Zurück in der Realität

Vor Jahresfrist feierte das Emmental den Play-off-einzug der Tigers. Jetzt ist es ruhiger.

Presse • • von Neue Zürcher Zeitung

So richtig realisierten sie es erst auf den letzten Kilometern. Nicht, was sie geschafft hatten, das war ihnen schon klar. Am 22. Januar 2011 siegten die SCL Tigers bei den Rapperswil-jona Lakers 3:2 und qualifizierten sich vorzeitig für die Play-offs. Die mitgereisten Fans tobten, Team und Staff schäumten über vor Glückseligkeit und schmissen sich in T-shirts in demselben Grün, mit dem im Teletext die Play-off-teilnehmer markiert sind. Auf dem Heimweg im Team-bus wurde gejohlt, gebechert, getanzt. Doch erst bei der Fahrt durchs Emmental wurde klar, was das Erreichte tatsächlich bedeutete.

In der Heimat der SCL Tigers war die totale Euphorie ausgebrochen. Hupende Autos, hüpfende und schreiende Menschen, das Tigers-emblem überall, ein rauschendes Fest die ganze Nacht – so wurde die erste Play-off-qualifikation des Klubs gefeiert.

In Langnau benannte die Metzgerei Horisberger eines ihrer Erzeugnisse in «Hopp-langnau-wurst» um, im Restaurant Hirschen trug das Servicepersonal fortan an jedem Heimspiel-tag spezielle Hemden. Und einige Dörfer weiter, in Hasle-rüegsau, kreierte die Konditorei Meier «Scl-spitzbuben». Die Begeisterung liess auch nicht nach, als das Team in den letzten sechs Qualifikationsspielen fünfmal verlor. Sogar das schnellstmögliche Out in der Playoff-viertelfinalserie gegen den SC Bern trübte die Stimmung kaum.

«Wir sind hier in Langnau»

Ein Jahr später aber ist die Euphorie verflogen. Die SCL Tigers belegen in der Tabelle einen Platz unter dem Trennstrich und blicken auf aufwühlende Monate zurück. Zu Saisonbeginn standen sie verständlicherweise unter grösserem Druck als in den Jahren zuvor, doch sie konnten nicht nur die gestiegenen Erwartungen nicht erfüllen, sie verzeichneten sogar den schlechtesten Start seit 2006. Nach einer Serie von zehn Niederlagen im November und Dezember sprach im Emmental dann definitiv niemand mehr von einer möglichen Play-off-qualifikation.

Die SCL Tigers sind zurück in der Realität. Die ist allerdings gar nicht so trist, wie man meinen könnte. «Wir sind hier in Langnau», sagt der TigersGeschäftsführer Ruedi Zesiger zur Stimmung im und um den Klub – sein ruhiger Tonfall und die wenigen Worte sagen eigentlich schon alles.

 

In Langnau, weitab von grossstädtischer Hektik, lässt man sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Schon gar nicht von einer drohenden Playout-teilnahme. Es ist ein altbekanntes Szenario, das die Anhänger der Tigers pech und die schwächere Defensivleistung. Zesiger spricht auch die hohe Emotionalität nach der Play-off-qualifikation an: «Die ist uns fast wie ein Meistertitel eingefahren. Danach war die Luft draussen.» Obwohl man dagegen gekämpft habe, habe das Team wohl bis tief in die Saison hinein an einer Art «Meisterblues» gelitten. «Wir hatten plötzlich nicht mehr ‹nichts zu verlieren›. Das hemmte», sagt Zesiger. regelmässig mitmachen, klaglos. «Man nimmt, was kommt. Wer etwas von Eishockey versteht, weiss, dass die Tigers nicht über die Geldmittel verfügen, die automatisch Play-off-teilnahmen ermöglichen», sagt der Metzgermeister Michael Horisberger. 1976 wurde er mit Langnau Schweizer Meister, in seinem Laden nahe der Ilfishalle wird tagtäglich über Eishockey diskutiert.

Auch wenn die letztjährige Begeisterung abgeebbt ist, nur noch vereinzelt Tigers-fahnen an Fenstern und Balkonen hängen und im Emmental wieder Ruhe und Beschaulichkeit herrscht: Eine tiefe Enttäuschung ist nicht spürbar. Die Zuschauerzahlen sind nicht eingebrochen, was bei anderen NLAKlubs mit ähnlich unbefriedigendem Saisonverlauf rasch passiert. Der Grund dafür liegt nicht nur darin, dass die Anhänger um die finanzielle Situation des Klubs wissen, sondern auch am Auftreten des Teams. Bruno Wüthrich, der Präsident des Haupt-fanklubs, sagt: «In Langnau muss jeder Spieler alles geben, dann sind die Fans zufrieden.» Dann wird das Team getragen, egal, ob es gewinnt oder verliert.

Nur einmal wurden die Tigers diese Saison vom Anhang ausgepfiffen, Anfang Dezember nach einem Heimspiel gegen Genf/servette. Bei der 0:4-Niederlage hatte das Heimpublikum offenbar nicht den Eindruck, die Mannschaft zeige hundertprozentigen Einsatzwillen – und beschwerte sich. Die Pfiffe seien vielleicht sogar hilfreich gewesen, sagt der Geschäftsführer Zesiger: «Damit die Spieler merken, wie schmal der Grat ist zwischen noch gut ankommen und enttäuschen.»

Mit der Saisonleistung ist im Klub natürlich keiner zufrieden. Doch, typisch Emmental: keine Überreaktion. Der Trainerjob von John Fust steht nicht zur Debatte, Fust hat einen Vertrag bis 2014. Er nennt als Gründe für die Baisse unter anderem die neue Chemie des Teams nach dem Wechsel auf neun Positionen, das Verletzungspech und die schwächere Defensivleistung. Zesiger spricht auch die hohe Emotionalität nach der Play-off-Qualifikation an: «Die ist uns fast wie ein Meistertitel eingefahren. Danach war die Luft draussen.» Obwohl man dagegen gekämpft habe, habe das Team wohl bis tief in die Saison hinein an einer Art «Meisterblues» gelitten. «Wir hatten plötzlich nicht mehr nichts zu verlieren›. Das hemmte», sagt Zesiger.

Keine Schuldzuweisungen

Dass das Team während der langen Niederlagenserie intakt geblieben ist, bezeichnen sowohl Zesiger und Fust als auch der Stürmer Simon Moser als erfreulich. «Es gab keine Schuldzuweisungen, jeder setzte zuerst einmal bei sich selber an», sagt der treffsicherste Schweizer des Teams. Der 22-Jährige hat seinen Vertrag im Herbst bis 2014 verlängert, um dem Klub, in dem er jede Ausbildungsstufe durchlaufen hat, «etwas zurückzugeben und beim Aufbau zu helfen». Denn obwohl im Emmental niemand hohe Forderungen stellt, soll die Play-off-teilnahme 2011 keine einmalige Sensation bleiben. «Grosso modo haben hier alle Freude, Nationalliga-a-eishockey zu sehen», sagt Wüthrich. Ab und zu eine Playoff-serie wäre aber auch schön.


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