Gus auch nächste Saison Coach der SCL Tigers?

Warum Langnau seine Aufstiegs-Trainer halten sollte

Noch ist nicht sicher, ob Bengt-Ake Gustafsson und Peter Andersson in Langnau bleiben werden. Es ist auch nicht sicher, ob die SCL Tigers alles dafür tun würden, die beiden zu halten. Denn noch immer scheint im Emmental der Coaching-Stil wichtiger zu sein als der Erfolg.

Blog • • von Bruno Wüthrich

 

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War sein Coaching wirklich so passiv? Wann immer eine Reaktion gefordert war, kam von seinem Team eine. Bengt-Ake Gustafssons Massnahmen führten letztendlich zum Aufstieg der SCL Tigers in die NLA. Bild: Bruno Wüthrich

 

Es wurde dem Duo Gustafsson / Andersson immer wieder vorgeworfen, zu wenig aktiv zu coachen. Selbst jetzt, wo der Aufstieg in die NLA mit Pauken und Trompeten geglückt ist, wird an den beiden gezweifelt. Die Berner Zeitung – als Beispiel – stellt in Frage, ob Gustafsson denn seine Mannschaft überhaupt verstehe. Dies, das gebe ich unumwunden zu, entzieht sich meiner Kenntnis. Doch eines ist klar: Eine Mannschaft, die ihren Coach nicht versteht, steigt nicht in die NLA auf. Wichtig ist, dass die Mannschaft den Coach versteht und ihm glaubt, was er erzählt. Und dies war in Langnau unzweifelhaft der Fall.

 

Doch die Zweifel bleiben: da und dort ist zu hören, dass in der NLA ein anderer Wind wehe, und da halt dann schon ein anderes Coaching gefragt sein könnte.

 

Doch Bengt-Ake Gustafsson war bereits in den Saisons 1998/99 und 1999/2000 Coach in Langnau. Er bewies damals lange vor seinen grossen Erfolgen (als Coach: Olympasieg, Weltmeister, Schwedischer Meister), dass er mit der Situation, ein nominell schwaches Team in der Liga zu halten, umgehen kann. Sein Stil des Coachings war damals nicht fundamental anders als jetzt. Todd Elik war in der Schweiz nie stärker, als unter Coach Bengt-Ake Gustafsson!

 

Meisterfeier

Die SCL Tigers feierten in der Saison 2014/15 grosse Erfolge und erreichten alle ihre Ziele.

 

Kein Selbstdarsteller

Der Schwede unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von den meisten seiner Berufskollegen. Er stellt sich selber nicht in den Vordergrund. Eigentlich ist er ein sehr schlechter Selbstvermarkter. Den Medien steht er zwar jederzeit zur Verfügung, gibt auch Antworten mit Substanz, doch er tut dies unspektakulär, hoch professionell und völlig ohne jede Selbstdarstellung. Mit andern Worten: In Langnau war (und wird hoffentlich weiterhin sein) ein Olympiasieger und Weltmeister am Werk, und zwar äussert erfolgreich am Werk, aber dieser Umstand wurde und wird nicht wahr genommen. Ein erfolgreicher Selbstvermarkter wäre möglicherweise bereits im Playoff-Final gegen Olten spektakulär gescheitert und wäre trotzdem in Langnau immer noch wohl gelitten. Weil er an der Bande getan, gehampelt und geschrien hätte, und weil alle gesehen hätten, dass dieser aktiv Coachende für den jeweiligen Sieg alles gibt. Dabei hätte man möglichwerweise übersehen, dass er zwar viele Spiele, aber keine Meisterschaften gewinnt und auch nicht aufsteigt. Mit Bengt-Ake Gustafsson und Peter Andersson aber sind die Tiger aufgestiegen. Und zwar auf eindrückliche Art und Weise.

 

Bengt-Ake Gustafsson hat die wichtigste Serie der Saison mit seinem Team gleich 4:0 gewonnen. Das Team musste dabei zwei Mal den Ausgleich in letzter Minute hinnehmen, gewann jedoch trotzdem in der Verlängerung. Eine mentale Meisterleistung, mit welcher der Coach zwangsläufig etwas zu tun haben muss.

In der Serie gegen den EHC Olten lagen die Tiger mit 2:3 zurück und mussten zum sechsten Spiel in Olten antreten. Was dann folgte, ist nur mit einem Team möglich, welches mental vollkommen intakt, - ja was sage ich da? - das mental sehr stark ist. Auch damit hat der Coach zwangsläufig zu tun.

Die ganze Mannschaft, und insbesondere die Teamleader und der Torhüter waren in dieser Saison dann am stärksten, als es wirklich wichtig wurde. In der übrigen Saison waren die Tiger stark genug, um die Konkurrenz nach Belieben zu dominieren.

 

Erst wurde gezweifelt, ob der Olympiasieger und Weltmeister überhaupt mit Spielern umgehen kann, die zwei oder gar drei Level tiefer spielen als jene, mit denen Gustafsson die Titel auf höchstem Niveau gewann. Nun, nachdem der Schwede bewiesen hat, dass dies möglich ist, wird bezweifelt, ob er es eine Stufe höher, in der NLA ebenfalls kann. Doch er hat doch längst bewiesen, dass er das kann. Sogar in Langnau! Und weshalb sollte er es nicht können? Die Frage an sich ist schon abstrus! Was einer in der NLB und auf Stufe Weltmeisterschaft kann, kann er doch auch dazwischen.

 

Bengt-Ake Gustafsson

Ist Bengt-Ake Gustafsson auch nächste Saison Coach der SCL Tigers. Eigentlich müsste er gute Karten haben.

 

Die SCL Tigers werden in der obersten Spielklasse nur dann überleben, wenn die Mannschaft, und damit jeder einzelne Spieler wiederum seine beste Leistung abrufen kann. In der NLB hat dies hervorragend geklappt. Es brauchte neben den trockenen Schweden die eine oder andere emotionale Ansprache von Sportchef Jörg Reber. Offensichtlich ist Reber genau derjenige, den es in Langnau braucht, damit zwei Koryphäen wie Bengt-Ake Gustafsson und Peter Andersson erfolgreich sein können. Die Mischung in der sportlichen Führung scheint zu stimmen. Weshalb die Zweifel?

 

Die Mannschaft hat immer Reaktionen gezeigt

Die Mannschaft hat immer reagiert, wenn eine Reaktion nötig wurde. Ein einziges Mal haben die Tiger in der Qualifikation zwei Spiele in Folge verloren. Dies war, als nach der diskussionslosen 2:10 – Demütigung in Langenthal die 2:3 – Niederlage trotz stark verbesserter Leistung in Martigny folgte. Auf jede schlechte Leistung (und das waren nicht viele) folgte umgehend die Reaktion. Auch im Playoff-Final vermochte die Mannschaft zu reagieren. In Spiel 5 lagen die Langnauer nach einer unterirdischen Leistung im ersten Drittel mit 0:3 zurück. Sie traten ab der 21. Minute jedoch völlig anders auf und brachten Olten damit noch an den Rand einer Niederlage. Bei einer besseren Verwertung der Torchancen hätte diese Partie noch eine Wende erfahren. Doch auch wenn es nicht die Wende im Spiel war, so war das, was in dieser ersten Drittelspause von Spiel 5 passierte, ganz offensichtlich die Wende in der Serie. Von da weg hatte Olten nichts mehr zu bestellen.

 

Gut – die Friedhöfe sind voll von Menschen, die zuvor an ihrem Platz nicht ersetzbar schienen. Dies kann man auch im Fall von Bengt-Ake Gustafsson so sehen. Sollte man deswegen Hans Kossmann holen? Ohne Zweifel ein hervorragender Coach, vom Stil her jedoch völlig anders als Gustafsson. Für die Spieler wäre dieser Wechsel ein Kulturschock. Sie hätten sich nicht nur wieder vermehrt ans Verlieren zu gewöhnen (das hätten sie auch unter Gustafsson), sondern auch an einen neuen Führungsstil, an neue Töne in der Kabine und im zwischenmenschlichen Umgang. Weg von der Eigenverantwortung hin zu mehr Autorität. Damit müsste jeder klar kommen, was nicht für jeden gleich einfach sein wird. Schafft dies nicht jeder, werden einzelne Spieler und damit das Team schwächer. Auch die bisher ideale Chemie könnte so neu gemischt werden.

 

Klar ist ebenfalls: Es ist nie der Coach allein, der eine Meisterschaft gewinnt oder mit der Mannschaft aufsteigt. Doch er ist ein äusserst wichtiger und grosser Mosaikstein im Gefüge einer Sportorganisation und vor allem einer Mannschaft. In Langnau passten in der vergangenen Saison sämtliche Mosaiksteine haargenau. Zwar bringt jede Veränderung auch Chancen, doch sie birgt eben auch Risiken. Wie gut die Mosaiksteine in Langnau in der Saison 2014/15 gepasst haben, werden wir möglicherweise 2015/16 schmerzhaft erfahren, wenn sie eben nicht mehr so gut passen. Dann zum Beispiel, wenn das Triumvirat Gustafsson / Anderssson / Reber gesprengt wird.

 

Chance DiDo in Spiel 3

Die Teamleader (hier Langnaus Topscorer Chris DiDomenico) waren punktgenau zum wichtigsten Zeitpunkt der Saison in Topform.

 

Wo liegt die finanzielle Schmerzgrenze?

Ein Vertrag ist immer eine übereinstimmende Willensäusserung von mehreren (mindestens zwei) Parteien. Klar ist, dass es dafür nicht nur die Zustimmung der einen, sondern auch der andern Seite braucht. Und klar ist ebenfalls, dass Verträge im Sport (wie viele andere auch) einen finanziellen Aspekt haben. Die Beträge, die in den Verträgen zwischen den SCL Tigers und Bengt-Ake Gustafsson bzw. Peter Andersson stehen würden, müssen für beide Parteien stimmen. Falls die Minimumforderungen von Gustafsson / Andersson höher sind als die oberste Limite der SCL Tigers, wird es wohl oder übel zu keiner Verlängerung kommen. Doch wie hoch sollten die Tiger ihre oberste Limite setzen? Eine ebenfalls wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche weitere Zusammenarbeit ist auch die Wertschätzung für die bisher geleistete Arbeit. Bengt-Ake Gustafsson und Peter Andersson haben in dieser Saison 2014/15 alles richtig gemacht. Der Erfolg gibt ihnen recht. Doch irgendwie scheint es, als hätten zumindest einige in Langnau das Gefühl, es wäre doch noch ein bisschen besser gegangen.

 

Vielleicht hätte man doch die 17 Niederlagen dieser Saison vermeiden sollen... Doch Ironie beiseite: Überall, wo man Bengt-Ake Gustafsson genügend Zeit liess, arbeitete er erfolgreich. In Langnau könnte die Arbeit der beiden Schweden mit dem Aufstieg in die NLA erst richtig begonnen haben.

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