Wir schauen zurück auf 80 Jahre SC Langnau (Teil 1)
Von Eishockey mit Rossbole bis zum Aufstieg in die NLA
Der SC Langnau (heute die SCL Tigers) ist am 30. Januar 80 Jahre alt geworden! Doch die Geschichte um Langnaus Eishockey beginnt bereits früher. Hier erzählen wir die Geschichte von der Gründung bis zum ersten Aufstieg des SCL in die NLA im Frühjahr 1961.
Die Gründermannschaft des SC Langnau. Hintere Reihe v.l.n.r.: W. Schütz, H. Lüthi, U. Wüthrich, Hs. Schiesser, W. Schiesser. Vordere Reihe: HS. Wittwer, P. Leisi, E. Küpfer, E. Wittwer. Wir sehen sie in ihren damaligen weissen Leibchen. genau so, wie die SCL Tigers im Jubiläumsspiel vom 31. Januar 2026 gegen den HC Ambri-Piotta angetreten sind. Foto: Alfred Lehmann, aus dem Alpenhornkalender von 2002.
Am 31. Januar dieses Jahres, also wegen des Spielplans einen Tag zu spät, feierten die Fans der SCL Tigers vor der Partie gegen den HC Ambri-Piotta in einer begeisternden, sich über drei Seiten der Ilfishalle (pardon, der emmental versicherung arena) erstreckenden Choreo den 80. Geburtstag ihrer Lieblingsmannschaft. Die Tiger traten für einmal werbefreien, weissen Leibchen an, so wie damals der neugegründete SC Langnau auflief. Wie bereits zum 70-Jahr - Jubiläum konnten die Langnauer Eishockeyaner dieses besondere Spiel gewinnen. Mit 6:3 bodigten sie die Leventiner. Es war der 8. Sieg in Folge gegen diesen Gegner.
Die Choreo der Fans anlässlich des 80 Jahr - Jubiläum-Meisterschaftsspiel der Langnauer gegen den HC Ambri-Piotta. Die Spieler spielen zu diesem Anlass in gleichen Leibchen, wie sie damals die Gründermannschaft trug. Bild: Susanne Bärtschi.
Eine besondere, schwierige Zeit
Es lohnt sich ein kurzer Blick in die Verhältnisse der damaligen Zeit. Diese war nämlich alles andere als leicht. In den 1930er Jahren herrschten wirtschaftlich schwierige Zeiten, vor allem auch in der Landwirtschaft. Bereits damals wurden um die Preise für landwirtschaftliche Produkte heftige politische Kämpfe ausgefochten. Dann folgte der 2. Weltkrieg, der Europa in Schutt und Asche legte. Am 8. Mai 1945, also gerade mal knapp neun Monate vor der Gründung des SC Langnau kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos vor den alliierten Siegermächten. Nach den Atombombenabwürfen vom 6. August 1945 in Hiroshima und am 9. August 1945 auf Nagasaki kapitulierte am 15. August 1945 auch das Kaiserreich Japan. Erst damit wurden die letzten zwischenstaatlichen Feindseligkeiten des Zweiten Weltkrieges beendet. Am 20. November 1945 begannen die Nürnberger Prozesse, die bis 1949 dauern sollte, und in denen den Verbrechern des Naziregimes von Deutschland der Prozess gemacht wurde. Die Welt wird neu geordnet. Es wird aufgeräumt und aufgebaut.
Käse war damals wohl zusammen mit der Landwirtschaft der wohl wichtigste wirtschaftliche Faktor des Emmentals und somit auch von Langnau. Auf dieser Zeichnung sehen wir einen Käsesalzer bei der Arbeit. Käsesalzer - den Beruf gibt es heute nicht mehr - war vor allem ein körperlich sehr anspruchsvoller Beruf. Ohne Hilfsmittel mussten die Käse aus den Gestellen gehoben, auf den Tisch gelegt, mit Salzwasser eingerieben, gewendet, erneut mit Salzwasser eingerieben und danach wieder ins Gestell zurückgelegt werden. Die Zeichnung ist eine Illustration aus Gotthelfs “Käserei im der Vehfreude” und ist dem Alpenhorn-Kalender von 2002 entnommen.
Am 1. August 1875 wurde die durchgehende Bahnlinie Bern – Luzern über Langnau und das Entlebuch in Betrieb genommen. Die besten Voraussetzungen also für Langnau, um sich zum Industrieort zu entwickeln. Aber die millionenschweren Käsebarone wollten ihre billigen Arbeitskräfte nicht aus den Käsekellern in Fabriken abwandern sehen und auch nicht höhere Löhne zahlen. Sie verhinderten die Industrialisierung des oberen Emmentals über eine lange Zeit erfolgreich. Langnau hat darum heute weniger Industrie als vergleichbare Gegenden. Langnau ist ein Bauerndorf geblieben. Jeder kennt jeden und dominiert wird die Wirtschaft durch Wirtschaften und erfolgreiche kleinere Gewerbebetriebe. Langnau als Wirtschaftsstandort ist ebenso einmalig wie Langnau als Eishockeyunternehmen. Industrialisierung und Tourismus haben die ganz besondere Mentalität kaum verwässert. Langnauerinnen und Langnauer sind auch heute noch stolz, eigenwillig, ja zuweilen auch dickschädlig. Noch lebt jene stolze, bisweilen sture Art, die durch die harte Arbeit an den steilen Hügeln geprägt worden ist, auch bei den Nachfahren fort, die nicht mehr in der Landwirtschaft tätig sind und Anwälte, Lehrer, Ingenieure oder eben Hockeyprofi geworden sind.
Auf dem Tennisplatz in Langnau wurde von 1973 bis 1976 über den Winter Eishockey gespielt. Vom (Anfang der 1970er-Jahre neuen) Sekundarschulhaus konnte man, wenn man am Fenster sass, die TennisspielerInnen bei ihrem Sport beobachten. Davon, dass 30 Jahre zuvor im Winter auch Eishockey gespielt wurde, hatte der Schreiber keine Ahnung. Bild: Alfred Lehmann, dem Alpenhorn-Kalender 2002 entnommen.
Die Eishockey-Anfänge in Langnau
Als die Langnauer mit dem Eishockeyspielen beginnen, entfalten sie in diesem Spiel all ihre Stärken: Sturheit, Härte, Kampfgeist, unbeugsamer Wille, Stolz. Wo steht die Wiege der Langnauer Hockeykultur? Wer mit dem Eishockey angefangen hat, weiss niemand mehr genau zu sagen. Bekannt ist aber, dass auf einem kleinen Weiher am linken Ufer der Ilfis die ersten Geh- bzw. Gleitversuche unternommen worden sind. Es hat also mit ziemlicher Sicherheit alles gegenüber dem heutigen Hockey-Tempel auf der anderen Seite des Flusses begonnen. Bereits 1934 wird der Eislaufverein gegründet. Auf einer speziell dafür errichteten Holzpasserelle gelangen die Hockey-Urväter vom Dorf über die Ilfis zum sogenannten «Barbeli-Weiher». Hier wird Eishockey gespielt. Wobei es sich wohl noch um eine besondere Form davon handelt. Denn gespielt wird nicht mit einem Puck, sondern mit gefrorenen Rossbollen. Der «Barbeli-Weiher» verschwand nach einem Hochwasser, bei dem die Ilfis über die Ufer trat und den Weiher und die Holzpasserelle wegschwemmte. Doch die Eishockeybegeisterung blieb. 1943 erfolgte dann die Gründung des Hockeyclub Langnau. Noch vor dem SC Langnau gab es also einen HC Langnau. Von 1943 bis 1946 wurde auf dem Tennisplatz an der Alpenstrasse Eis gemacht.
Am 30. Januar 1949 spielt der SC Langnau in seiner letzten «wilden Saison» ein Freundschaftsspiel gegen den damaligen Erstligisten RotBlau Bern. Schon damals war die Begeisterung gross. Die Einheimischen liessen es aber auch gehörig krachen. Vor 1300 Zuschauern gewannen die Langnauer mit 10:4 und unterhielten ihr Publikum sogar in der Pause mit Auftritten der Eiskunstläuferin Gretl Veit. Bild: Alfred Lehmann, dem Alpenhorn-Kalender 2002 entnommen.
Der 30. Januar 1946
Am 30. Januar 1946 hält der Eislaufverein seine jährliche Hauptversammlung ab. Anwesend sind auch 18 Mitglieder des HC Langnau, die sich um eine Mitgliedschaft bewerben. An diesem offenbar geplanten Zusammenschluss wird auch gleich die Namensänderung beschlossen. Der fusionierte Verein heisst fortan SC Langnau. Das Datum dieser Hauptversammlung gilt heute als die Geburtsstunde der Langnauer Eishockeykultur, die jedoch tatsächlich bereits mehr als ein Jahrzehnt früher begonnen hat. Zu diesem Zeitpunkt ahnt noch niemand, welche Entwicklung dieser Verein nehmen wird.
Standortsuche
Weil eine grössere Eisfläche her muss, zügeln die Eishockeyaner im gleichen Jahr für eine Saison auf die Kniematte (1946/47). Kein idealer Standort. Gesucht wird ein Eisplatz, der weniger der Sonnenbestrahlung ausgesetzt ist. Und so zügelt der SCL im Laufe der Saison 1947/48 an die Winterseite, in die Nähe des heutigen Eisstadions auf den sogenannten Napro-Platz (die Liegenschaft gehörte der Napro AG). Trotzdem gelingt es am neuen Standort wegen des milden Winters nicht, Eis zu machen. So wird dies die einzige Saison der Geschichte ohne Eis und Spiele. Die Eisbahn liegt unmittelbar hinter der Pelzzurichterei Hutmacher. Später, um den feindlichen Sonnenstrahlen ganz ausweichen zu können, wird die Eisbahn schliesslich ab der Saison 1949/50 (es ist die erste Saison, in der sich die Langnauer an der offiziellen Meisterschaft beteiligen) ganz an die Ilfis hinüber an den heutigen Standort verlegt.
Interessant auch, wie damals die Torhüter geschützt waren. Jeder SUVA-Mitarbeiter würde vor Schreck rückwärts vom Stuhl fallen (was allerdings auch nicht SUVA-gerecht wäre), wenn er dies sehen würde. Bild: Alfred Lehmann, dem Alpenhorn-Kalender 2002 entnommen.
Bereits bevor sich Langnau an der Meisterschaft beteiligt, ist die Begeisterung gross. Die Saison 1948/49 ist jedoch die letzte «wilde Saison. Am 30. Januar 1949 – also noch während der «wilden Saison» - spielt der SC Langnau vor 1300 Zuschauern gegen den damaligen Erstligisten Rot-Blau Bern-Bümpliz und gewinnt mit 10:4. In den Drittelspausen gibt die Eiskunstläuferin Gretl Veit eine Demonstration ihres grossen Könnens. Aus dieser Saison gibt es auch noch eine Begebenheit der besonderen Art. Die Langnauer haben im «Umkleidehüttli» eine Lautsprecheranlage montiert um Teamaufstellung und Tore durchgeben zu können. In der Pause eines heftig umkämpften Freundschaftsspiels gegen Oberburg wird vergessen, das Mikrofon auszuschalten. Die zahlreichen Zuschauer – bzw. Zuhörer – können live miterleben, wie die Spieler einander die Meinung sagen und vor allem, wie sie über die Oberburger und die Schiedsrichter lästern (das erinnert ein wenig an den legendären Fernseh – Sportreporter Hans Jucker, der sich - natürlich viel später - bei eingeschaltetem Mikrophon über die «dumme huere Ruederer» ausliess). Präsident Hans Wittwer hält denn auch in seinem Jahresbericht der Saison 1948/49 fest: «Ich hoffe, dass solches für ewig verschwindet und dafür die Kameradschaft gedeiht und blüht.»
Es ging sehr rasch aufwärts. Mit dieser Mannschaft stieg der SC Langnau bereits im Frühjahr 1952 in die Serie A (heute 1. Liga) auf. Stehend v.l.n.r.: Bachmann Hans, Gerber Rudolf, Wittwer Alfred, Augsburger Jakob, Scarnicci René, Scheidegger Edy, Leisi Peter, Lauenstein Heinrich, Blunier Werner, Nussbaum Heinz. Kniend: Torhüter Hans Wittwer (gleichzeitig Vereinspräsident). Bild: Alfred Lehman aus dem Alpenhorn-Kalender 2002.
Der rasche Aufstieg
Der Wunsch des Präsidenten geht in Erfüllung. Der Verein und die Kameradschaft gedeihen und blühen. Drei Jahre nach der Vereinsgründung nimmt der SCL 1949/50 erstmals an der Meisterschaft teil. Die Langnauer werden in der Serie B (heute 2. Liga) in der Gruppe Zentralschweiz eingeteilt und erreichen den 2. Platz. Die dritte Saison (1951/52) bringt bereits den ersten Aufstieg. Der SCL steigt in die Serie A (heute 1. Liga) auf. Als Neuling in der Serie A werden die Langnauer auf Anhieb Gruppensieger, scheitern aber in den Aufstiegspartien zur NLB an Fribourg-Gottéron. Doch am 20. Juli 1953 wird an der ordentlichen Delegiertenversammlung in Zermatt die NLB auf 15 Vereine aufgestockt und Langnau steigt darum «am grünen Tisch» in die NLB. Im Herbst 1953 gehören die Langnauer damit bereits zu den besten 23 Mannschaften der Schweiz. Vier Jahre nach der ersten Teilnahme an der Meisterschaft stehen die Langnauer also schon in der zweithöchsten Liga. Vorübergehend wird gar erwogen, aus finanziellen Gründen auf den Aufstieg in die NLB zu verzichten. Schliesslich machen es Spenden aus Langnau und den benachbarten Gemeinden möglich, die Natureisbahn so auszubauen, dass es für die NLB genügt. Nicht auszudenken, was uns entgangen wäre, wenn die Langnauer damals nicht den Mut gehabt hätten, das Abenteuer NLB zu wagen.
Mit dieser Mannschaft stieg der SC Langnau lediglich ein Jahr nach seinem Aufstieg in die Serie A in die NLB auf. Unsere damaligen Stars von links bis rechts: Wittwer Hans, Bachmann Hans, Augsburger Jakob, Nussbaum Heinz, Wittwer Alfred, Braun Richard, Leisi Peter, Blunier Werner, Scarnicci René und Gerber Ruedi.
Die 1950er-Jahre
Die 1950er Jahre sind schliesslich die Jahre des Rock’n’Rolls. Die Jahre der ersten Auflehnung der Jungen gegen die Ordnung der Eltern. Mit der entsprechenden Musik im 4/4-Taikt dazu. Dem Rock’n’Roll. Der Protest ist damals in der Schweiz und vor allem in Langnau noch verhalten und zeigt sich vor allem in sportlichen Heldentaten. Zum Beispiel im verrückten Abenteuer, gegen den Rat der Alten das Abenteuer NLB zu wagen.
In diesen Jahren entwickelt sich der SC Langnau zu einem NLB-Spitzenteam, und im Januar 1959 schliessen sich rund 50 Bürger von Langnau aus allen Berufen und Ständen zusammen, um dem SC Langnau zu einer Kunsteisbahn zu verhelfen. Am 7. März 1959 wird die Kunsteisbahngenossenschaft gegründet. Innerhalb von drei Monaten ist die Finanzierung gesichert – es ist eine ähnliche Solidarität, die etwas mehr als 50 Jahre später den Umbau des Ilfisstadions in eine der modernsten Hockeyarenen des Landes möglich machen wird. Am 5. Juni 1959 sind 50 000 Franken gesammelt. Am 13. Juli wird mit dem Bau begonnen und am 13. November wird die Kunsteisbahn in Betrieb genommen. Die Eröffnung folgt am Sonntag, den 15. November 1959 um 15.00 Uhr mit einem Spiel gegen den damaligen NLA-Verein Arosa. Langnau fegt die Bündner mit 10.4 vom Eis. Nun steht Langnaus Hockeykultur auf festem Grund.
Wir schreiben das Jahr 1959. Hier wird die neue Kunsteisbahn gebaut. Das Eisfeld steht da, wo es auch heute noch steht. Doch das Drumherum sieht völlig anders aus als heute. Bild: Alfred Lehmann, dem Alpenhorn-Kalender entnommen.
Die Mannschaft, die schliesslich im Frühjahr 1961 den ersten Aufstieg in die Nationalliga A schafft, ist spielerisch ihrer Konkurrenz nicht überlegen. Aber die Langnauer sind härter, williger, kräftiger, ausdauernder und daher besser. Der SC Langnau hat den Ruf, eine der konditionsstärksten und härtesten Mannschaften der Schweiz zu sein.
Mit dieser Mannschaft stieg der SC Langnau 1961 erstmals in die NLA auf, wo sie bis zu ihrem ersten Abstieg im Jahr 1985 zweieinhalb Jahrzehnte lang ununterbrochen verbleiben sollte. Auf dem Bild (stehend v.l.n.r): Bill Dobbyn, Stephan Bärtschi, Richard Braun, Max Ingold, Gerhard Wittwer, Peter Fankhauser, Edi Scheidegger, Ernst Hirschi. Kniend: Heinrich Lauenstein, Walter Wittwer, Samuel Schafroth, Otto Wittwer, Emil Zaugg, Hans Brechbühler, Rudolf Gerber. Bild: aus der SCL Chronik 1947 - 1981.
Langnau ist besonders
Wir halten fest: Langnau ist kein Winterkurort. Langnau ist auch keine reiche Industriestadt. Es waren also im Emmental weder die besonderen äusseren Bedingungen wie in Davos, Arosa oder anderen Wintersportstationen, noch waren es reichliche finanzielle Mittel, welche die Eishockeyentwicklung begünstigten. Der Grund dafür, warum sich Langnau im Hockeygeschäft seit mehr als einem halben Jahrhundert zu behaupten vermag, kann nicht in den äusseren Bedingungen liegen.
