer Eishockey jedoch erhalten die Kleinen kaum einmal die Gelegenheit, den Grossen auf der Nase herumzutanzen; ein Cup existiert seit 1966 nicht mehr (siehe Kasten unten rechts). Dies könnte sich bald ändern: Swiss Ice Hockey prüft die Realisierung eines neuen Cupwettbewerbs.

 

Der finanzielle Anreiz

Als Triebfeder des Projekts fungiert Infront Ringier. Die in Zug domizilierte Agentur ist Vermarkterin der Swiss Football League und strebt den Einstieg ins nationale Eishockeybusiness an. «Wir möchten gemeinsam mit dem Verband einen zweiten starken Eishockeytitel neben der Meisterschaft aufbauen und sind überzeugt, dass ein Cupwettbewerb im Schweizer Eishockey erfolgreich sein würde», sagt der stellvertretende Geschäftsführer Wanja Greuel. Die Agentur würde das finanzielle Risiko tragen, den Verband für dessen Organisation entschädigen und den Teams ein Start- und Preisgeld auszahlen.

 

Im Gegenzug oblägen Infront Ringier als Lizenznehmer sämtliche Vermarktungs- und TV-Rechte. Konkrete Zahlen will Greuel nicht nennen, er sagt aber: «Wir wollen für die Klubs einen wirtschaftlichen Anreiz schaffen.» Das Investitionsvolumen beträgt dem Vernehmen nach über eine Million Franken, der Cupsieger würde mit rund 300'000 Franken entlöhnt. Zum Vergleich: Wer im Dezember das Finalturnier der 32 europäische Teams umfassenden European Trophy für sich entscheidet, erhält ein Preisgeld von rund 60'000 Franken.

 

Terminplanung als Problem

Bei Swiss Ice Hockey ist man dem Cupprojekt «positiv gesinnt», wie Lukas Hammer sagt. Der Marketingverantwortliche des Verbands spricht von einem «sehr guten, attraktiven und seriösen Konzept» und ergänzt, es sei das Ziel, «eine Lösung zu finden, die für alle Beteiligten stimmt». Greuel versichert: «Die Gespräche sind fortgeschritten. In kommerzieller Hinsicht wären wir bereit, schon nächste Saison zu starten.»

 

Idee gut, alles gut? Mitnichten. Bei einer Handvoll zentraler Aspekte fehlt den Parteien der gemeinsame Nenner. Ein Problempunkt betrifft die Terminplanung. In der kommenden Saison mit dicht gedrängtem Programm samt Olympischen Spielen ist die Wiedereinführung des Cups noch nicht möglich, für die Spielzeit 2014/2015 jedoch zeigt sich Willy Vögtlin – er ist bei der Liga für den Spielbetrieb verantwortlich – zuversichtlich.

 

Weil die Klubs auf die Einnahmen aus den 25 Heimspielen angewiesen sind, ist eine Reduktion der Qualifikation kein Thema. «Es ist aber denkbar, dass die Saison wegen des Schweizer Cups eine Woche früher beginnen würde», meint Vögtlin. Kopfzerbrechen könnten ihm die Sperrdaten bereiten; in Anbetracht der prekären Hallensituation der ZSC Lions beispielsweise wäre es fraglich, ob die Zürcher ihre Cupheimspiele überhaupt im Hallenstadion austragen könnten.

 

Die weiteren Diskrepanzen vereinen sich in der von Infront Ringier zentral gesteuerten Vermarktung, welche jeweils ab den Achtelfinals zum Zug kommen würde. Es wäre wohl unausweichlich, dass Konkurrenzfirmen potenter Vereinssponsoren in deren Gärtchen grasen dürften. So könnten in der Postfinance-Arena anstatt der Modelle des SCB-Goldsponsors Peugeot plötzlich andere Automobilhersteller ihr Logo spazieren fahren. Lukas Hammer ortet grössere Probleme im Bereich der Trikotvermarktung. Werbung am Mann ist für Firmen attraktiver und prestigeträchtiger als anderswo. Greuel stellt klar: «Wir können den Klubs nicht den Fünfer und das Weggli geben – ein Start- und Preisgeld kassieren und dazu noch die vereinseigenen Sponsoren präsentieren, das geht nicht.»

 

Positives Echo im Bernbiet

Zu einem Thema schweigen sich die Verhandlungspartner aus, auch weil dieses wohl die grösste Hürde darstellt. Infront Ringier plant, eine Grossbank als zahlungskräftigen Sponsor ins Cupboot zu holen. Dies missfällt Swiss Ice Hockey, dessen Hauptsponsor die Postfinance ist. Es liegt auf der Hand, dass der Verband seine guten Beziehungen zum langjährigen Partner nicht gefährden will. «Wir wollen einen Schweizer Cup – aber nicht um jeden Preis», sagt Hammer.

 

«Zudem spielt letztlich nicht der Verband mit; es sind die Klubs, die teilnehmen. Insofern müssen wir auch deren Interessen wahren.» Bei den Vereinen ist der Tenor unterschiedlich; Davos, Zug und Lugano sind kritisch eingestellt, während Marc Lüthi von einer «guten Geschichte» spricht, «die sich langfristig etablieren könnte – aber nicht von heute auf morgen». Der SCB-CEO ergänzt: «Die Klubs können um einen zusätzlichen Titel spielen und etwas verdienen, deshalb gibt es gegen die Idee im Prinzip nichts einzuwenden.» Tigers-Sportchef Köbi Kölliker sagt schmunzelnd, dass der Cup auch einem Klub wie den SCL Tigers die Möglichkeit böte, von einem Titel zu träumen.

 

Weitgehend Einigkeit herrscht bei den Amateurvereinen. «Für die 1.-Liga-Klubs wäre der Cup eine grosse Chance», sagt Roland Schönenberger. Der Präsident Wiki-Münsingens und ehemalige YB-Spieler erwähnt die stagnierenden Zuschauerzahlen und die Langeweile, welche aufgrund der seit Jahren gleichen Gegner herrsche. Der Cup wäre ein Ansporn; die Mehrheit der regionalen Vereine befürwortet das Projekt – «auch wenn der sportliche Niveauunterschied riesig ist».

 

Ob sich das V-Trio (Vermarkter, Verband, Vereine) in Harmonie vereint, ist fraglich. Im Verlauf dieser Saison soll aber Klarheit herrschen, ob der Cup ab 2014 integriert oder die Idee verworfen wird.

 

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Doublegewinner SCB

Pokalbewerbe haben im Eishockey keine Tradition. Nach der Jahrtausendwende nahmen die Deutschen einen Anlauf, mangels Interesse kämpfen seit 2009 aber nur noch unterklassige Teams um den Titel. Den Schweizer Cup gibt es seit 46 Jahren nicht mehr, er wurde nur zehnmal (1957 bis 1966) ausgetragen. Einst nahmen 60 Teams daran teil; Terminprobleme gab es keine, wurde der Meister damals doch nur in maximal 24 Partien ermittelt. Dreimal setzten sich die Young Sprinters aus Neuenburg durch, zweimal der damalige Zürcher SC, jeweils einmal siegten Servette (als NLB-Klub), Ambri, Visp, GC und der SCB. Unter Trainer Ed Reigle sicherten sich die Berner 1965 das Double.

Kaum jemand aber war begeistert vom Cup, der schlecht organisiert war – im Buch «Faszination Eishockey» ist die Schreibe von der «Handgelenk mal Pi»-Methode. Die Trophäe nach dem letzten Final übergab Sepp Blatter. Der mächtigste Mann im Weltfussball amtete als Zentralsekretär des Eishockeyverbandes.phr

5 Runden

Geplant ist, dass im Schweizer Cup 32 Mannschaften um den Titel spielen, demnach inklusive Final 5 Runden ausgetragen werden. Neben den 12 NLA- und 11 NLB-Teams sollen 9 Equipen aus der 1.Liga das Feld komplettieren. Es dürften jeweils 3 aus den drei Regionalverbänden sein (Playoff-Finalisten plus das beste nachfolgende Team aus der Qualifikation). Die unterklassigen Equipen hätten Heimrecht. Spätestens ab den Achtelfinals würden die Partien an einheitlichen Daten angesetzt.phr

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