Watson, Klaus Zaugg

Pure Domination bei Langnau

Presse •

 

Noch nie seit Einführung der Playoffs dominierte eine Mannschaft eine der beiden Nationalligen so wie die Langnauer. Und doch überwiegen vor den Playoffs Zweifel und Ängste.

 

Stellen wir uns vor, der SC Bern führt in der Qualifikation mit 18 Punkten Vorsprung die Tabelle an. Was wäre das für eine Herrlichkeit! Der Trainer würde von Marc Lüthi und Sven Leuenberger in einer Sänfte zum Training und wieder nach Hause getragen. Und bei der Vertragsverlängerung dürfte er den Lohn eigenhändig eintragen.

 

Es gibt tatsächlich eine Mannschaft, die mit 18 Punkten Vorsprung an der Spitze liegt: Die SCL Tigers in der NLB. So hat seit Einführung der Playoffs (1985/86) noch nie eine Mannschaft eine der Nationalligen dominiert. Den grössten Vorsprung erreichte bisher Lausanne beim NLB-Qualifikationssieg in der Saison 1994/95 mit 16 Punkten vor GC. Anschliessend gelang der Aufstieg.

 

 

Aber es sind nicht herrliche Zeiten in Langnau. Eine Szene, die sich kürzlich so abgespielt hat, mag illustrieren, wie stark Zweifel und Ängste vor den Playoffs sind.

 

Wird der Trainer noch gefeuert?

Der Vater eines Spielers und ein Chronist sind kürzlich während eines der unzähligen siegreichen Spiele ins Gespräch gekommen. Später gesellen sich auch noch ein Spieleragent, ein Funktionär der SCL Tigers und hin und wieder ein Zaungast dazu.

 

Es geht um Trainer Bengt-Ake Gustafsson. Die Meinungen sind gemacht: Auf gar keinen Fall vor dem Saisonende verlängern! Es wird sogar diskutiert, ob es nicht besser wäre, den Trainer vor den Playoffs zu feuern und beispielsweise durch Hans Kossmann zu ersetzen. Damit ein Ruck durch das Team geht.

 

Das Coaching wird allenthalben kritisiert. Eine Krise würde wahrscheinlich dem Zusammenhalt des Teams gut tun. In der Kritik der Runde steht auch Topskorer Chris DiDomenico. Er produziert zwar Tore und Assists am Laufmeter, aber die Gesprächsrunde ist sich einig: Der Kanadier ist ein Risikofaktor in den Playoffs. Zu eigensinnig und zu leicht lässt er sich provozieren.

 

Und der Torhüter? Gott behüte uns vor dem Hühnervogel! Die meisten in der Runde trauen Damiano Ciaccio nicht zu, die Tiger in die NLA zu hexen wie Martin Geber im Frühjahr 1998. Da die Nummer 2 Lorenzo Croce verletzungshalber fehlt – man ist sich weitgehend einig, dass auch er eigentlich ein Lottergoalie ist – müsse sich Sportchef Jörg Reber sputen und zur Absicherung unbedingt noch vor dem 31. Januar einen Torhüter verpflichten. Er habe inzwischen offiziell bei den GCK Lions um Freigabe von Urban Leimbacher nachgesucht. Vielleicht könnte dieser Held aus der jüngeren Vergangenheit helfen.

 

Bei den Tigers klappt einfach alles

Das Ziel der Langnauer ist der Wiederaufstieg. Sie sind für die NLB eine Nummer zu gross, wirtschaftlich und sportlich. Sie haben zwar 2:10 in Langenthal und 2:3 in Martigny verloren, aber die erhoffte Krise wird auch daraus nicht. Die GCK Lions werden mit 6:1 vom Eis gefegt und zwei Tage später auch zu Hause mit 5:4 n.V. gebodigt. Obwohl diesmal Topskorer Chris DiDomenico nicht eingesetzt wird und bei den GCK Lions für den erkrankten Matti Alatalo der legendäre Simon Schenk an der Bande steht. Die Langnauer und ihre Gegner können tun und lassen was sie wollen – es scheint inzwischen nur noch drei Gewissheiten zu geben: Wir müssen Steuern zahlen, das Leben währet nicht ewiglich und die SCL Tigers gewinnen.

 

Die Langnauer mahnen mit ihrem gut organisierten, schnellen Kombinationsspiel an die Sowjets der 1970er und 1980er Jahren. Aber auch dieser Vergleich verbreitet keine Zuversicht. Haben die Russen nicht auch hin und wieder einen Titel trotz himmelhoher Überlegenheit verspielt?

 

 

Keiner weiss, ob die siegreichen SCL Tigers playofftauglich sind. Der Funktionär ist zuversichtlich, der Spieleragent verhalten optimistisch, der Chronist und der Spielervater sind skeptisch und befürworten eher einen Trainerwechsel und auf jeden Fall einen Goalie-Transfer. Eine Verpflichtung von Urban Leimbacher wird allenthalben befürwortet. Die Hoffnung auf eine läuternde Krise vor den Playoffs haben alle aufgegeben.

 

Die Erfolge kommen zu einfach

Das Emmental ist das Absurdistan des Erfolges geworden. Die vielen Siege mehren nicht das Selbstvertrauen sondern die Selbstzweifel. Es ist die unerträgliche Leichtigkeit des Erfolges. Es ist nicht ein freudiges Fiebern auf die Playoffs sondern ein banges Plangen. Das Reden der Emmentaler über den NLB-Titel und den Wiederaufstieg klingt wie das Pfeifen im dunklen Wald, um die Angst zu vertreiben. Statt dass sie jetzt voller Stolz und Selbstvertrauen den Playoffs entgegenreiten wie der Dragonerhauptmann von Grossgringige, warten sie sorgenvoll und ängstlich auf die Spiele der Wahrheit wie der Fritzli Häbdi zu Schnürfligen.

 

Im Jänner 2012, vor jenen Playouts, die schliesslich in den Abstieg mündeten, wirkten die Langnauer und ihre Entourage viel zuversichtlicher.  Die Gesprächsrunde kommt zum Schluss, dass die Eishockeywelt doch ein wenig aus den Fugen geraten sei. Denn bei den Lakers, die doch fast immer verlieren, wird der Trainer nicht kritisiert, sondern in den höchsten Tönen gelobt. Und die Ausländer und die Torhüter werden über den grünen Klee gerühmt.

 

Zumindest eines steht fest: Überheblichkeit und Arroganz werden nicht die Gründe für ein Scheitern im Aufstiegskampf sein.

 

Unbeschwert gelacht wird am Rande des donnerstäglichen Kräftemessens gegen die GCK Lions nur einmal. Simon Schenk erläuterte bei der Medienkonferenz vor dem Spiel den Chronisten die Mannschaftsaufstellung, bevor er an die Bande eilt um das Coaching zu übernehmen. Zu den Abwesenden erklärt er im Scherz: «Raeto Raffainer fällt weiterhin wegen einer Gehirnerschütterung aus. Aber er wechselt ja ab sofort zum Verband. Den Job dort kann er auch mit einer Gehirnerschütterung machen ...»

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