Auf dem richtigen Weg

Wenn Weltklasse Wirkung zeigt

Die klare 2:5 – Niederlage vom 11. Oktober gegen den EHC Olten brachte Tiger-Coach Bengt-Ake Gustafsson unter Druck. Völlig zu Unrecht, wie nicht nur die zuletzt erzielten Resultate aufzeigen. Die 1. Mannschaft der SCL Tigers entwickelt sich prächtig. Eine Analyse:

Blog • • von Bruno Wüthrich

 

Bengt-Ake Gustafsson

Bringt die SCL Tigers systematisch vorwärts: Bengt-Ake Gustafsson, zweifacher Weltmeister als Spieler (1987 + 1991), 647 Spiele in der NHL (201 Tore, 369 Assists), Weltmeister und Olympiasieger als Coach der schwedischen Nationalmannschaft (beides 2006) und Bronzemedaillengewinner WM 2010, Schwedischer Meister mit Färjestad BK (2002). Bild: Peter Eggimann.

 

von Bruno Wüthrich - Fans beeinflussen Journalisten, und Journalisten beeinflussen Fans. Wer jeweils am Anfang einer Meinung steht, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Verwaltungsräte lassen sich sowohl durch Fans als auch durch Journalisten beeinflussen. So ungefähr lässt sich die Meinungsmache nicht nur rund um die SCL Tigers beschreiben. Manchmal – auch da nicht nur in Langnau - sind es gar indiskrete Verwaltungsräte, die Journalisten ein Statement geben, welches nicht für die Öffentlichkeit bestimmt wäre. Selbstverständlich sind vor allem seriöse Journalisten gewillt, sich an gegebene Versprechen zu halten, und schreiben nichts in ihren Zeitungen. Doch wie oft unschwer zu erkennen ist, haben auch Journalisten eine eigene Meinung. Wie viele andere Menschen diskutieren Chronisten gerne über ihr Lieblingsthema Sport, vorzugsweise über Sportler und Teams, die sie verehren. Doch irgendwann, in irgendeiner Diskussion, in der sie argumentatorisch unter Druck geraten, können sie nicht mehr anders: Um ihre Meinung zu untermauern, müssen sie erzählen, was ihnen Verwaltungsrat X im Vertrauen verklickert hat. Dann wissen es auch die andern Journalisten. Also diejenigen, die kein Versprechen abgegeben haben. Was lehrt uns dies: Journalisten und Verwaltungsräte sind Menschen wie wir alle. Menschen mit Stärken und Schwächen. Menschen mit Meinungen und Irrtümern. Und mit einem grossen Mitteilungsbedürfnis!

 

Bengt-Ake Gustafsson war also nach der 2:5 Niederlage gegen Olten unter Druck. Denn er hatte mit seinem Team bereits gegen den EHC Visp mit 3:6 verloren. Zwar sind diese beiden Niederlagen bis heute die einzigen zwei Spiele, in welchen die SCL Tigers keine Punkte gewannen. Doch es waren eben Niederlagen gegen die stärksten Gegner, die es zu schlagen gilt, wenn im Emmental wieder NLA-Eishockey gespielt werden soll. Schwer wog auch die 4:5 – Niederlage nach einer 4:1 – Führung in Langenthal. Das Team könne unter Gustafsson gegen grosse Gegner nicht gewinnen, wurde moniert. Schwedisches Eishockey passe nicht nach Langnau. Der Schwede sei an der Bande viel zu emotionslos. Ein feuriger Kanadier wäre besser, war die Meinung vieler. Ein Journalist meinte in einem im Internet veröffentlichten Artikel, Langnau sei eine Wohlfühloase für die Spieler und die Verantwortlichen sollten jetzt noch bis Weihnachten mit dem schwedischen Coaching-Duo weiter fahren, und danach den bei Gottéron entlassenen Hans Kossmann engagieren. Besagter Schreiber mag mit der Analyse «Wohlfühloase» recht haben. Doch ob das, was Langnau zur Oase macht, auf dem Eis stattfindet, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Für die Löhne und die Vergünstigungen neben dem Eis ist nicht der Coach zuständig. Diese würden auch unter Kossmann nicht ändern (womit wir unter keinen Umständen gesagt haben wollen, dass Hans Kossmann ein schlechter Coach sei). Reklamiert wurde ausserdem, die Nachwuchskräfte (insbesondere der erst 17-jährige Fabian Haberstich) würden zu wenig gefördert. Zu hören war gar die absurde Meinung, Sportchef Jörg Reber müsse dem Coach befehlen, wen er aufzustellen habe. Am besten stellt man wohl gleich den Sportchef an die Bande. Ein Headcoach, der sich die Aufstellung befehlen liesse, wäre in seiner Funktion sowieso am falschen Platz. Zudem lässt sich der Vorwurf, die Nachwuchskräfte nicht zu bringen, problemlos widerlegen. In der NLB hat keine andere vierte Linie so viel Eiszeit wie bei den SCL Tigers. Silvan Wyss (21), Yannick-Lennart Albrecht (20) und Remo Schlapbach (22), Tom Gerber (21), Miro Zryd (19) und Simon Sterchi (20) gehören bestimmt noch nicht zu den alten Knochen. Sie alle kommen zu regelmässigen Einsätzen und können sich somit weiter entwickeln. Einige von ihnen (Gerber, Sterchi, Albrecht) wurden wegen den vielen verletzungsbedingten Ausfällen zuletzt auch in der zweiten und dritten Formation eingesetzt. Auch Fabian Haberstich hat seine Feuertaufe in der ersten Mannschaft hinter sich. Im Cup gegen Wiki liess er sich sogar als Torschütze feiern und gefiel auch bei seinen bisherigen Einsätzen in der Meisterschaft.

 

Stetige Entwicklung sichtbar

Die Langnauer starteten – gemessen an ihren Ansprüchen – lediglich mittelmässig in die Saison 2014/15. Die sogenannten Pflichtaufgaben wurden mit einer Ausnahme alle erfüllt. Doch Stricke wurden dabei keine zerrissen. Schwächen waren insbesondere im Überzahlspiel und – gegen starke Gegner - im mentalen Bereich auszumachen. In der Defensive schlichen sich zu viele Fehler ein und im Angriff agierte die Mannschaft zu verspielt, suchte zu selten den direkten Weg aufs Tor. Zu viele Spieler scheuten zudem den Körperkontakt. Die Mannschaft war zu weich. Trotzdem war die Klassierung gut. Langnau war in den vordersten Tabellenrängen anzutreffen. Potential nach oben war ebenso erkennbar wie die Entwicklung. Seit Beginn dieser Saison spielen die Langnauer das mit Abstand stärkste Boxplay der Liga. Die Vorteile im läuferischen Bereich waren ebenfalls offensichtlich. Auch war ein klares defensives Konzept erkennbar. Die Fehlerquote war jedoch damals noch zu hoch, lediglich in Unterzahl gab es kaum Fehler. Doch die defensive Sicherheit stieg mit jedem Spiel. Davon zeugt auch die Anzahl der kassierten Gegentreffer. Keine andere Mannschaft hat weniger Tore zugelassen. Ganz anders das Powerplay. Dieses sah zwar schön aus, wenn sich die Tiger einmal im gegnerischen Drittel installieren konnte, führte aber fast nie zum Erfolg. Doch wer genau hinschaute, konnte auch zum Schluss kommen, dass da eine gefährliche Waffe heran wachsen könnte. Die Frage war lediglich, ob das Geübte nicht zu kompliziert sein würde. Nach zehn Spielen waren die Langnauer in Überzahl nur die Nr. 8 der Liga. Völlig ungenügend für einen Aufstiegsaspiranten. Doch die letzten Partien zeigen eindeutig: Die SCL Tigers verfügen mittlerweile über das effektivste Powerplay der Liga. Es ist so effektiv geworden, dass es nicht nötig ist, nur die letzten sechs Spiele zu zählen, um die Nr. 1 zu sein. Wir dürfen getrost sämtliche 16 Partien zählen. Dass die Emmentaler mittlerweile auch am meisten Tore erzielten, ist schon fast selbstredend. Mittlerweile haben die SCL Tigers sämtliche Gegner mindestens einmal geschlagen. 

 

Bengt-Ake Gustafsson wurde nicht nur wegen «ungefähr» oder nur durch Glück als Coach sowohl Weltmeister als auch Olympiasieger. Und er wurde auch nicht nur einfach so schwedischer Meister. Er wurde es, weil er ein Weltklasse-Coach ist, der aber vor allem bei Mannschaften, die nicht über Welklasse-Format verfügen, jeweils genügend Zeit benötigt, um seine Ideen einzuüben. In Schweden hatte er auf Klubebene und mit der Nationalmannschaft jeweils sofort Erfolg. Doch bei seinen letzten drei Arbeitgebern hätte er mehr Zeit benötigt, erhielt diese jedoch nicht. In Langnau zeigt «Gus», dass er nicht nur mit Weltklassespielern an Weltmeisterschaften und Olympiaden Erfolg haben kann, sondern auch ein paar Stufen tiefer in der schweizerischen NLB, wenn die nötige Zeit zur Verfügung steht. Wobei er – um dies endgültig zu beweisen – das letzte Spiel der Saison gewinnen muss. Am besten bereits in dieser, spätestens aber in der nächsten Saison.

 

Beinahe hätte jedoch der Schwede auch in Langnau die benötigte Zeit nicht erhalten. Wenn man das, was von intern (aus dem Verwaltungsrat) - wie zu Beginn angesprochen – nach draussen gedrungen ist, entsprechend interpretiert, so stand Gustafsson in Langnau kurz vor dem Aus. Welch ein Frevel da dem sportlich nicht sonderlich kompetenten Verwaltungsrat unterlaufen wäre, wollen wir uns lieber nicht ausmalen. Malen wir uns lieber aus, was «Gus» mit dieser Mannschaft eventuell erreichen wird. Denn eines ist klar: Entscheidend für den Aufstieg ist nicht, was die Mannschaft jetzt kann. Entscheidend wird sein, in welcher Verfassung sich dieses Team im Frühjahr präsentieren wird, und falls es gar für die Ligaqualifikation reichen sollte, wird auch viel von der Verfassung des Gegners abhängig sein. Doch momentan ist Gustafsson mit seinen Mannen auf einem guten Weg. Auf einem sehr guten Weg sogar.

 

Die Aura des Weltmeisters und Olympiasiegers entfaltet im Emmental seine Wirkung!

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