Man darf den Besserwisser nicht ernst nehmen:

Oskar meldet sich wieder einmal

Oskar ruft an. Ihr wisst schon: der besserwisserische, polemisierende und doch keine Ahnung habende Enterich, der sich schon früher gelegentlich mit seinem inkompetenten Gequake versucht hat, einzumischen und für Unruhe zu sorgen. Er ist völlig aufgebracht und ausser sich.

Blog • • von Bruno Wüthrich

Downloads

Es ist nicht so, dass mich Oskar nur anruft, wenn er sich aufregt. Aber wenn er sich nicht aufregt, ist er langweilig. Na ja, langweilig ist vielleicht etwas viel gesagt. Sagen wir, er ist nicht so spektakulär. Nicht spektakulär genug, um die Gespräche mit ihm zu protokollieren. Aber dann, wenn er sich aufregt, protokolliere ich sein Gequake immer. Allein schon zum Beweis, wie dumm Enten eigentlich sind.

Mein Handy klingelt. Ich sehe, dass Oskar dran ist und kann mir vorstellen, weshalb er anruft. Er hat das gestrige Ausscheiden der SCL Tigers nicht verkraftet. Zugegeben: das ist auch schwer zu verkraften. Gar keine Frage. Auch das «Wie» wirft Fragen auf. Eigentlich kann ich Oskar gerade nicht gebrauchen und überlege mir deshalb, ob ich seinen Anruf entgegennehmen soll. Schliesslich tue ich es trotzdem, und komme nicht einmal dazu, Hallo zu sagen.

«Du hast wieder einmal total versagt», schnarrt Oskar hässig ins Telefon.

«Ich? - Wieso ich?» frage ich verwundert.

«Neun der zehn letzten Spiele haben die Tigers verloren, und dem FANTIGER fällt nichts auf», klagt die Ente mich an.

«Doch, natürlich ist mir das aufgefallen», wende ich ein. «Schliesslich habe ich die Situation immer wieder eingeschätzt.»

«Das nennst du einschätzen?», höhnt mein grösster Kritiker. «Das ist doch kein Einschätzen. Das nenne ich ein Um das Problem herum schreiben.»

«Wo liegt denn deines Erachtens das Problem?» frage ich, obwohl es mich eigentlich seine Meinung dazu nicht interessiert.

«Das liegt bei der Nichtweiterbeschäftigung von Harri Pesonen. Er ist das Herz dieser Mannschaft».

«Harri wird im August 38 Jahre alt», wende ich ein. «Irgendwann ist es die Saison zu viel. Es ist doch gut, wenn man sich rechtzeitig trennt», belehre ich Oskar und füge an: «Eventuell hätte man dies halt noch nicht kommunizieren sollen.»

Auf der anderen Seite bleibt es eine Zeitlang ruhig. Das ist ungewöhnlich. Dann sagt der Enterich mit leiser, ruhiger, sogar gefährlich ruhiger und leiser Stimme: «Ich höre wohl nicht richtig. Wie naiv bist du eigentlich?» Und dann etwas lauter: «Das ist ja fürchterlich. Du willst mir damit sagen, Sportchef Pascal Müller hätte dem Harri sagen sollen, wir wollen dich nächste Saison nicht mehr, aber bittebitte, lieber Harri, erzähl niemandem etwas davon. Auch nicht deiner Frau und deinen Kindern, damit auch sie es nirgendwo erzählen. Und sprich auch in der Kabine mit niemandem darüber, auch nicht mit deinen besten Freunden. Wir wollen doch nicht, dass Unruhe einkehrt. Das siehst du doch ein, lieber Harri.»

«Ja, ganz so…», versuche ich einzuwenden. 

Aber Oskars Redeschwall lässt sich wieder einmal nicht stoppen: «Und du sagst mir, dass du das so siehst. Bist du des Denkens noch mächtig? Hast du dein Gehirn eingeschaltet? So etwas lässt sich doch nicht geheim halten. Unter gar keinen Umständen. Wenn man einen derartigen Entscheid trifft, muss man halt dazu stehen. Denn natürlich erzählt Harri es seiner Frau und seinen Kindern. Denn es steht ja ein Umzug an. Man wird sich von Freunden und Bekannten, die man in Langnau gefunden hat, verabschieden müssen. Die Kinder werden aus ihren Umfeldern herausgerissen.»

«Harri hat zwei Söhne», versuche ich, Oskar zu ergänzen und ihm damit zu zeigen, dass ich durchaus auf der Höhe des Wissens bin. Aber ich dringe damit nicht zu ihm durch.

«Paperlapapp – das spielt doch jetzt gerade gar keine Rolle, ob mit ihm zwei oder drei Personen ihr Umfeld wechseln müssen. Tatsache ist, dass sie es müssen.», weist mich die Ente in ihrer besserwisserischen Art zurecht.

Etwas kleinlauter geworden, gebe ich jedoch zu, dass ich mir diesen Punkt wohl zu wenig überlegt habe und Oskar ausnahmsweise – aber wirklich nur ausnahmsweise – mal recht haben könnte. «Aber dass man den Vertrag nicht verlängert, ist richtig. 38-Jährige sollten nicht den Jungen vor der Sonne stehen. Man hätte ihm das mit der Nicht-Verlängerung des Vertrages halt erst nach der Saison mitteilen sollen.»

Oskar lacht laut auf: «Das ist der ultimative Beweis für deine grenzenlose Naivität. Du willst mir damit sagen, dass du es für richtig hältst, dass man einem 38-jährigen Eishockeyspieler aus Gründen des eigenen Vorteils erst mitteilt, dass man nicht mehr mit ihm rechnet, wenn die Saison vorbei ist, obwohl man dies viel vorher beschliesst, und ihm damit wesentliche Zeit raubt, sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Willst du das wirklich sagen?»

«Nein, natürlich nicht», versuche ich abzuwiegeln. Aber es bleibt  beim Versuch.

«Und noch zu deiner Bemerkung von wegen den Jungen einen Platz wegnehmen», fängt Oskar an: «Wie wäre das für dich - du machst eine Ausbildung, arbeitest einige Jahre in deinem Beruf. Bist du dann auch einfach der Meinung, du solltest jemand Jüngerem Platz machen? Aus dem einzigen Grund, weil diese Person jünger ist? Falls ja, kannst du dich ja gleich selbst abschaffen.»

 «Du tust immer so besserwisserisch, prangerst alle an. Dabei könntest du es auch nicht besser. Solche Entscheide so zu treffen und zu kommunizieren, dass es für alle recht ist, ist schlicht unmöglich.» Endlich mal ein Punkt für mich. Habe ich gedacht. Doch ich habe die Rechnung ohne Oskar gemacht.

«Der Entscheid mit Harri hätte so gar nicht getroffen werden müssen», insistierte der Vogel. «Er realisierte nämlich in dieser Saison immer noch 28 Punkte…»

«…aber nächste Saison wären es weniger geworden…», schnitt ich der Ente das Wort ab, welches wiederum mir abgeschnitten wurde.

«Das kannst du doch gar nicht wissen. Und wenn schon.» Oskar redet sich ins Element. «Der Wert von Harri ist wohl ein ganz anderer. Wie ich bereits sagte, ist Harri das Herz dieser Mannschaft. Wenn dir im November jemand sagt, dass dir zu Beginn des neuen Jahres dein Herz herausgerissen wird, lebst du den Rest des alten Jahres auch nicht mehr einfach unbeschwert weiter. So etwas belastet. Wie beim Menschen ist es auch in einer Mannschaft. Zumal dort jeder weiss, dass Harri gerne weitergemacht hätte. Wahrscheinlich ist nun die Nichtqualifikation für das Play In trotz ausgezeichneter Ausgangslage die Folge dieses Entscheides. Eine Mannschaft besteht aus Menschen und da menschelt es halt. Ganz im Gegensatz zu uns Enten. Bei uns entelt es.» Oskar versucht, einen Witz zu machen. Es lacht aber niemand, ausser vielleicht er selbst.

«Vielleicht hat der Entscheid auch gar nichts mit der schwierigen letzten Phase der Saison zu tun», gebe ich zu bedenken. Ein Journalist, dessen Name mir gerade entfallen ist, stellt Coach Thierry Paterlini in den Fokus. Er ist der Meinung, dass ein anderer Trainer neun Niederlagen in zehn Spielen nicht überleben würde.»

«Ach, hat er das? Das habe ich noch gar nicht gesehen. Aber besagter Journalist denkt in seinen Denkmustern, aus denen er wohl auch diesmal nicht herausgefunden hat. Aber nichts gegen ihn, er ist immer sehr amüsant zu lesen. Und er hat in dieser Sache natürlich schon weitgehend recht. Aber das gilt für Langnau nicht. Hier wird mit Paterlini etwas aufgebaut, und man befindet sich trotz dieses jetzigen Ärgernisses auf Kurs.» 

«Aber etwas muss da falsch gelaufen sein. Denn wenn nicht, hätten sich die Langnauer locker für das Play In qualifiziert», gebe ich zu bedenken.

«Den einzigen gröberen Fehler, den Paterlini gemacht hat, ist, dass er Sportchef Päscu Müller nicht verboten hat, den Harri gehen zu lassen. Harri wäre als siebter Ausländer geblieben, hätte wohl seine etwas reduzierte Rolle akzeptiert, wäre aber immer noch da, immer noch respektiert und immer noch ein Leader gewesen. Und dann, wenn es ihn gebraucht hätte, hätte er alles gegeben und geliefert. Wie wir es von ihm gewohnt sind. Paterlini sollte sich seine Leute, die für das Vorwärtskommen der Mannschaft wichtig sind und denen er vertrauen kann, erhalten. Und Päscu Müller, ein ausgezeichneter Sportchef, hat wohl für einmal die Situation etwas falsch eingeschätzt.»

Ich war und bin überfordert. Der Redeschwall und die Besserwisserei der Ente haben mir zugesetzt. Ich habe das Gespräch sanft, aber bestimmt seinem Ende zugesteuert. Wir haben noch ein paar nette Floskeln ausgetauscht. Der Schleimer Oskar hat noch behauptet, wie spannend und interessant es immer sei, sich mit mir auszutauschen. Er ist einer derjenigen, welche die Gespräche am interessantesten finden, bei denen sie am meisten reden.