Wir kommen aus dem Staunen nicht heraus:
Die SCL Tigers sind ein Spitzenteam!
Sie holen Rückstände auf, verwalten Vorsprünge souverän, schiessen Tore am Laufmeter, haben zuletzt auch ihre Defensive verbessert und grüssen nach neun Spielen von Rang 3. Dabei sprachen journalistische Experten vor noch nicht einmal zwei Wochen von Krise. Doch in Langnau (inkl. FANTIGER) behielt man kühlen Kopf.
Man könnte monieren, dass dies nach neun Spielen nur eine Momentaufnahme sei, was natürlich absolut zutrifft. Und doch ist dieser dritte Rang ziemlich real. Zudem hat der HC Genf-Servette, der drei Punkte voraus liegt, ein Spiel mehr bestritten.
Bei optimalem Verlauf ihrer noch ausstehenden Partien könnte auch der EV Zug die Emmentaler noch überholen. Die Innerschweizer haben bisher nur sechs Partien absolviert und 10 Punkte auf dem Konto. Sie haben also drei Partien nachzuholen und haben trotz ihrer Pleite im Emmental (und übrigens auch gestern Sonntag in Genf) bereits 10 Punkte auf dem Konto. Das Überholmanöver wäre damit locker möglich. Und der SC Bern, der zwei Spiele weniger absolviert hat, könnte, falls das Punktemaximum erreicht wird, zum Kantonsrivalen aufschliessen, müsste aber zum Überholen acht Tore mehr realisieren als ihre Gegner. Wer von den beiden Rivalen nach dem ersten Viertel der Qualifikation vorne liegen wird, könnte das Derby entscheiden. Vor allem dann, wenn eine der beiden Mannschaften in der regulären Spielzeit gewinnt.
Wie wir also sehen, ist der Rang in den Top 3 dieser bisherigen Qualifikation für die SCL Tigers ziemlich real. Nix da von irgendwelchen dubiosen Tabellenkonstellationen oder sonstigen Spezialitäten. Andererseits braucht es derzeit nur ein oder zwei Niederlagen, und schon wird man wieder ziemlich zurückgeworfen. Einzig beim letztplatzierten Kloten (fast hätte ich geschrieben Ajoie, aber die Jurassier spielen bisher eine bemerkenswerte Saison und belegen den sensationellen 5. Rang) ist die Situation bereits jetzt schwierig. Denn obwohl nur zwei Punkte hinter dem Vorletzten, fällt halt auf, dass die vier unmittelbar vor den Fliegern liegenden Teams allesamt noch Partien nachzuholen haben. Drei davon mehrere.
Doch wie ist dieser Höhenflug der SCL Tigers möglich? Welche Veränderungen gab es, seit die Langnauer nach vier Spielen als rote Laterne leuchteten?
Als erstes müssen wir festhalten, dass Thierry Paterlinis Männer in ihren ersten vier Partien bereits drei Teams, die sich letzte Saison direkt für die Playoffs qualifiziert hatten, vorgesetzt erhielten. Nach sechs Spielen waren es bereits deren fünf, und am vergangenen Donnerstag kam mit dem HC Lugano Nummer sechs hinzu. Aus diesen sechs Partien resultierten zwei Siege mit jeweils drei Punkten und vier Niederlagen, wovon eine mit Punktgewinn. Die Hausaufgaben sehr gut gemacht haben die Tiger bei den übrigen drei bisherigen Gegnern. Drei Spiele, drei Siege, einer davon mit Punktverlust.
Mit Fug und Recht darf man behaupten, dass die Langnauer von ihren bisher 27 gespielten Dritteln lediglich in einem einzigen schlecht gespielt haben (das Mitteldrittel gegen den HC Lausanne, was dann leider zur letztendlich unnötigen Niederlage geführt hat). Aber in 26 von 27 Dritteln haben sie irgendwo zwischen ganz passabel bis sehr gut oder überzeugend agiert. Das ist aller Ehren wert.
Die erhaltenen Gegentore
29 erhaltene Gegentore in neun Spielen ist etwas viel. Es gab Zeiten, da sprach man dafür von einem schlechten Wert. Doch wenn wir genau hinschauen, liegen die Tiger mit ihrem Wert von 3,2 Toren pro Spiel auf Rang 7, also gerade noch der ersten Hälfte der Tabelle. Vor ihnen liegen die ZSC Lions (2,25 Gegentore pro Spiel), der EV Zug (2,4), Gottéron (2,45), Davos (2,65), Ajoie und Genf (beide mit 2,9). Erst hinter den Langnauern folgen Bern (3,3), Ambri (3,35), Biel und Lugano (beide mit 3,5), Lausanne (3,55), Lakers (3,9) und Kloten (4,0).
Wir sehen, so schlecht ist die erhaltene Anzahl der Gegentore bei den SCL Tigers nicht. Zumindest nicht im Vergleich mit der Konkurrenz. Aber hier besteht noch Potenzial, wobei in den letzten beiden Spielen bereits angedeutet wurde, dass dieses künftig besser abgerufen werden könnte. Die zu Beginn der Saison noch kritisierten Torhüterleistungen sind inzwischen kein Thema mehr. Zumindest keines für die Kritik.
Im Angriff bereiten die SCL Tigers ihren Fans viel Freude. Seit den Zeiten, als noch Christian Weber Coach der Emmentaler war (zum Ende der ersten Dekade des jetzigen Jahrtausends), wurde in der obersten Spielklasse von den Tigern nie mehr derartiges Spektakel geboten. Wer kann sich noch erinnern, als die Langnauer am meisten Tore in der Liga erzielten und trotzdem ein negatives Torverhältnis hatten?
Jetzt aber ist das Torverhältnis positiv. Und noch wichtiger: Es sind mehr Siege als Niederlagen auf dem Konto der Langnauer. Und was für wunderschöne Tore zuweilen erzielt werden, ist eine wahre Freude. Aber es gelingen auch sogenannt dreckige Treffer. Egal, Tor ist Tor. Gemeinsam mit den ZSC Lions haben die Langnauer am meisten geskort (bereits 34 Tore = 3,8 im Schnitt). Das Beruhigende dabei: Das Scoring ist breit abgestützt. Die Ausländer liefern inzwischen wie erwartet. Aber auch die Spieler mit Schweizer Lizenz treffen und punkten regelmässig und liefern dabei Tore in wichtigen Phasen. Mit anderen Worten: Es läuft beim Tiger, und der Hunger kommt beim Fressen.
So kann und darf es weitergehen. Die Mentalität für gute Resultate ist vorhanden. In Davos wird man sich auf einen starken Teilnehmer für den Spengler Cup freuen. Aber noch wichtiger wäre (wieder) mal eine direkte Playoff-Qualifikation. Diese liegt aus heutiger Sicht durchaus im Bereich des Möglichen.
