Wir dürfen unsere Jungen nicht verheizen

Blog • • von Bruno

 

SCL Tigers – Geschäftsführer Ruedi Zesiger im grossen FANTIGER-Interview

 

In der Printausgabe Nr.  125 bringt FANTIGER eine Analyse des Zustandes der SCL Tigers von aussen betrachtet. Im grossen FANTIGER-Interview bietet Geschäftsführer Ruedi Zesiger nun eine Ansicht von innen. Er spricht dabei über das allfällige Engagement von Paul diPietro, den Zustand der SCL Tigers und über die nötigen Massnahmen, um aus dieser Situation heraus zu kommen.SEPARATOR

 

 

FANTIGER: Sie vermeldeten die Verpflichtung von Paul diPietro. Paul war im vergangenen Sommer auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber in der NLA. War er auch in Langnau ein Thema?

 

Ruedi Zesiger: Nein, vor der Saison hatten wir keinen Kontakt. es wäre auch zum jetzigen Zeitpunkt falsch, von einem Transfer zu sprechen. Paul diPietro trainiert mit uns und wir testen ihn. Derzeit ist völlig offen, ob und wie wir ihn weiter beschäftigen.

 

FANTIGER: Also ist noch nicht sicher, ob Paul diPietro für die SCL Tigers zum Einsatz kommen wird?

 

Ruedi Zesiger: Dies ist offen. Wir brauchen aber in der gegenwärtigen Situationen einen Impuls für das Team. Jemand, der auch in der Kabine etwas bewirken kann.

 

FANTIGER: Weshalb Paul diPietro?

 

Ruedi Zesiger: Wir suchten nach einem Spieler mit Schweizer Lizenz, der uns in der gegenwärtigen Situation weiter helfen kann, und der verfügbar ist. Da gibt es nicht viele. Dass wir auf Paul kamen, war Zufall. Wir hatten letzte Woche Kontakt mit Sierre wegen Stefan Flückiger (wurde inzwischen nach Langenthal transferiert), der in Olten nicht glücklich ist und nur wenig Eiszeit erhält. In diesem Zusammenhang fragte ich nach diPietro.

 

FANTIGER: DiPietro ist ein Leader...

 

Ruedi Zesiger: Genau! Und Paul diPietro ist fit und hat immer gespielt. Zudem ist er ein Spieler mit einem grossen Charisma. Das Gesamtpaket Paul diPietro ist für uns sehr interessant. Mit all unsern verletzten Spielern und in Anbetracht der gegenwärtigen Niederlagenserie brauchen wir einen Spieler, wie es Paul sein kann.

 

FANTIGER: Kann es sein, dass Paul diPietro ein Jahr zu spät den EVZ verlassen hat? Es ist doch zu vermuten, dass Paul, hätte er vor einem Jahr innerhalb der NLA zu einem Team aus der hinteren Tabellenhälfte gewechselt, vermutlich noch lange nicht in der NLB gelandet wäre.

 

Ruedi Zesiger: Das ist schwer zu sagen. Vermutlich hat Paul wegen seines Alters in der NLA kein Engagement in der NLA gefunden, obwohl er ein Spieler ist, der noch in der höchsten Klasse spielen könnte. In Sierre landete er, weil die Walliser ihm einen Dreijahresvetrag anboten, der ihm auch eine Sicherheit gibt. Wir planen deshalb nicht, Paul definitiv von Sierre zu übernehmen. Er wird nach seinem Engagement bei uns dorthin zurück kehren und seinen Vertrag erfüllen können.

 

FANTIGER: Kommen wir zu der gegenwärtigen Situation der SCL Tigers. Wie lautet Ihr Urteil?

 

Ruedi Zesiger: Die Situation, in der wir uns befinden, hat sich niemand gewünscht. Wir befinden uns in einer Negativspirale, in welcher wir die Spiele aus unterschiedlichen Gründen, und unabhängig davon, ob wir gut oder schlecht spielen, verlieren. Beim mit 0:2 verlorenen Spiel in Fribourg zeigten wir beispielsweise eine sehr gute Leistung und wir scheiterten lediglich beim Verwerten der Chancen. Nur ein paar Tage später gegen Genf wollte uns gar nichts gelingen. Wir brauchen unbedingt Siege, um daraus wieder heraus zu kommen.

 

FANTIGER: Wie ist eine derartige Krise zu bewältigen?

 

Ruedi Zesiger: Es ist klar, dass bei einer derartigen Niederlagenserie von Krise gesprochen wird. Intern sprechen wir jedoch nicht von Krise, und wir denken auch nicht, dass es eine ist. Eine Krise wäre es, wenn bei uns alles in Frage gestellt wäre. Dies ist jedoch nicht der Fall. Neben dem Eis arbeiten wir weiter wie geplant. Es finden sogar Sponsorenanlässe statt. Wir haben keinen Grund uns zu verstecken. Wir stellen uns unsern Sponsoren, tauschen uns aus, und erklären, wie wir die Situation meistern wollen.

 

FANTIGER: Es fällt auf, dass viele Spieler ihrer Form seit längerer Zeit hinterher laufen. Unter ihnen die Neuzuzüge und die Ausländer.

 

Ruedi Zesiger: Wir dürfen nicht pauschalisieren, und ich wehre mich dagegen, die Schuld einzelnen Spielern zuzuschieben. In Fribourg hat das ganze Team gut gespielt, und gegen Genf lief es dem ganzen Team nicht. Mal fehlt es vorne, mal hinten. Selbstverständlich erwarteten wir, dass uns die Neuzuzüge stärker machen und konstatieren nun, dass dies derzeit nicht der Fall ist. Aber das Gros der Mannschaft besteht aus Spielern, welche in der letzten, grossartigen Saison bereits dabei waren, und ihre Form des letzten Jahres ebenfalls nicht abrufen können.

 

FANTIGER: Torhüter Robert Esche zeigte in mehreren Spielen, was er kann, und er begann die Saison stark. Aber seine schwache Phase über mehrere Spiele verunsicherte das Team sichtbar, und mir scheint, als würde die Mannschaft jetzt, wo Esche wieder seine normale Fangquote erreicht, nicht mehr zu der notwendigen Sicherheit zurück finden. Liegt dies an der Unerfahrenheit des Teams, dass es diese Unsicherheit nicht bewältigen und nicht wieder zum Erfolg zurück finden kann?

 

Ruedi Zesiger: Dies ist schwierig zu sagen. Ich teile Ihre Einschätzung mit der schwächeren Phase unseres Torhüters. Aber die Mannschaft hat kein Problem mit Robert Esche, denn sonst hätte man dies gesehen, als wir Urban Leimbacher einsetzten. Es wäre auch nicht gut, unsere Probleme auf den Torhüter abwälzen zu wollen, denn dies nähme die Spieler aus der Verantwortung. Ich stelle jedoch fest, dass inzwischen die Angst vor dem Versagen unser Team zu lähmen scheint. Wer sich fürchtet, einen Fehler zu begehen, ist tendenziell viel anfälliger auf Fehler, als jemand, der frisch drauflos agiert. Die Angst vor dem Fehler zieht die Fehler regelrecht an. Wer Angst hat vor der Niederlage, verliert! Im letzten Jahr existierten solche Ängste nicht. Defensive Fehler machen übrigens nicht nur die Verteidiger. Dies fängt bereits bei den Stürmern an.

 

FANTIGER: Dem Team gelingt es nicht mehr, nach einem Rückstand das Spiel noch zu kehren und das Spiel zu gewinnen. Liegt die Mannschaft mal in Rückstand, ist das Spiel verloren.

 

Ruedi Zesiger: Das stimmt! Genau darin lag in der letzten Saison unsere Stärke. Daran erkennen wir, dass sich sehr vieles im Kopf abspielt. Ein eindrückliches Beispiel für die zwei Gesichter dieser Mannschaft sahen wir im Spiel gegen den HC Lugano, als wir die Partie nach einem 0:3 Rückstand fast noch kehrten. In dieser Phase änderte sich alles. Die Körpersprache des ganzen Teams war plötzlich anders. Wir waren besser als Lugano. Als uns dann beim Stande von 2:3 bei fast zweiminütiger doppelter Überzahl kein Tor gelang, war die Luft wieder draussen, und nach dem 2:4 das Spiel verloren. Dies zeigt uns, wie schmal der Grat ist, auf dem wir gehen müssen. Und es zeigt, dass wir derzeit nicht in der Lage sind, auf diesem Grat zu gehen. Wir werden jedoch der Situation nicht gerecht, wenn wir nur erklären. Wir müssen aus dieser Situation heraus finden. Wir sind ein Profi-Sport-Betrieb, und dies ist unsere Aufgabe.

 

FANTIGER: Ist es möglich, dass sich die Chemie der Mannschaft gegenüber der letzten Saison veränderte. Ich gebe zwei Beispiele, wieso dies geschehen sein könnte. Wenn Spieler gehen und neue kommen, kann dies die Chemie verändern. Zudem hatten die SCL Tigers letzte Saison eine «Desperado-Mentalität». Das Gros der Mannschaft bestand aus Spielern, die um ihre letzte Chance spielten. Nach der Playoff-Qualifikation sind dies aber keine Desperados mehr, sondern Spieler, die auf dem Markt wieder begehrter sind, und die jetzt auch in Langnau zu höheren Löhnen spielen. Könnte es sein, dass dieser Umstand etwas unterschätzt wurde?

 

Ruedi Zesiger: Das kann sein. Der Begriff «Desperado-Mentalität» trifft auf das letztjährige Team voll zu. Die Chemie der aktuellen Mannschaft ist jedoch gut. Auch der Grad der Selbstkritik ist sehr gut. Es gibt niemand, der von sich denkt, er sei gut und nur die andern seien schlecht. Aber wir haben Mühe, mit unseren eigenen, gestiegenen Erwartungen an uns selbst umzugehen. Nach den vernichtenden Vorsaisonprognosen im letzten Jahr konnten wir völlig unbelastet antreten. Jeder dachte sich: «Denen zeigen wir es!» Die Erfolge stellten sich ein, es war geil, und wir begannen zu fliegen. Die Erwartungen vor der aktuellen Spielzeit waren ganz andere. Sowohl von aussen, wie auch diejenigen, die wir selbst in uns hatten. Wir alle erwarteten einen weiteren Schritt nach vorne. Niemand dachte an die Möglichkeit der Playouts. Aber als sich die Siege nicht wie gewünscht einstellten, begann unser Selbstvertrauen zu bröckeln und plötzlich waren wir da, wo wir jetzt sind. Plötzlich mussten wir uns daran aufzurichten versuchen, dass wir ein Drittel gewonnen hatten, oder an Momenten, in welchen wir gut spielten. Aber alles war mit der nächsten Niederlage wieder Makulatur. Da gibt es nur eines: Reset! Neuanfang! Vergessen, was bisher war und Konzentration auf das nächste Spiel.

 

FANTIGER: Fehlen Coach John Fust die Alternativen, um die Situation in den Griff zu bekommen. Das Kader der SCL Tigers ist deutlich schmaler als in der letzten Saison, und im Vergleich zum letzten Jahr sieht sich Fust mit Verletzungspech konfrontiert. Sparten Sie am falschen Ort?

 

Ruedi Zesiger: In der letzten Saison war die Situation im Kader komfortabler. Dies hatte den positiven Effekt, dass bei den Stammspielern immer ein gewisser Druck herrschte, weil Alternativen vorhanden waren. Es gab jedoch auch Spieler wie Roman Schild oder Aurelio Lemm, die sich dies nicht eine weitere Saison antun wollten, und die uns deswegen verliessen. Wir entschlossen uns deshalb, diesmal mit einem schmaleren Kader zu fahren, und notfalls dem einen oder andern jungen Spieler eine Chance zu geben. Grund dafür waren auch finanzielle Aspekte. Hat man bei einem schmalen Kader Verletzungspech, geht sofort Substanz verloren.

 

FANTIGER: Im eigenen Nachwuchs fehlen derzeit die Alternativen?

 

Ruedi Zesiger: Dass im Nachwuchs gute Arbeit geleistet wird, zeigt die Tatsache, dass wir Alban Rexha ins Team einbauen konnten. Andere Nachwuchsspieler benötigen mehr Zeit und Spielpraxis in der NLB. Diese Spieler in der aktuellen Situation in das Team einbauen zu wollen würde bedeuten, sie komplett zu verheizen. Dies wäre völlig anders, wenn es der Mannschaft gut laufen würde. Dann könnten die jungen Spieler einfach mit fliegen, wie dies bei den Kloten Flyers der Fall ist. Die Klotener haben genügend Substanz, um Spiele trotz des Einsatzes von mehreren Junioren zu gewinnen. Aber Nachwuchsspieler zu nehmen, um – wie in Langnau zum Teil gefordert – arrivierte Kräfte mal auf die Tribüne zu verbannen, hiesse, diese Junioren in eine Rolle zu drängen, welche sie noch gar nicht in der Lage sind auszufüllen. Unsere aktuelle Situation bietet den jungen Spielern denkbar schlechte Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung. Hier haben wir eine Verantwortung!

 

FANTIGER: Zumal die Verbannung eines arrivierten Spielers auf die Tribüne ungeahnte Folgen haben kann. Man denke nur an die Veränderungen in der Hierarchie innerhalb des Teams. Einen Leader auf die Tribüne zu verbannen und danach vom Team zu verlangen, dass es den gleichen Spieler immer noch als Leader akzeptiert, scheint mir etwas gewagt.

 

Ruedi Zesiger: Das ist so. Ich verstehe jedoch die Unzufriedenheit unserer Fans und Zuschauer. Da ist es normal, dass solche Vorschläge kommen.

 

FANTIGER: John Fust ist als Coach zum ersten Mal in seiner Laufbahn in einer derart schwierigen Situation. Zudem verfügt er, wie wir gesehen haben, kaum über personelle Alternativen. Wie wird Fust in dieser Lage intern unterstützt?

 

Ruedi Zesiger: Dies ist ein sehr wichtiger Punkt. Wir sind ständig im Gespräch mit John Fust. Wir analysieren die Situation und suchen nach Lösungen. Aber der Austausch findet nicht nur auf fachlicher Ebene statt. Wir sprechen auch viel von Mensch zu Mensch. Wir stellen sicher, dass Fust und sein Assistent Alex Reinhard auf allen Stufen ihre Ansprechpartner finden. Selbst auf der Ebene Verwaltungsrat.

 

FANTIGER: Wie sieht es mit weiteren Zuzügen bei den SCL Tigers aus? Kommt auch ein neuer Ausländer?

 

Ruedi Zesiger: Wir sind bereits seit einiger Zeit am Evaluieren. Unser Ziel ist es, im Januar einen 5. Ausländer zu verpflichten, damit wir eingespielte Alternativen zur Verfügung haben hinsichtlich Playoffs oder Playouts. Der Markt ist jedoch ziemlich ausgetrocknet, und es ist eine Herausforderung, einen Spieler zu finden, der uns a) weiter bringt, und b) für uns bezahlbar ist. Wir wollen keinen B-Ausländer. Ursprünglich war Mark Popovic als 5. Ausländer gedacht. Er hat sich bewährt und wir haben ihn bis zum Saisonende verpflichtet. Dass wir Joel Perrault an Ambri abtraten, hat mit der Verpflichtung von Popovic nichts zu tun.

 

FANTIGER: Gehe ich recht in der Annahme, dass deshalb der bei den Lakers aussortierte Mark Hartigan kein Thema war.

 

Ruedi Zesiger: Nein. Ich glaube nicht, dass uns Mark Hartigan weiter bringen kann. Ich kenne ihn nicht. Aber er sass zuletzt beim Tabellenletzten mehrheitlich auf der Tribüne. Wie soll er so die notwendigen positiven Impacts in unser Team bringen. Wir brauchen eine echte Alternative, und nicht einfach einen Spieler, den wir einsetzen, wenn ein anderer verletzt ist. Der Coach sollte entscheiden können, heute spielen wir mit drei Stürmern und mit Urban Leimbacher im Tor.

 

FANTIGER: Die Lakers sind aber ein Beispiel, dass sich Geduld auch in schwierigen Situationen auszahlen kann.

 

Ruedi Zesiger: Das stimmt. Andere Klubs hätten den Coach längst entlassen. Die Lakers haben ihr Team ebenfalls ergänzt, dabei aber am Coach festgehalten. Jetzt fliegen sie. Dies zeigt uns, dass auch wir besonnen vorgehen müssen und uns nicht zu irgendwelchen überstürzten Aktionen hinreissen lassen sollten.

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