Einfach Simu:

Simon Schenk - Rebell, Visionär, Brückenbauer oder ganz einfach ein «Mann mit Speuz»

Das Schweizer Eishockey hat mit Simon Schenk (73) die wichtigste Persönlichkeit der letzten 50 Jahr verloren. Er war die schlitzohrige Hockey-Antwort auf Adolf Ogi.

News • • von Klaus Zaugg

Der Langnauer hat in den letzten 50 Jahren im Eishockey auf allen Positionen Grosses geleistet. Er begann seine Karriere 1964 in der zweiten Mannschaft der Langnauer unter falschem Namen, weil ihm der Direktor des Lehrerseminars das Hockey verboten hatte. Er war Leitwolf, Wortführer und Hitzkopf in Langnaus erstem und bisher einzigen Meisterteam (1976). Oder wie die Emmentaler sagen: ein «Mann mit Speuz». Ein schlauer, bissiger, produktiver Flügel (334 NLA-Partien/30 Länderspiele). Ein bisschen einer wie Chris DiDomenico. Provokationen, Schlägereien, Schiedsrichterbeleidigungen und Restausschlüsse inklusive. Er war als Spieler und Nationaltrainer WM-Teilnehmer, führte als Nationalcoach die Schweiz zweimal in die A-Gruppe zurück (1986, 1990) und ermöglichte als Geschäftsführer und Trainer dem SC Langnau die Rückkehr aus der höchsten Amateurklasse in die Nationalliga und die Sanierung (1991 und 1995). Und schliesslich wurde er als Geschäftsführer und Sportchef der Architekt der ZSC Lions und der GCK Lions (1997 bis 2017).

Noch bevor Willy Bogner seinen Film «Feuer und Eis» drehte, spielten die gleichen Gegensätze im Primarschulhaus zu Konolfingen-Dorf. Der Hitzkopf auf dem Eis mit der Nummer 13 genoss bis zur Aufgabe seiner Lehrertätigkeit in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre vor der schwarzen Schiefertafel die Reputation einer besonnenen Autorität. Keiner kam mit schwierigen Schülern besser zurecht.

Schon da wurde klar, dass sich der Sohn eines Tuchfabrik-Arbeiters in allen möglichen Situationen zurechtzufinden und durchzusetzen vermag. Auf dem Eis. In der Schulstube. Im Amateurhockey. Bei den Profis. An der Bande. Im Managerbüro. Im TV-Studio. Im nationalen Parlament. Nach seinem Motto: «Mach mit däm wot hesch, dert wot bisch, das wot chaisch».

Der Vater von drei Kindern hatte die harte Schale, die Schlauheit und die Streitbarkeit, die es nun mal braucht, um sich im Sportbusiness zu behaupten. Eigenschaften, die den Emmentalern ja eigen sind. Aber eben auch die Sensibilität, Weltoffenheit und den scharfen Verstand, um Entwicklungen früh, vor den anderen zu erkennen und zu verstehen. Und dazu die Ruhe, die Geduld, die Beharrlichkeit, das diplomatische und kommunikative Geschick, um Allianzen zu schmieden und Veränderungen auf dem Planeten Hockey herbeizuführen.

So gesehen ist er so etwas wie die schlitzohrige Hockey-Antwort auf Adolf Ogi. Bodenständig und modern, immer authentisch, immer «Simu». Einer, der die Bodenhaftung nie verloren hat und der heimischen Scholle stets treu geblieben ist. Seinen Wohnsitz hatte er immer im Bernbiet. Lange Zeit in Trubschachen bei Langnau und zuletzt in Münsingen, auf halbem Weg zwischen Thun und Bern.

Simon Schenks überragende Bedeutung liegt auch darin, dass er ein Brückenbauer zwischen Parteien, Mentalitäten und Epochen war. Im Sport und in der Politik. Er prägte das Eishockey als Spieler, Trainer und Nationaltrainer, als dieser Sport noch kein «Big Business» war. Er gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten, als das grosse Geld ins Eishockey kam. Er führte und sanierte tief in der Provinz des oberen Emmentals als Geschäftsführer den SC Langnau. Aber er ist auch der Architekt der ZSC Lions und baute als Geschäftsführer im grossen Zürich eine meisterliche Organisation auf. Und so wie auch die schwierigen Schüler im Klassenzimmer seine Botschaft verstanden, so brachte er zuletzt als TV-Experte bei «MySports» das Eishockey dem Publikum näher. Er wusste sehr wohl um die Bedeutung der Medien. In den 1970er Jahren war er für die alte «Berner Zeitung» in Langnau einer der ersten Sportkolumnisten überhaupt in unserem Land und kassierte einmal wegen berechtigter Kritik am Verband eine Busse von 1000 Franken.

Keinem anderen ist der Brückenschlag zwischen Tradition und Moderne, Stadt und Land so gut gelungen. Das gilt auch für den Politiker Simon Schenk. An einem nebligen Novemberabend im Jahre 1991 wäre der Automobilist Schenk in der Nähe von Huttwil beinahe im Strassengraben gelandet. Für die ablenkenden Reize hatten die Radionachrichten gesorgt. Er – ursprünglich bloss vierter Ersatzmann – rückte in den Nationalrat nach. Wahrlich eine überraschende Neuigkeit, die er da aus dem Autoradio vernommen hatte. Schliesslich war er in Konolfingen einst auf dem Weg in den lokalen Gemeinderat gescheitert. Später ist er jeweils mit über 60 000 Stimmen mehrmals wieder in den Nationalrat gewählt worden, dem er vom November 1994 bis im Dezember 2001 angehörte. In der SVP baute er die Brücken zwischen Stadt und Land und zwischen dem Geist der Berner, die ja diese Partei 1917 im Bierhübeli zu Bern gegründet hatten und dem blocherschen Geld der Zürcher, das die SVP erst zur wählerstärksten Kraft im Lande gemacht hat.

Wir haben im Eishockey keinen zweiten, keinen nächsten Simon Schenk. Aber auch die SVP hat keinen zweiten, nächsten Simon Schenk gefunden.

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