Berner Zeitung, Philipp Rindlisbacher

Nach der Tortur in der richtigen Spur

In der NLB sind die SCL Tigers der Konkurrenz überlegen. Trotz grossem Verletzungspech sind die Fortschritte gegenüber der Vorsaison frappant – was ein statistischer Vergleich nach 23 Runden untermauert.

Presse •

 

Es geschah an einem Teamevent im Sommer. Einige Langnauer liessen sich freiwillig von einem Destabilisierungsgerät, im Fachjargon Taser genannt, «behandeln». Für kurze Zeit starke Schmerzen auszuhalten, sich abzuhärten – dies war die Idee hinter der Aktion mit den Elektroschocks. Die Wirkung scheint sie nicht verfehlt zu haben.

 

Die SCL Tigers, welche in den letzten Jahren als etwas genügsame und überhebliche Equipe gegolten hatten, sind siegeshungriger, bissiger, robuster geworden.  Der Konkurrenz in der NLB sind sie enteilt; nach halbem Qualifikationspensum führen sie die Tabelle mit 17 Zählern Reserve an, ein Nachtragsspiel steht gar noch aus.

 

Dortmund als Beispiel

Die relevanten Statistiken verdeutlichen die Fortschritte der Emmentaler. In der vergangenen Saison belegten sie zum selben Zeitpunkt zwar immerhin den 2.Rang; die Punkteausbeute aber war deutlich geringer, das Torverhältnis signifikant schlechter (siehe Grafik). Agieren die Tigers in Überzahl, spielen sie effizienter, in Unterzahl lassen sie kaum etwas zu (erst 7 Gegentreffer). Nicht zuletzt des starken Boxplays wegen ist die Lage des Leaders derart komfortabel.

 

Einen Leistungssprung in diesem Ausmass hatten in Langnau längst nicht alle erwartet. Gelegentlich gebe der Sport Rätsel auf, sagt Stürmer Claudio Moggi. «Manchmal weiss man nicht wirklich, warum es läuft respektive warum etwas nicht funktioniert. Fragen Sie in Dortmund nach – dort wird kaum einer eine Erklärung dafür haben,  weshalb das Team in der Bundesliga auf dem letzten Platz steht.»

 

Auf dem Papier sei die Tigers-Mannschaft kaum stärker besetzt als im letzten Jahr, «zudem haben wir seit Wochen riesiges Verletzungspech». In der Tat haben bis dato im Schnitt fast sechs Profis pro Partie gefehlt. Moggi erwähnt, dass die Equipe mittlerweile besser mit der Spielweise in der NLB zurechtkomme. «Wir sind selbstsicherer geworden.» Derweil streicht Coach Bengt-Ake Gustafsson die verbesserte Einstellung hervor. «Das Team spielt weniger nonchalant. Nun herrscht eine Leistungskultur, welche diesen Namen verdient.»

 

Der SCB als Herausforderung

Gustafsson weiss, wovon er spricht, hat er doch das schwedische Nationalteam zu WM- und Olympiagold geführt. Seine Auswahl spiele disziplinierter als vor Jahresfrist, erhalte weniger vermeidbare Strafen, sagt der 56-Jährige – ein Fakt, der nicht zuletzt mit dem internen Bussensystem zusammenhängen dürfte. «Wir sind weiter als vor einem Jahr, haben aber noch nichts erreicht», hält Gustafsson fest. Claudio Moggi seinerseits weist auf die Bedeutung des Cupviertelfinalspiels gegen den SCB hin (15. Dezember). «Nach den vielen Siegen brauchen wir diesen Gradmesser, diese Herausforderung.»

 

Den da und dort geäusserten Vorwurf, den Langnauern ginge es in der NLB zu gut, weswegen sie nicht mit letzter Konsequenz den Aufstieg anpeilen würden, bezeichnet Moggi als Humbug.  Alles andere als der Meistertitel käme gewiss einer riesigen Enttäuschung gleich, der Aufstieg ist intern längst als Ziel definiert worden.

 

Hält der Höhenflug an– am Sonntag (17.45Uhr) gastieren die Tigers in Visp –, dürften sich Gustafssons Chancen bezüglich einer Vertragsverlängerung weiter verbessern. Dem Schweden wurde Anfang Saison seitens der Medien zuweilen vorgeworfen, er sei etwas zu ruhig, im Umgang mit den Spielern zu wenig hart. Wie auch immer: Widerstandsfähig sollte sein Personal nach der sommerlichen Taser-Tortur  ohnehin sein.

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