Watson, Klaus Zaugg

Wenn ein Trainer für den Präsidenten zu gross wird

Silberschmied Simpson geht. Sean Simpson verlängert seinen Ende Saison auslaufenden Vertrag bei der Nationalmannschaft nicht. Der Trainer des Jahres 2013 geht. Wie hat es nur soweit kommen können?

Presse •

 

Kontinuität war eine der wichtigsten Voraussetzungen beim Aufstieg der Schweiz zur Weltspitze. Ralph Krueger führte die Nationalmannschaft ab der WM 1998 bis zum olympischen Turnier 2010 in Vancouver. Seither führt Sean Simpson das Team. Einmal erreichte er die WM-Viertelfinals (2010/0:1 gegen Deutschland). Zweimal blieb er bereits in den Gruppenspielen hängen (2011 und 2012). Einmal erreichte er den WM-Final (2013) und wurde Trainer des Jahres. Zuletzt schied er mit dem Nationalteam beim olympischen Turnier in Sotschi im Achtelfinale (1:3 Lettland) aus. Vertragsverlängerung schien sicher Noch im letzten Herbst schien alles in bester Ordnung. Beide Seiten hatten sich mündlich auf eine Verlängerung des auslaufenden Vertrages um vier Jahre bis und mit der Olympiasaison 2018 im grossen und ganzen geeinigt. Aber dann scheiterten die Verhandlungen schliesslich doch noch an Details. Bereits in Sotschi hatte Sean Simpson entnervt durchblicken lassen, dass er den Vertrag wohl nicht verlängern wird. Genau das ist nun passiert.

 

Wer sich auf die Suche nach den Gründen macht, wird bald einmal fündig. Sean Simpson ist, wie alle grossen Hockeytrainer, eine starke, eigenwillige und nicht einfach zu führende Persönlichkeit. Mit einem der erfolgreichsten Trainer des internationalen Hockeys kann man nicht gleich umspringen wie mit dem Büropersonal. Könnte man das, wäre er kein grosser Trainer.

 

Simpson ist für den Verband zu gross geworden

Wer charismatisches Führungspersonal wie Sean Simpson beschäftigt, muss akzeptieren können, dass dieser Trainer grösser und wichtiger ist als der Präsident, der Vizepräsident, der CEO oder der Direktor – oder ihm wenigstens dieses Gefühl geben. Das war auch bei Ralph Krueger so. Er war noch schwieriger zu führen und in eine Verbandsorganisation zu integrieren als Sean Simpson.Um es salopp zu sagen: Sean Simpson ist für unseren Verband zu gross geworden. Um es bösartig zu sagen: Unter Präsident Marc Furrer, dem ehemaligen Direktor des Bundesamtes für Kommunikation, und Sportdirektor Ueli Schwarz, einem ehemaligen Gewerbeschullehrer, ist aus dem Verband in gewisser Weise ein Bundesamt für Hockeywesen geworden. Mit Sean Simpson sind nach der Silber-WM weder Präsident Marc Furrer, noch sein Vize Pius-David Kuonen, noch Verbands-CEO Florian Kohler noch Verbandsdirektor Ueli Schwarz noch Nationalmannschaftsdirektor Peter Lüthi klar gekommen. Daran ändert das nach aussen inszenierte beste Einvernehmen nichts.

 

Das Klima ist immer frostiger geworden

Nach der wundersamen Silber-WM 2013 genoss die Verbandsführung richtigerweise «silberne Immunität.» Kritik gehörte sich nicht. Als die Verhandlungen mit Sean Simpson zu stocken begannen, zeigte sich mehr und mehr, dass Marc Furrer und seiner Entourage die Sensibilität und auch die Gelassenheit und Selbstironie für diese heikle Aufgabe fehlen. Zumal sich Sean Simpson immer wieder durch den Spieleragenten Daniel Giger, einem ehemaligen Spieler aus Simpsons Zuger Zeiten, vertreten liess – auch Giger ist eine eigenwillige Persönlichkeit. Nach der Silber-WM 2013 haben sich Sean Simpson und die Verbands-Generäle auseinandergelebt. Das Klima ist intern immer frostiger geworden und während des olympischen Turniers in Sotschi fühlte sich der Nationaltrainer oft recht einsam. 

 

Nach einem WM- oder Olympiaturnier ist es seit Menschengedenken üblich, dass sich der Trainer am nächsten Tag, wenn die Emotionen überschlafen sind, den Medien zur Verfügung stellt. In Sotschi aber isolierte die Delegationsleitung den Nationaltrainer nach dem Ausscheiden gegen Lettland und liess verkünden, Medienkontakte seien nicht mehr möglich. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar: Die Zeit von Sean Simpson als Nationaltrainer wird bald zu Ende gehen. Am Sonntag hat Sean Simpson nun im kleinen Kreis bestätigt, dass er den auslaufenden Vertrag nicht mehr verlängert.

 

Beunruhigend ist die Art und Weise

Nationaltrainer kommen und gehen, unser Nationalteam bleibt bestehen. So gesehen könnten wir eigentlich getrost zur Tagesordnung übergehen. Wir haben eine der besten Ligen ausserhalb der NHL. Unser Eishockey ist international konkurrenzfähig und die Nationalmannschaft kann auch unter einem anderen Trainer als Sean Simpson erfolgreich sein. Aber es gibt eben auch eine andere Sicht der Dinge: Nicht das Scheitern der Verhandlungen mit Sean Simpson ist beunruhigend. Sondern die Art und Weise wie Verbandspräsident Marc Furrer und seine Entourage die «Causa Simpson» gemanagt haben. Bereits der Zeitpunkt der Scheidung ist unglücklich gewählt. Zwar hat auch Ralph Krueger nach Vancouver 2010 sein Amt vorzeitig niedergelegt. Aber damals war die Nachfolge bereits im Detail geregelt. Sean Simpson musste einfach früher als geplant die Nationalmannschaft bereits für die WM 2010 übernehmen. Wie wir es auch drehen und wenden: Die WM 2014, die Verteidigung der Silbermedaille ist unter den gegebenen Umständen erschwert. Die Kontinuität wie wir sie seit 1998 kennen, gibt es so nicht mehr.

 

Die Schweiz ist eine grosse Hockeynation geworden. Aber noch ist unsere Position nicht gefestigt. Nach wie vor ist bei einem Titelturnier zwischen Triumph (Silber-WM 2013) und Enttäuschung (Scheitern im olympischen Achtelsfinal) alles möglich. Grosse Erfolge wie das WM-Finale 2013 sind nur möglich und wiederholbar, wenn alles stimmt.

Und damit sind wir beim Problem: Es stimmt nicht mehr alles rund um die Nationalmannschaft. Führungsschwäche, Kompetenzgerangel und Eitelkeiten in den Verbandsbüros gefährden inzwischen den Erfolg. Unabhängig davon, wer als Coach an der Bande steht. Sean Simpson hat gespürt, dass es unter diesen Umständen für ihn besser ist, zu gehen. Das ist beunruhigend.

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